Lediglich vier Minuten Anlaufzeit brauchte es, bis die Videokonferenz des Behindertenrates in akustischer und optischer Brillanz im Internet tagte. Der Rat beschäftigte sich mit der für Behinderte wichtigen Zufahrt in die Altstadt, mit dem behindertengerechten Ausbau der Bushaltestellen sowie mit der schwierigen Wohnsituation in der Stadt für Menschen mit einem Handicap. In der Videokonferenz suchten Rat und Gastredner zudem einen adäquaten Ersatz für den Workshop, der durch die Pandemie im letzten Jahr ausgefallen war.

Aktuell sind im Radolfzeller Stadtgebiet 17 Bushaltestellen behindertengerecht umgebaut worden. Mit der Veränderung der Wegeführung im öffentlichen Busverkehr im nächsten Jahr habe sich nun die Prioritätenliste für den weiteren Umbau der Bushaltestelle verändert, informierte Constanze Werdemann. Obzwar sich der Umbau der Bushaltestelle während der Corona-Pandemie verzögert habe, lobte die Vorsitzende dennoch die Reaktion der Verwaltung auf die Bauverzögerung durch die Pandemie: Die Stadt habe die Zeit effektiv genutzt, um das Konzept neu zu überarbeiten, damit künftig der Umbau schneller vorangehen könne.

Die zweite Videokonferenz des Behindertenrates war eine erfolgreiche Blaupause für viele Radolfzeller Bürger in der Zukunft. Von oben rechts nach unten links: Constanze Werdermann (Vorsitz), Friedhelm Niewöhner (Geschäftsstelle), Heinz Küster (Stellvertreter), Andreas Heinz und Gunilla Fehr (Gastredner) sowie Elisabeth Störk (AWO) und Bettine Bielang (Caritas).
Die zweite Videokonferenz des Behindertenrates war eine erfolgreiche Blaupause für viele Radolfzeller Bürger in der Zukunft. Von oben rechts nach unten links: Constanze Werdermann (Vorsitz), Friedhelm Niewöhner (Geschäftsstelle), Heinz Küster (Stellvertreter), Andreas Heinz und Gunilla Fehr (Gastredner) sowie Elisabeth Störk (AWO) und Bettine Bielang (Caritas). | Bild: Georg Lange

Wie können Behinderte ihre Anliegen zu Gehör bringen? Wie können sie in die Ratsarbeit einbezogen werden? Und was braucht ein moderner Behindertenrat? Zur Beantwortung dieser Fragen plante der Behindertenrat in Zusammenarbeit mit dem Referat Bürgerbeteiligung für das letzte Jahr einen Workshop, der durch die Pandemie ausfiel. Für den Bürgerworkshop erhielt der Rat bereits Fördergelder, die bis Mai verrechnet sein müssten, so Constanze Werdemann. Die einzige Möglichkeit, den Workshop bis dahin abzuhalten, sehe die Vorsitzende in digitaler Form. Sie stellte den Workshop grundsätzlich zur Disposition.

Viele Radolfzeller wollen sich einbringen

Bedingt durch die Pandemie habe sich der Start des neuen Behindertenrats holprig gestaltet, urteilt Friedrich Niewöhner. Der Leiter der Geschäftsstelle bemerkte jedoch ein hohes Interesse in der Bevölkerung, sich einbringen zu wollen. Im Gegensatz zur ehemaligen Vorsitzenden Gunilla Fehr plädierte er für den digitalen Workshop, da er der Arbeit des Beirats gut tun würde. Zudem würden Menschen mit einem Handicap ihre Behinderung mit moderner Technik ausgleichen und so digital erreichbar sein.

Michael Haaga ist von Geburt an blind und beteiligte sich zum ersten Mal an der Videokonferenz. Für den Gastredner gehöre die Bedienung eines Computers und eines Smartphones mithilfe einer Sprachausgaben-Software zum Alltag. Es komme jedoch darauf an, welche Art von Behinderung vorliege und wie Behinderte ihr Defizit ausgleichen können, gab Haaga zu bedenken: Das würden nicht alle mithilfe einer PC-Technik machen.

Umfrage könnte Anliegen deutlich machen

Gastredner Andreas Heide sprach sich für eine Sammlung von Anregungen und Wünschen aus der Bevölkerung aus. Eine Umfrage per Post könne die Brennpunkte der Behinderten offenlegen. Listen von Bürgern mit einer Behinderung lägen der Stadtverwaltung nicht vor, so Friedhelm Niewöhner. Aus seiner Sicht seien Kennzeichnungen der Behinderung eine Diskriminierung.

Bei der Haushaltsdebatte habe sich der Gemeinderat mit großer Mehrheit für das generationsübergreifende Wohnprojekt Wige ausgesprochen, informierte der stellvertretende Vorsitzende des Behindertenrats, Heinz Küster. Auch für Werdermann ist das behindertengerechte Wohnen ein großes Anliegen. Trotz der Verwirklichung des Wige-Projekts sei der Bedarf an behindertengerechte Wohnungen bei Weitem nicht gedeckt. Viele Wohnungssuchende seien aus den Bewerbungsverfahren ausgeschlossen.

Gremium will auf Baugenossenschaften zugehen

Heinz Küster demonstrierte die enormen Kosten für den barrierefreien Umbau von Häusern. Mithilfe ansässiger Baugenossenschaften und der Landesförderbank KfW empfahl Küster Modelle für behindertengerechten Wohnungsbau zu entwickeln. Der Rat beschloss die Kontaktaufnahme zu den Baugenossenschaften.

Neue Gebührenordnung erschwert Zugang zur Altstadt

Für viele Behinderte ist der Zugang zur Altstadt durch eine neue Gebührenordnung für Taxiunternehmen stark eingeschränkt worden. „Nicht jedes Taxiunternehmen ist bereit, die Jahresgebühr für die Befahrung der Altstadt zu entrichten“, erläutert Friedrich Niewöhner: Diese Unternehmen würden nun Behinderte nur noch an der Altstadtgrenze auf- und abnehmen.

Michael Haaga ist als Blinder beim Einkauf auf Freunde und Bekannte angewiesen und orientiert sich für deren Unterstützung an ihren Zeitplänen. Er stehe nun vor dem Problem, ein für ihn passendes Taxiunternehmen für Erledigungen in der Altstadt zu finden. Ebenso seien Rückfahrten von Arztbesuchen aus den Freiburger Uni-Kliniken kolportiert, da die dort ansässigen Taxi-Unternehmen nun keine Genehmigung mehr für das Befahren der Altstadt hätten. Andreas Heide sieht hier ein Fehler in der Gebührenordnung und spricht in diesem Zusammenhang von einer City-Maut.