Begonnen hat alles mit einem Brief von Georg Gänswein. Dem aus dem Schwarzwald stammenden Erzbischof hatte ich mein Buch geschickt und ihn gebeten zu prüfen, ob ein Treffen mit Papst Franziskus möglich sei. Eine Audienz lag mir sehr am Herzen, er ist eine der zwei Hauptfiguren in meinem Kinderroman und maßgeblich daran beteiligt, das Geheimnis des verschwundenen Fischerrings zu lüften. Im Rahmen einer Generalaudienz sollte ich am 1. August die Möglichkeit haben, mein Anliegen im persönlichen Gespräch mit dem Heiligen Vater vorzubringen. Prima-fila-Karten, also Karten in der ersten Reihe, lägen einen Tag zuvor für mich unter meinem Namen zur Abholung bereit, teilte Gänswein mir mit.

Unter den Augen der Garde

Auf dem Weg zum Petersplatz begegnen wir vielen jungen Menschen, die sich auf ihr Treffen mit dem Papst vorbereiten. Es ist die Woche der internationalen Romwallfahrt der Ministranten 2018. Wir kämpften uns durch die Massen und stehen endlich vor dem Bronzetor. Vor uns Touristen, die sich mit den Wachleuten der Schweizergarde unterhalten. Die Blauuniformierten erteilen bereitwillig Auskunft, wirken routiniert und in ihrem Handeln sehr bestimmt. Ihre Körperhaltung verändert sich schlagartig, als ich ihnen den Brief von Georg Gänswein zeige. Sie sind sichtlich beeindruckt! Ein kurzes Telefonat, dann werde ich gebeten, die Schranke zu passieren und einem Soldaten zu folgen, der mich keine Sekunde aus den Augen lässt. Vom Touristen zum Staatsmann, so komme ich mir in diesem Moment vor. Meine Familie muss leider zurückbleiben.

Aus einem anderen Gebäude kommen vier weitere Gardisten in bunten Uniformen und Hellebarde, sie scheinen das gleiche Ziel zu haben wie wir. Meine Begleitung erklärt mir, dass dies die persönliche Wache des Papstes sei, wenn er gleich zu den Menschen spräche. Mehrere Türen und Treppenstufen später befinden wir uns in einer riesigen Halle. Die Wachleute vor uns sind in einer Seitentür verschwunden und es wird nicht mehr lange dauern, bis sie den Papst abgeholt haben und ihn zur Ansprache geleiten. Möglicherweise direkt an mir vorbei? Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Ein weiterer Offizier händigt mir meine Eintrittskarten für morgen aus. Er ist sichtlich nervös, weil ich hier an diesem Ort so kurz vor der Audienz nichts mehr verloren habe. Ich bedanke mich höflich und mache mich auf den Weg zurück zum Eingangstor.

Audienz in der Halle

Mittwochmorgen, ein letzter Blick in den Spiegel, dann gehen wir los. Aufgrund der hohen Temperaturen findet die Audienz in der Halle statt und nicht, wie gedacht, unter freiem Himmel. Die Taschen werden auf dem Weg dorthin an einer Sicherheitsschleuse genauestens durchleuchtet, bevor es in die Audienzhalle geht. Wir bewegen uns in einer Menschentraube, von denen immer mehr in die Seitenflügel geleitet werden. Uns wird nach einem Blick auf die Eintrittskarte gesagt, wir sollen immer weiter geradeaus gehen. Schließlich werden wir von einem Mann empfangen, der bedingungslose Seriosität und Loyalität ausstrahlt. Er begleitet uns die letzten Meter vor bis in die erste Reihe und weist uns dort die Sitzplätze zu. Inzwischen ist neun Uhr.

Der Böhringer Ortschaftsrat und Kinderbuchautor Thomas Welte erläutert Franziskus, dass in seinem Buch der Papst Karate kann.
Der Böhringer Ortschaftsrat und Kinderbuchautor Thomas Welte erläutert Franziskus, dass in seinem Buch der Papst Karate kann. | Bild: Welte privat

Wir beobachten, wie sich der hintere Teil der Halle füllt. Lieder und Fahnen lassen erkennen, dass sich Menschen aus der ganzen Welt versammelt haben. Besonders stimmgewaltig sind die Südamerikaner. Plötzlich rast die Menge. Auf dem großen Bildschirm neben der Bühne ist zu sehen, wie sich Papst Franziskus seinen Weg durch die Menschen bahnt, unzählige Hände schüttelt, Geschenke entgegennimmt und Menschen segnet. Fünfzehn Minuten später steht er auf der Bühne. Ein Lächeln und ein Gruß in die Menge, dann beginnt die Ansprache.

Franziskus kommt die Treppe herab

Er spricht auf Italienisch, liest ab, hebt an vielen Stellen den Kopf und ergänzt seine Predigt in freier Rede. Sinngemäß geht es darum, nicht falschen Göttern nachzujagen, die einem Lebenszeit nehmen und schaden, sondern den Gott zu erkennen, der einem das Leben geschenkt hat. Eine Stunde später ist der feierliche Teil vorbei. Der Papst steigt die Treppen hinab und geht auf die Menschen in den ersten Reihen zu. Er beginnt im linken Flügel, meine Familie und ich stehen im rechten. Gespannt beobachten wir, wie Franziskus die Menschen in den Arm nimmt, ihnen zuhört und offensichtlich Halt und Trost spendet. Egal, ob Jung oder Alt, mit Behinderung oder frisch vermählt, keinen lässt die Begegnung ungerührt. Viele haben Tränen in den Augen.

Ein Bild für den Papst

Nach zwanzig Minuten steht Papst Franziskus dann vor mir. Der letzte Anflug von Nervosität verfliegt, als sich unsere Blicke treffen und wir uns die Hand geben. Erzbischof Gänswein ermunterte mich im Vorfeld, Deutsch zu sprechen. Der Pontifex spricht und versteht die Sprache sehr gut. Ich zeige ihm das Buch "Anton und der Papst" und erzähle in wenigen Worten, worum es in der Geschichte geht. Der Heilige Vater erkennt sich auf dem Cover und muss schmunzeln. Als ich ihm erkläre, dass er in diesem Buch ein Meister in Karate sei, muss er herzlich lachen. Er nimmt das Buch in die Hand, blättert darin und entdeckt die Widmung, die ich vorsorglich auf Italienisch verfasst habe. Für einen Augenblick schweift er in Gedanken ab, aber schon im nächsten Moment hellt sich sein Gesicht auf. Er nickt mir freundlich zu und gibt mir zum Abschied die Hand, bevor er meine Frau Antje und unseren Sohn Christian herzlich begrüßt. Der hat ihm ein Bild gemalt. Franziskus schaut es lange an, dann hebt er den Daumen und lacht.

Erzbischof Georg Gänswein (links) hat die Audienz und das Gespräch mit Papst Franziskus für Familie Welte möglich gemacht.
Erzbischof Georg Gänswein (links) hat die Audienz und das Gespräch mit Papst Franziskus für Familie Welte möglich gemacht. | Bild: Welte privat

Zum Schluss gesellt sich Erzbischof Gänswein zu uns. Er freut sich, denn er hat unsere Begegnung aus nächster Nähe mitverfolgt. Auf meine Frage, ob der Papst das Buch lese, zuckt er mit den Schultern. "Er bekommt morgen alle Geschenke auf seinen Schreibtisch, auch Ihr Buch. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er es liest." Noch etwas Smalltalk mit Herrn Gänswein über Land und Leute, dann verlassen wir die Halle. Unterwegs brandet Beifall auf. Irritiert schauen wir uns um, aber hinter uns steht keiner. Der Beifall gilt offensichtlich unserem Sohn, denn viele möchten ihn abklatschen oder ihm auf die Schulter klopfen. Erst später erfahren wir, dass unsere persönliche Begegnung mit dem Papst auf der großen Leinwand gezeigt worden ist.

Das Treffen mit dem Papst hat etwa zwei Minuten gedauert. Was bleiben wird, ist die Erinnerung an eine große Persönlichkeit, der es gelungen ist, von sich und seinem Auftrag zu begeistern.

Vom Kinderbuch zum Treffen mit Franziskus

  • Zum Autor: Thomas Welte ist 1971 in Ravensburg geboren. Er studierte Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde für das Lehramt an Realschulen. Seit 14 Jahren ist er Lehrer an der Schule für Kranke im Hegau-Jugendwerk Gailingen. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn im Radolfzeller Ortsteil Böhringen und gehört dort dem Ortschaftsrat an.
  • Seine Bücher: 2008 entstanden seine Anthologie "Ich habe vom Himmel geträumt" und sein Roman "Yannick". 2018 ist sein Kinderbuchroman "Anton und der Papst" erschienen. Die Detektivgeschichte gibt es in jeder Buchhandlung zu kaufen (ISBN 9783752819939). Aktuell arbeitet Thomas Welte an zwei weiteren Buchprojekten. Beide Bücher sollen 2019 erscheinen.
  • Zu Papst Franziskus: Im Personenarchiv Munzinger ist vermerkt, dass Jorge Mario Bergoglio am 17. Dez. 1936 als Sohn italienischer Einwanderer in Buenos Aires geboren wurde. Neben der argentinischen besitzt Franziskus auch die italienische Staatsangehörigkeit. Von Kindheit an kämpfte Franziskus mit Lungenproblemen, im Alter von 21 Jahren wurde ihm ein Teil des rechten Lungenflügels entfernt. Er wuchs mit vier Geschwistern auf. Nach der ungewöhnlichen Entscheidung Benedikts XVI., das Papstamt aus gesundheitlichen Gründen niederzulegen, wurde Bergoglio am 13. März 2013 im fünften Wahlgang mit der nötigen Zweidrittelmehrheit zum 266. Bischof von Rom in der Nachfolge des heiligen Petrus und damit zum neuen Papst gewählt. Er ist damit Kirchenoberhaupt von über 1,2 Milliarden Katholiken weltweit.
  • Zu Georg Gänswein: Der Erzbischof wurde am 30. Juli 1956 im kleinen Schwarzwaldort Riedern (Landkreis Waldshut) als ältestes von fünf Kindern geboren. Georg Gänswein ist Präfekt des päpstlichen Haushalts und weiterhin Privatsekretär des emeritierten Papstes Benedikts XVI. (kup/bec)