Völlig unberechenbar muss der 50-Jährige Angeklagte im Tatzeitraum agiert haben. Die Anklageschrift umfasst 17 Punkte, die auf einen völligen Ausnahmezustand des Mannes hindeuten. Das Konstanzer Landgericht nahm sich zwei Tage Zeit, die Revision des Falles zu verhandeln.

Tatzeitpunkt ist mehr als zwei Jahre her

Und dies war mehr als schwer, da ein erheblicher Zeitraum seitdem vergangen ist. Alle Ereignisse fanden zwischen dem 24. Oktober 2016 bis 29. Januar 2017 in Radolfzell, Reichenau und Konstanz statt. Das Gericht hatte bereits im Oktober 2017 den Fall verhandelt und den Mann zu insgesamt fünf Jahren Haft und Unterbringung im Zentrum für Psychiatrie verurteilt.

Die Liste der Vergehen ist lang: Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Missbrauch von Notrufen, Diebstahl mit Waffe und gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr.

Nur eine Zugverspätung rettete dem Opfer das Leben

Keines der zahlreichen Opfer des 50-Jährigen wurde damals ernsthaft schwer verletzt. Doch die Willkür und der Grad der Gefährdung führten zu dieser hohen Strafe. Es begann im Oktober 2016, als der Angeklagte am Radolfzeller Bahnhof auf Gleis 6 mit einem anderen Mann in Streit gerat.

Es ging um ein Schluck aus der Cola-Flasche des anderen Mannes. Das Getränk habe er nicht teilen wollen, da wurde der 50-Jährige übergriffig. Letztlich stieß er das Opfer auf die Gleise. Der Geschädigte kam mit Prellungen und Schürfwunden davon, weitere Fahrgäste am Bahnsteig kamen ihm zu Hilfe. Glücklicherweise kamen sowohl der Zug auf Gleis 6 als auch auf Gleis 5 mehrere Minuten zu spät, sonst wäre der Mann vom zeitlichen Ablauf her vom Zug überfahren worden.

Oberlandesgericht hebt Urteile auf

Hierfür war der 50-Jährige in erster Instanz ebenfalls wegen dem gefährlichen Eingriff in den Zugverkehr verurteilt worden. Einen zweiten Fall, bei dem der Angeklagte für den Eingriff in den Zugverkehr verurteilt wurde, fand einige Tage später statt. Er fuhr mit dem Seehas von Radolfzell in Richtung Konstanz, stieg an der Haltestelle Reichenau aus und nahm den Feuerlöscher aus dem Zug mit.

Mit diesem soll er angefangen habe auf die Scheiben des Wartehäuschen einzuschlagen. Er sprühte auch den Inhalt des Feuerlöschers auf den Fahrkartenautomaten und einen Mann, der ihn von der Sachbeschädigung abhalten wollte. Den Feuerlöscher warf er ins Gleisbett, der Zugverkehr wurde aus diesem Grund unterbrochen, bis der Feuerlöscher gefunden und entfernt wurde.

Landgericht soll Rechtsfehler begangen haben

Gegen diese Urteile beantragte er Revision, das Oberlandesgericht bestätigte dies. Durch sein Verhalten habe er nicht willentlich den Zugverkehr beeinflusst, argumentierte das OLG. Dieser Aspekt sei in dem ersten Urteil nicht hinreichend behandelt worden.

Dieser Rechtsfehler musste nun in der zweiten Verhandlung überprüft werden. Im Urteil der Revision ist der gefährliche Eingriff in den Zugverkehr nicht mehr als Straftatbestand aufgeführt. Am Strafmaß änderte es allerdings nicht. Zu schwer wiegen die übrigen Vergehen.

Täter zeigte sich willkürlich und gefährlich

Diese Übergriffe fanden ohne konkreten Anlass statt und schockieren durch ihre Willkür. Er schubste in der Konstanzer Straße in Radolfzell eine Radfahrerin, die an einer Einfahrt hielt, von ihrem Fahrrad. Sie stürzte auf die Straße, auf der glücklicherweise kein Auto fuhr.

Am Luisenplatz bewarf er einen vorbeifahrenden Rollerfahrer mit einer Glasflasche. Am Bahnhof in Konstanz wollte er einem anderen Mann die Weinflasche abnehmen. Dieser wollte sie nicht hergeben, so schlug er mit einem Besenstiel, den er bei sich führte, auf das Opfer ein.

Wenige Minuten später steckte er jenen Besenstiel in der Bodanstraße einer Radfahrerin zwischen die Speichen, so dass sie stürzte und auf die viel befahrene Straße fiel. Auch hier passierte glücklicherweise wenig. Doch er nahm den Besenstiel und schlug auf das am Boden liegende Opfer ein.

Angriffe erfolgten ohne Anlass oder einem vorherigen Kontakt zwischen Täter und Opfer

Ein paar Meter weiter, nachdem er von der Radfahrerin abgelassen hatte, riss er unvermittelt einer Frau ihr Handy, mit dem sie gerade telefonierte, aus der Hand und warf es auf die Bodanstraße in den Verkehr. Keines der Opfer kannte den 50-Jährigen oder hatte irgendwie im Vorfeld mit ihm zu tun.

Seine gewalttätigen Ausbrüche hatten für Außenstehende keinen konkreten Anlass. Doch zeigte sich der Angeklagte im höchsten Maße gefährlich. So schlug er mit einer Spaltaxt auf das öffentliche Telefon am Radolfzeller René-Moustelon-Platz ein und versprühte den Inhalt eines Feuerlöschers in die Belüftung des Parkhauses am Konstanzer Fischmarkt und löste den Feueralarm aus. Dies führte zu einem Feuerwehreinsatz. Die Belüftungsanlage musste aufwendig gereinigt werden.

Angeklagter legte mehrfach Feuer in der Konstanzer Altstadt

An gleich drei Orten in der Konstanzer Innenstadt setzte er zur Abfuhr herausgestelltes Altpapier in Brand und gefährdete so mehrere historische Häuser. Er schlug die Scheibe einer Gaststätte ein, löste im Zentrum für Psychiatrie den Feuermelder aus, im Seehas attackierte er einen Fahrgast unvermittelt.

Für all diese Vorfälle beschied das Gericht ihm eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit, da der 50-Jährige bereits in der Vergangenheit wegen einer drogeninitiierten Psychose in Behandlung war. Mehrfach in seinem Leben war er für längere Zeiträume in einer Psychiatrie eingewiesen.

50-Jähriger wird auch weiterhin im ZfP Reichenau bleiben müssen

Das wird auch noch weiterhin der Fall sein, denn das Gericht lehnte seinen Antrag auf Entlassung aus dem ZfP Reichenau ab. Der Angeklagte machte zu all dem keine Angaben. Aus dem Bericht der Gerichtshilfe erfuhr man allerdings etwas über die Vergangenheit des Mannes.

Geboren wurde er in Norddeutschland, seine Mutter starb früh, er wuchs erst bei seinen Großeltern, dann bei Pflegeeltern und schließlich im Heim auf. Während seiner Tischlerlehre begann er Cannabis und Alkohol zu konsumieren. Er lebte eine Weile in einer Kommune mit drei weiteren Personen, später verbrachte er eine Zeit in Portugal.

Angeklagter möchte nicht mit den Drogen aufhören

Nach seiner Rückkehr schloss er sich der Berliner Hausbesetzerszene an. In der Zeit setzte die Psychose ein. Durch eine Bekanntschaft aus Portugal kam er an den Bodensee. Er selbst gab an, kein Interesse daran zu haben, seinen Drogenkonsum einzustellen.

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