Der Verein Compurama eröffnet am Samstag, 19. Oktober, sein neues Domizil in der ehemaligen Kunststofffabrik in Liggeringen mit einer Ausstellung über die Geschichte des Radios. Mitglieder des Vereins haben in einem Seitentrakt im Erdgeschoss neue Böden verlegt, die Wände gestrichen und die Inneneinrichtung für eine sehenswerte Schau aufgebaut, die auch die gesellschaftliche Bedeutung des Rundfunks herausheben möchte.

Angefangen von den ersten Radioversuchen und Rundfunkprogrammen, die in Deutschland ab 1923 gesendet wurden, wirft die Ausstellung einen Blick auf die Entwicklung der Volksempfänger und auf den Radolfzeller Radiogerätebau in der Nachkriegszeit bis hin zu den Kultradios der 1950er und 1960er Jahren. Sie zeigt ebenso, wie eine technische Neuerung den Radiobau von Grund auf revolutionierte.

Zum Radiohören in die Wirtschaft

Die ältesten Radios der Schau sind ein Saba-Radio aus dem Jahr 1925 sowie ein Telefunken-Radio von 1927 mit Röhren, Spulen und Drehkondensatoren. Mit dem Telefunken-Radiogerät konnte man Sendungen aus Rom, Stockholm und Bari empfangen. Das Radio kostete etwa 540 Reichsmark, erläutert der Vorsitzende des Vereins, Wolfgang Scheinberger: „Das war nahezu unerschwinglich“. Als Polizist habe man monatlich 93 Reichsmark verdient.

Ein Radio dieses Typus stand im Gasthaus Krone. Radolfzeller Gäste seien damals eigens zum Radiohören in die Wirtschaft gegangen. Das Produktdesign jener Zeit war auf dem Aufbau des Innenlebens eines Radios abgestimmt: Im Sockel die Röhren für das Radio, darüber die Lautsprecher. Drei Knöpfe dienten zur Wahl der Sender, der Lautstärkeregelung sowie für die Rückkopplung.

Vom Emud zum Volksempfänger

Die Schau zeigt einen Emud aus den 1930er Jahren – einen Vorläufer des Volksempfängers für den Preis von 70 Mark. Mit diesem verhältnismäßig erschwinglichen Radio konnte lediglich ein Ortssender empfangen werden. Die Nationalsozialisten im Dritten Reich zeigten Interesse an günstigen Radiogeräten und nahmen das Emud als Vorbild für den Volksempfänger, so Wolfgang Scheinberger: Das sei ein schwerer Rückschritt für die Radiotechnik gewesen. Denn die Volksempfänger seien technisch schlechter ausgestattet gewesen als es in jener Zeit möglich war. Höherwertige Radios waren für den Export bestimmt oder kamen erst nach dem Krieg wieder in den Handel.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verwendeten Radolfzeller Radiofabrikanten Röhren aus den USA, die sie in Stuttgart von US-amerikanischen Besatzern kauften. Ein Schreiner baute aus Apfelkisten das Gehäuse. Die Schau des Compurama zeigt Radolfzeller Unikate, die es so nur in der Schau zu sehen gibt.

Schneewittchensarg und Philetta

Ab den 1950er Jahren gewann der Lautsprecher im Radiodesign an Dominanz. Gleichzeitig traten die Skala und die Bedienungselemente in ihrer optischen Präsenz zurück. Als Beispiel für den Radiobau der 1950er Jahre zeigt die Ausstellung ein funktionsfähiges Blaupunkt-Radio sowie ein Radio der Firma Braun, das im Volksmund den Spitznamen „Schneewittchensarg“ trug. Hierfür habe der Radiobauer einen Designer aus Italien engagiert, der das Radio mit einem Schallplattenspieler kombinierte. Das in der Farbe Weiß produzierte Radio setzte sich von anderen Empfängern ab und setzte einen neuen Trend.

Hinzu kamen Raffinessen wie der Empfang der Ultrakurzwellen (UKW). Der Einsatz des UKW-Technik ermöglichte ab den 1960er Jahren den Stereoempfang, so Scheinberger. Die ersten Stereo-Radiosendungen in Deutschland strahlte der Sender Freies Berlin anlässlich der Funkausstellung im Jahr 1963 aus. Die Schau zeigt auch das Radio Philetta der Firma Philipps. Gitterstäbe vor dem Lautsprecher des Radios wurden von unten beleuchtet und sahen beim abendlichen Betrieb wie ein Kaminfeuer aus, schwärmt Scheinberger: Das Konzept dieses Kultradios wurde von vielen Radiobauern kopiert. Es gehört mit zu den letzten Röhrenradios auf dem Markt.

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Die Computerisierung der Lebenswelt durch Personal Computer (PC) und Smartphones, die ebenso Funktionen der Telekommunikation übernehmen, lässt die Frage nach der Zukunft des Radios aufkommen. „Das Radio hat nur noch in drei verschiedenen Sparten eine Überlebensschance: Als Autoradio, als Radiowecker und als Küchenradio“, so Scheinberger. Sie seien in dieser Form in fast sämtlichen Haushalten verbreitet. Der Rundfunk habe sein Angebot ganz auf das Autoradio umgestellt, resümiert Scheinberger.

Von der Röhre zum Transistor

Radioröhren waren bis in 1950er Jahre elektrische Bauelemente im Radiobau. Sie verstärken empfangene Ton- und Antennensignale und bestehen aus einem evakuiertem Glaskolben. Zum Schutz des Glases wurde dieses manchmal in einen Metallsockel gesetzt. Die Röhren wurden meist von Frauen unter einem Mikroskop zusammen gelötet.

Die Radioröhre wurde in den 1960er Jahren durch den Transistor ersetzt. Er ermöglichte erstmals eine signifikante Gewichts-, Betriebskosten- und Größenreduktion der Radiogeräte. Die Erfindung des erschütterungsfesten Transistors in den 1950er Jahren war eine technische Revolution. Dadurch wurde der Bau transportabler Radios rmöglicht. Die Erfindung des Transistorradios brachte große Fortschritte in der weltweiten Kommunikation.

Der Radolfzeller Verein für Technikgeschichte Compurama sammelt historische, noch funktionstüchtige Radios, Telefon, Schreib- und Rechenmaschinen sowie Computer.