Herr Voltmer, freuen Sie sich jetzt über geregelte Arbeitszeiten in der Chirurgie Radolfzell?

In der Chirurgie gibt es keine geregelten Arbeitszeiten. Da hätte man den falschen Beruf gewählt. Und auch durch die jetzt veränderten Rahmenbedingungen heißt es nicht, dass wir um 8 Uhr kommen und um 17 Uhr gehen. Die Chirurgie ist ein Tätigkeitsfeld, in dem man rund um die Uhr beschäftigt ist. Allein durch die Tatsache, dass jetzt der OP in Radolfzell nachts und am Wochenende nicht mehr betrieben wird, bedingt ja nicht, dass in der Ambulanz nicht weiter Betrieb herrscht. Insofern hat sich für mich in meiner Tätigkeit per se erst mal nicht so viel geändert.

Aber nach dem Wegfall der Geburtshilfe ist die Operationstätigkeit eingeschränkt. Abends nach 18.30 Uhr und an Wochenenden wird in Radolfzell nicht mehr operiert. Macht es da Sinn für Patienten, bei einem Notfall noch die Ambulanz im Radolfzeller Krankenhaus aufzusuchen?

Unbedingt. Wir haben die chirurgische Ambulanz nach wie vor rund um die Uhr geöffnet. Das heißt, dass ärztliche Hilfe in Radolfzell- so wie zuvor auch, geleistet wird. Was wir, anders als vor dem 1. April, nicht mehr leisten können, ist, dass wir akute und zwingend unmittelbar operationsbedürftige Erkrankungen versorgen. Wir schauen, ob eine OP-Indikation gegeben ist, und leiten die Patienten dann im Bedarfsfall weiter nach Singen oder nach Konstanz. Das ist die entscheidende Veränderung, die sich durch die neue Struktur ergeben hat. Die Erstversorgung wird nach wie vor kompetent und sicher geleistet, da ändert sich für den Patienten nichts.

Wie verhalten sich die Einsatzwagen des Deutschen Roten Kreuzes?

Eine berechtigte Frage. Wir hatten Anfang April mit den verantwortlichen Mitarbeitern vom Roten Kreuz ein ausführliches Gespräch, weil natürlich der Rettungsdienst auch ein Stück weit unsicher war, wen fahren wir jetzt wohin. Wir haben Einsätze, die mit einem Notarzt gefahren werden, wir haben Einsätze, die ohne Notarzt gefahren werden. In dem Moment, in dem ein Notarzt mit dabei ist, kann dieser sehr gut einschätzen, welche Klinik für den Patienten die primär richtige ist. Wenn die Rettungsassistenten allein sind, haben wir vereinbart, dass mit Ausnahme von offenen Brüchen, bei denen der Knochen aus der Haut herausguckt und man sieht, das muss sofort operiert werden, alles nach Radolfzell gefahren werden kann. Wir führen die Erstdiagnostik durch und organisieren im Bedarfsfall die Weiterleitung nach Singen oder Konstanz. Nicht jeder Notfall, der vom Rettungsdienst gesehen wird, muss sofort oder innerhalb der ersten zwölf Stunden operiert werden. Bei aufgeschobener Dringlichkeit kann eine Operation in Ruhe und geplant durchgeführt werden. Die Patienten, die zwingend und sofort operiert werden müssen, werden aus Radolfzell zukünftig entweder nach Singen oder nach Konstanz weitergeleitet.

Und wie verhalten sich die niedergelassenen Ärzte? Rufen die zuerst an?

Die niedergelassenen Ärzte wissen eigentlich auch aus der Vergangenheit sehr genau, was wir in Radolfzell leisten können und um die Stärken unseres Hauses, aber auch um die Schwerpunkte in den benachbarten Kliniken – das funktioniert sehr gut. Der hausärztliche Bereitschaftsdienst beziehungsweise Wochenenddienst fragt im Zweifelsfall nach. Da ist eigentlich eine enge Kommunikation gegeben.

Welches sind die Stärken im Radolfzeller Haus oder in Ihrer Abteilung?

Wir sind ein grundsolides Haus der Grundversorgung. Das heißt, die gängigen Krankheitsbilder auf chirurgischem Fachgebiet können wir kompetent behandeln. Dazu gehört zum Beispiel in der Allgemeinchirurgie die Weichteilchirurgie, die Leistenbruchchirurgie und die Enddarm-Chirurgie. Die Gefäßchirurgie führt Krampfaderoperation in einer großen Zahl durch. In der Unfallchirurgie haben wir neben der Grundversorgung von Brüchen einen Schwerpunkt in der Fußchirurgie mit einem überregionalen Einzugsgebiet mit Patienten, die auch aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis und dem Bodenseekreis kommen. Das sind absolut unsere Stärken.

Damit haben Sie Ihren Platz im Gesundheitsverbund gefunden?

Der Gesundheitsverbund darf sich glücklich schätzen ein abgestuftes Versorgungskonzept für seine Patienten anbieten zu können. Das heißt, wir haben Häuser, die wirklich schwerste Krankheitsbilder umfassend behandeln können und wir haben ein kleines Haus, in das die Patienten gehen, wenn sie Wahleingriffe durchführen lassen wollen. Wenn sie den Arzt, der sie operiert, kennen wollen, wenn sie in einem überschaubaren Haus behandelt werden wollen, wo man mit Namen angesprochen wird und wo man in der Summe ein – ich möchte fast sagen – familiäres Umfeld hat. Das ist sicher eine große Stärke unseres Hauses. In der Summe kommen wir damit, glaube ich, sehr gut zurecht. Wir haben schon jetzt unsere OP-Pläne mit gut 80 Prozent Patienten gefüllt, die geplant aufgenommen werden.

Warum hat Radolfzell bei Fußoperationen solch ein großes Einzugsgebiet?

Wir versorgen Fuß und Sprunggelenk als Schwerpunkt unserer Arbeit schon seit vielen Jahren kompetent etwa bei Fehlstellungen, Arthrosen sowie bei Sehnen- und Weichteilerkrankungen. Als Alleinstellungsmerkmal von Radolfzell versorgen wir zudem in der Kombination mit der Diabetologie auf einer interdisziplinären Fußstation Patienten, die ganz komplexe Krankheitsbilder haben, die Spezialisten brauchen für den Zucker, die Spezialisten brauchen für die Gefäßerkrankungen, die Spezialisten brauchen, die das dann entsprechend operieren können. Da gibt es weit und breit keine Klinik, die das so gebündelt und kompetent anbietet, wie wir.

Haben Sie sich auch auf bestimmte Operationen spezialisiert, die nur Sie im Verbund hier in Radolfzell anbieten?

Das ist sicher die Fußchirurgie mit Hallux valgus – das ist eine Fehlstellung der großen Zehe – und Hammerzehen-Eingriffe, aber auch schwierigere Eingriffe wie Plattfußumstellungsoperationen führen wir vermehrt durch. Es gilt zukünftig noch mehr herauszustreichen, was wir gut machen. Wir haben sicher Potenzial, noch mehr Fälle und mehr Patienten aus diesen Bereichen zu akquirieren.

Wie groß ist dann das Chirurgieteam in Radolfzell?

Es gibt mich als Chefarzt, es gibt für die Allgemein- als auch für die Gefäßchirurgie jeweils einen leitenden Arzt, die beide von Singen gestellt, aber hier in Radolfzell eingesetzt werden. Insgesamt haben wir in Radolfzell in der Chirurgie zehn Ärzte.

Als Chefarzt sind Sie auch für den organisatorischen Bereich zuständig. Fällt das unter den neuen Rahmenbedingungen jetzt leichter oder schwerer, das alles zu organisieren?

In der Summe ergibt sich in der Organisation für mich keine wesentliche Veränderung. Es gilt nach wie vor, den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten, die Dienste zu besetzen und die Qualität des Hauses sicherzustellen. Das habe ich in der Vergangenheit gemacht, das gilt es auch in Zukunft zu leisten. Wir werden als kleines Haus letztendlich darauf achten müssen, dass wir für Ärzte in Weiterbildung attraktiv bleiben, die am Anfang ihrer Qualifikation stehen.

Und wie machen Sie das? Mit welchen Perspektiven werben Sie?

Ich habe die Weiterbildungsermächtigung für den sogenannten Common Trunk. Jeder Arzt, der Chirurg werden will, muss in den ersten 24 Monaten einen Einblick in alle Bereiche der Chirurgie gewinnen, bevor er dann in die Spezialisierung geht. In den ersten zwei Jahren muss man überall mal reingeschnuppert haben, um chirurgische Grundfertigkeiten und Grundkenntnisse zu erwerben. Das können wir natürlich in einem überschaubaren, kleineren Haus mit flacher Hierarchie und kurzen Wegen sehr gut anbieten.

Sie wohnen in Radolfzell, sind Sie auf das OP-Ende in der Nacht und am Wochenende angesprochen worden und was haben Sie den Leuten gesagt?

Wir waren, wenn ich ehrlich bin, nicht ganz unvorbereitet, weil klar war, dass die Nacht-OP-Bereitschaft ganz eng verwoben ist mit der Geburtshilfe. Und allen war im Grunde genommen klar, dass sich in dem Moment, in dem die Geburtshilfe eingestellt wird, auch in der OP-Bereitschaft etwas ändern wird. Das heißt, wir selbst waren nicht so überrascht wie vielleicht die Öffentlichkeit. Ja, ich werde immer wieder angesprochen. Und nicht nur ich werde angesprochen, sondern vor allem meine Frau, die ja öfters in der Stadt unterwegs ist, während ich im Krankenhaus bin. Es herrscht nach wie vor eine erhebliche Verunsicherung. Einmal: gibt es überhaupt noch eine chirurgische Ambulanz? Ist da noch ein Arzt? Und was kann der? Oder darf ich überhaupt ins Krankenhaus Radolfzell kommen?

Darf man kommen?

Ja! Die grundsätzlichen Strukturen im Vergleich zu dem Zeitpunkt vor dem 1. April bleiben. Die Tatsache, dass wir nachts und am Wochenende nicht mehr operieren können, ist aber eine wesentliche Veränderung. Die Versorgung läuft erst mal so, wie bisher auch. Das heißt, die Ambulanz ist wie zuvor uneingeschränkt offen und mit einem chirurgischen Assistenzarzt besetzt und es ist immer ein Chirurg im Hintergrund, der Facharztkompetenz besitzt. Eine qualifizierte Behandlung ist somit weiterhin gewährleistet.

Sie befürchten also nicht, dass übermorgen oder morgen schon der OP-Saal ganz abgeschlossen wird?

Ich bin ein vertrauensvoller Mensch, ich bin immer Optimist und ich bin Radolfzeller Chirurg mit Leib und Seele. Unsere Leistungen sind gut und werden angenommen, davon zeugen die steigenden Fallzahlen der letzten Jahre. Insofern gehe ich davon aus, dass wir – gerade unter Berücksichtigung der Schwerpunkte – auch weiterhin operative Leistungen anbieten werden. Aber ich bin kein Hellseher, und wie es in fünf Jahren aussieht, ist ganz schwer vorherzusagen.

Fragen: Georg Becker

 

Zur Person

Wolff Voltmer, verheiratet, drei Kinder, 1963 in Darmstadt geboren und aufgewachsen, arbeitet seit 2003 im Krankenhaus Radolfzell und ist seit 2012 Chefarzt Chirurgie. Nach dem Studium in Gießen und Frankfurt war er Unfallchirurg an der Uniklinik Mainz. Das Thema seiner Doktorarbeit an der Uniklinik Mainz lautet ins Allgemeinsprachliche übersetzt: eine vergleichende Untersuchung von verschiedenen Operationen bei schienbeinkopfnahen Unterschenkelbrüchen. Als Ausgleich nennt er seine Familie und Hund Mila, ein Mischling. Seit 2011 engagiert sich Wolff Voltmer als Vorsitzender im Kunstverein Radolfzell.

Die Geburtenstation am Krankenhaus Radolfzell ist Ende März geschlossen worden. Seit dem 1. April ist deshalb der Operationsbetrieb im Krankenhaus Radolfzell eingeschränkt, nachts und an Wochenenden wird dort nicht mehr operiert.(bec)