Es ist eine beeindruckende, berührende Lebensgeschichte, die Familie Wolf zu erzählen hat. Nathan Wolf war Arzt in Wangen und gilt als der letzte Jude des Ortes. Wurde er im Ersten Weltkrieg noch mit Orden behängt, musste er im Zweiten Weltkrieg ins schweizerische Exil fliehen. Diese Geschichte wurde bereits in Ausstellungen und einem Buch erzählt. Doch nun soll eine größere Öffentlichkeit mehr erfahren über das Leben dieser deutschen jüdischen Familie: Historikerin Anne Overlack hat mit Uli Braun eine Webseite erstellt. Dort können Besucher virtuell in den Briefen blättern, die Nathan Wolf seinen Kindern Gert Wolf und Hannelore König geschickt hat. Wer das brüchige Papier einmal selbst greifen möchte, hat bald im Haus der Geschichte in Stuttgart die Gelegenheit, denn dorthin zieht die Sammlung.

Gepresste Blumen vermitteln die Stimmung

"Wie drückt man Gefühle und die Situation aus?", fragt Thomas Schnabel als Leiter des Hauses der Geschichte. "Mit Blumen", antwortet Anne Overlack. Sie hat immer wieder gepresste Blumen in den Briefen gefunden und diese auf der Webseite teils mit abgebildet. Auf ihrem Esstisch in Bankholzen hat sie einige Unterlagen ausgebreitet, darunter auch jene Briefe. Online berichtet außerdem Hannelore König in Audio-Dateien von ihrer Jugend. Als 17-Jährige erlebte sie die Schrecken des Nationalsozialismus, durfte erst nicht mehr zur Schule und musste dann mit ihrem Bruder Gert als Magd in Stuttgart arbeiten. Nathan Wolf ist 1970 gestorben, seine Tochter Hannelore starb 2012. Es bleiben der heute 90-jährige Gert Wolf und seine Tochter Deborah Wolf, um die Familiengeschichte zu erzählen und zu erhalten. "Wir haben viel Platz zuhause, das Haus ist voll mit Dokumenten", sagt Deborah Wolf.

Bisher lagerte Anne Overlack Unterlagen wie diese in ihrem Arbeitszimmer. Künftig sind sie in Stuttgart zu sehen.
Bisher lagerte Anne Overlack Unterlagen wie diese in ihrem Arbeitszimmer. Künftig sind sie in Stuttgart zu sehen. | Bild: Arndt, Isabelle

Die wenigsten haben solche Dokumente aufbewahrt

Viele Vertriebene hätten solche Dokumente gehabt, doch die wenigsten hätten sie aufbewahrt und genau beschriftet, sagt Thomas Schnabel vom Haus der Geschichte. Viele Juden seien auch nicht zurück gekehrt. Bei den 30 bis 40 Fotoalben der Familie Wolf sei nachvollziehbar, wer auf welchem Bild zu sehen ist. "Die Wolfs waren sich der Besonderheit der Situation bewusst", sagt Thomas Schnabel. Besonders sei auch, dass Nathan Wolf kurz nach Kriegsende nach Wangen zurückkehrte. "Er will mit den Leuten wieder in Frieden leben", sagt Anne Overlack. Nathan Wolf wurde wieder zur öffentlichen Person: Zum Arzt der Gemeinde, zum Gemeinderat, kurzzeitig zum Bürgermeister. "Eigentlich haben erst die Nazis ihn zu einem Juden gemacht", sagt Schnabel über Nathan Wolf. In erster Linie sei er ein überzeugter Deutscher gewesen. Und so hängte er sein Bundesverdienstkreuz, das er 1962 erhielt, neben die Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg. 1966 wurde er zum Ehrenbürger Wangens.

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Die Familiengeschichte von der Höri soll auch eine mahnende Erinnerung sein. Damit sie künftig in Stuttgart einsehbar ist, soll sie gesichtet und bewahrt werden. Die Klarsichtfolien, mit denen sie bisher vor dem Verfall geschützt werden, müssen beispielsweise durch spezielle ohne Weichmacher ersetzt werden, wie Thomas Schnabel ankündigt. Die Sammlung soll dann zugänglich sein, ohne dass man bei Wolfs auf dem Sofa oder bei Anne Overlack im Büro sitzt. Ob die Sammlung in einer Ausstellung zu sehen sein wird, kann Schnabel noch nicht sagen – vorstellen könne er es sich aber.

Auf der Webseite können Besucher schon jetzt die Geschichte sehen, lesen und hören

Bis dahin sind auch online viele Details zu sehen, zu lesen und zu hören. "Hannelore König hat die Geschichte unheimlich präzise erinnert und erzählt", sagt Anne Overlack. Diese Form der Präsentation biete ganz neue Möglichkeiten im Vergleich zu einer Vitrine, wie sie klassisch bei einer Ausstellung gezeigt würde. Overlack möchte damit ihrer Arbeit an dem Biografieprojekt, das sie seit zehn Jahren beschäftigt, Bestand verleihen. Die Vorteile: Diese Online-Ausstellung müsse man nach sechs Wochen nicht wieder abbauen und die Webseite sei auch nicht auf Öffnungszeiten beschränkt.

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