Um die Erinnerung an die Reichpogromnacht vor 80 Jahren und die Brutalität der Nationalsoziallisten aufzuzeigen, fanden am Wochenende in Bankholzen und Wangen Gedenkveranstaltungen statt. Dabei ging es nicht nur um ein sentimentales Gedenken. Jedes Mal war es gleichzeitig auch eine Warnung, so etwas dürfe nie wieder passieren. Brandaktuell, denn es gibt auch heute genügend Anzeichen, dass es ein Auseinanderdriften einer Wertegemeinschaft gibt. Das Wort Jude ist inzwischen auf den Schulhöfen wieder als Schimpfwort angekommen. Pfarrer Gebhard Reichert sprach es indirekt aus: "Heute haben die Glocken geläutet. Sie hätten auch heute vor 80 Jahren läuten müssen." Heute als Mahnung, damals als Warnung. Es sei aktuell besonders wichtig, eine Verpflichtung für alle Menschen, genau hinzuschauen, was gerade in unserer Gesellschaft passiere.

Hans Kellner begleitet am Cello die Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in Bankholzen. Bei jeder Gedenkveranstaltung waren mehr Menschen erschienen, als die Veranstalter gerechnet hatten.
Hans Kellner begleitet am Cello die Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in Bankholzen. Bei jeder Gedenkveranstaltung waren mehr Menschen erschienen, als die Veranstalter gerechnet hatten.

Auf die geschichtlichen Veränderungen ging auch Anne Overlack ein. Der 9. November sei nicht nur der Tag der Reichspogromnacht (1938) gewesen. Es war auch der Tag, als Philipp Scheidemann 1918 die Weimarer Republik ausgerufen hat. Es war damals die modernste Form der Demokratie. "Aber Demokratie ist sowohl die gerechteste, als auch die schwächste Form eines Staatswesens. Es gilt, sehr genau auf dieses Gut zu achten und es zu verteidigen", führte Overlack aus.

20 Jahre nach dem Ausruf der Weimarer Republik entlud sich eine in dieser Dimension nicht vorhersehbare Gewaltwelle. Deborah Wolf aus Wangen schilderte: "Mein Großvater, Nathan Wolf, ging davon aus, dass ihm nichts passieren würde." Nathan Wolf hatte am Ersten Weltkrieg teilgenommen und wurde als Frontoffizier ausgezeichnet. Er war vermutlich der Meinung, dass er damit seine positive Einstellung für Deutschland bewiesen habe. Obwohl ihm bereits eine Einreisegenehmigung in die Schweiz vorlag, dachte Nathan Wolf wohl, es würde nichts Schlimmes passieren. Ein fataler Irrtum, wie sich nachträglich herausstellte. Denn einen Tag nach der Reichspogromnacht fiel die SS auch in Wangen ein. Das Synagogengebäude wurde gesprengt, jüdische Mitbewohner abgeführt und auf schlimme Weise mißhandelt, bevor sie in das Konzentrationslager Dachau gebracht wurden.

Kurt Oesterle hält im Wangener Rathaus einen vielbeachteten Vortrag über die Folgen des Krieges unter der Überschrift: Die Erbschaft der Gewalt.
Kurt Oesterle hält im Wangener Rathaus einen vielbeachteten Vortrag über die Folgen des Krieges unter der Überschrift: Die Erbschaft der Gewalt.

Ortsvorsteher Siegfried Schnur stellte die provokante Frage, ob es nach 80 Jahren nicht möglich sei, unter dieses schuldbehaftete Thema einmal einen Schlußstrich zu ziehen. Er gab in einer beeindruckenden Ansprache auch gleich seine Antwort: "Nein, das dürfen wir nicht. In Zeiten, wo nationalsozialistisches Gedankengut wieder salonfähig zu werden scheint, wo völkisches Vokabular in sozialen Netzwerken täglich zu lesen ist, in Zeiten, wo diese Jahre der Geschichte als ein Vogelschiss bezeichnet werden, aber heute ein wieder ansteigender Antisemitismus zu verzeichnen ist, müssen wir ein Zeichen setzen." Auch ein ganz deutlicher Hinweis an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der in Bezug auf Flüchtlinge gefordert hatte, Männerhorden in die Pampa zu schicken. Es sind, so konnte man die Rede Schnurs verstehen, schleichende Entwicklungen, Schritt für Schritt immer weitergehend, die eine gefährliche Atmosphäre schaffen, die später zu einer Explosion führen könnte. Dann habe man aus der Geschichte nichts gelernt.