In der Ortsmitte von Gallmannsweil, einem Ortsteil von Mühlingen, führt die Straße an einem stattlichen Fachwerkhaus vorbei. Es ist das ehemalige Pfarrhaus gegenüber der Kirche St. Barbara. Vor etwa 13 Jahren haben Rolf und Sylvia Hummel mit der Renovierung des 1543 erbauten Kulturdenkmales von besonderer Bedeutung, so die Definition laut Denkmalschutzgesetz, begonnen. Ihnen gehört eine Schreinerei und Zimmerei in Wintersulgen und sie beschäftigen sich auch beruflich überwiegend mit Baudenkmalen. Der damalige und heutige Pfarrer Hartwig-Michael Benz hatte ihnen während ihrer Arbeit am Kirchturm und Glockenstuhl der Kirche den Erhalt und die sanfte Umgestaltung des Pfarrhauses angetragen. „Von außen sah das Haus gut aus, alles wirkte ordentlich und gepflegt“, erzählt die Restauratorin. Nach umfassenden Freilegungsarbeiten zeigten sich jedoch starke Fäulnisschäden und Überlastungsbrüche an den Hölzern, die Stück für Stück und zurückhaltend saniert und instandgesetzt werden mussten. Dabei war die Herangehensweise und Umsetzung der Arbeiten einem stetigen Prozess während des Baufortschrittes unterworfen.

Ungewöhnliche Stühle und Fenster (links) gehören zur Einrichtung des Renaissancezimmers im ehemaligen Gallmannsweiler Pfarrhaus. Bild: Claudia Ladwig
Ungewöhnliche Stühle und Fenster (links) gehören zur Einrichtung des Renaissancezimmers im ehemaligen Gallmannsweiler Pfarrhaus. Bild: Claudia Ladwig | Bild: Claudia Ladwig

Die Erbauer des Pfarrhauses im 16. Jahrhundert, die Herrschaft Heudorf-Waldsberg, legten großen Wert auf Qualität, weshalb das gesamte Gebälk, der Dachstuhl sowie das Fachwerkgefüge in Eichenholz ausgeführt wurden. Dies gilt ebenso für die katholische Kirche in Krumbach und den Dachstuhl der katholischen Kirche in Gallmannsweil, die im damaligen Herrschaftsgebiet der Grafen von Heudorf-Waldsberg lagen. Spätere Veränderungen während der Barockzeit – inzwischen war das Patronatsrecht an die Fürsten zu Fürstenberg übergegangen – wurden alle in Nadelholz ausgeführt.

Diese Baugeschichte mit ihren Veränderungen wurde in einem umfassenden Vorprojekt durch einen Bauforscher untersucht und in Baualtersplänen festgehalten. Hier zeigen sich die drei wesentlichen Bauphasen am Gebäude während der eigentlichen Erbauungszeit 1543, während der Barockzeit im 18. und schließlich die zuletzt vorgenommenen Veränderungen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Es ließ sich nachweisen, dass der überwiegende Teil der heute vorhandenen Hölzer aus der Erbauungszeit um 1543 stammt. Unter der Herrschaft Fürstenberg wurde das Haus dem barocken Zeitgeist angepasst und erhielt in einer der drei guten Stuben eine Stuckdecke sowie teilweise größere Fensteröffnungen und flächig verputzte Wände. So erlebt man heute eine Zeitreise von 200 Jahren, wenn man sich vom Renaissancezimmer mit der originalen Bretterdecke in das Barockzimmer mit der Stuckdecke begibt.

Die stuckverzierte Decke im Barockzimmer des Gallmannsweiler Pfarrhauses. Bild: Claudia Ladwig
Die stuckverzierte Decke im Barockzimmer des Gallmannsweiler Pfarrhauses. | Bild: Claudia Ladwig

Ebenfalls waren im 18. Jahrhundert die heute in Oxydrot gestrichenen Fachwerkhölzer überputzt, sodass alle Außenwände entsprechend dem damaligen Geschmack einen flächigen Putz aufwiesen. Die Wiederfreilegung des Fachwerkes war vermutlich einer nostalgischen Mode in den 1960er Jahren zu verdanken.

Penible Dokumentation steht am Beginn der Arbeiten

Bei der Frage der Ausstattung und Ablesbarkeit der jeweiligen Zeitstellungen musste Raum für Raum betrachtet und beurteilt werden. Hilfreich hierfür war ein Raumbuch, das gleich vor Beginn der Bautätigkeiten erstellt wurde und sämtliche Wände, Decken und Böden fotografisch Raum für Raum darstellte. Auf diese Weise konnten in den einzelnen Zimmern die unterschiedlichen zeitlichen Schwerpunkte herausgearbeitet werden. Am Ende sollte für den Betrachter eine nachvollziehbare Geschichte und ein stimmiges Raumgefüge entstehen.

Die heute neu angefertigten Brettfensterläden am Haus wurden an der Renaissancestube mit dem Wappen der Herrschaft von Heudorf-Waldsberg bemalt – als Zeichen des Respektes und der Achtung vor den Erbauern des Hauses.

Sylvia Hummel erzählt, dass sich das Landesdenkmalamt und die Denkmalstiftung Baden-Württemberg mit Zuschüssen sehr engagiert haben. Dennoch ist noch eine hohe Summe vom Eigentümer selbst zu stemmen. KfW-Darlehen für Energieeffizienz im Baudenkmal waren ein weiterer Finanzierungsbaustein für die Realisierung der Arbeiten.

Aussparung im Fußboden des Flures im OG – vielleicht ein Waffenversteck?
Aussparung im Fußboden des Flures im OG – vielleicht ein Waffenversteck? | Bild: Claudia Ladwig

„Ein mineralischer Dämmputz auf den Innenwänden, eine Pellets-Heizung, Auf-Dach-Dämmung mit Iso-Flock und Holzfaserplatten sowie neuzeitliche isoverglaste Holzfenster für das Baudenkmal sorgen heute für ein angenehmes Raumklima und eine bessere Wärmedämmung als in unserem neuzeitlichen, 30 Jahre alten Haus in Leustetten“, stellt Sylvia Hummel fest.

Nach wie vor gibt es Bewegung im Haus, es zeigen sich immer wieder Risse im Kalkputz. Das könne eventuell auch an dem extremen Schwerlastverkehr liegen, der durch den Ort fährt, vermutet Sylvia Hummel. Inzwischen sind die Wohnungen im Erd- und Dachgeschoss vermietet. Die mittlere Wohnung nutzt das Ehepaar Hummel selbst. Sylvia Hummel kann sich vorstellen, das Haus später als Alters-WG zu nutzen.

Im großen Garten steht jetzt auch ein Backhaus

Eine weiß gekalkte Mauer schottet den rund 1500 Quadratmeter großen Garten von der Straße ab. Dahinter ist es recht ruhig. An der Innenseite hat Sylvia Hummel Obstbäume gepflanzt. Den Garten hat sie völlig neu gestaltet und dabei auf Sichtachsen geachtet, wie sie in der Renaissance auch üblich waren. Letztes Jahr wurde das kleine Backhaus fertiggestellt, in dem die Hausherrin schon häufig Brot im Holzofen gebacken hat.

Sylvia Hummel sieht eine Zukunft im ländlichen Raum, solange die Menschen bereit sind, diese aktiv mitzugestalten. Es brauche mehr Begegnungsstätten und man müsse den Leuten etwas anbieten, damit die Dörfer nicht aussterben. Für die warme Jahreszeit stellt sie sich in ihrem großzügigen Garten einen Ort der Begegnung vor. „Der Platz bietet die Möglichkeit für unterschiedliche Aktivitäten. Frauen könnten vielleicht ab und an gemeinsam backen, Nachbarn können sich zu einem Dämmerschoppen oder zum Dinnele-Essen treffen. Lassen wir es zunächst einmal langsam angehen. Zur Belebung des Dorflebens können sich ganz unterschiedliche Perspektiven ergeben“, glaubt sie.

Sylvia Hummel am Backofen im Backhaus im Garten des ehemaligen Pfarrhauses. Das Backhaus wurde im vergangenen Jahr fertiggestellt. Bild: Claudia Ladwig
Sylvia Hummel am Backofen im Backhaus im Garten des ehemaligen Pfarrhauses. Das Backhaus wurde im vergangenen Jahr fertiggestellt. Bild: Claudia Ladwig | Bild: Claudia Ladwig

Für sie ist das ehemalige Pfarrhaus im Hinterland mit Blick auf den Hegau eine Rückzugsinsel und ein Ort der Regeneration. Viele Menschen wendeten sich inzwischen ebenfalls von den Städten ab. „Dort gibt es zu viele Leute, zu viele Autos, zu viel Verkehr, zu viel Lärm, zu wenig Platz und keine Parkplätze. Die Menschen suchen immer mehr solche Oasen der Ruhe und Orte um Kraft zu tanken.“

 

Die Serie

In oder hinter bekannten und alltäglichen Dingen kann sich Interessantes verbergen. In der Serie „Perspektivwechsel“ macht die Redaktion genau das, was der Name sagt und schaut sich etwas aus einem anderen, neuen Blickwinkel an.

Was verbirgt sich zum Beispiel in diesem einen Gebäude, an dem jeden Tag so viele vorbeigehen? Gibt es vielleicht aktuelle Forschungen, die ein neues Licht auf einen historischen Ort werfen? Auch die scheinbar ganz normale Natur hat hier und da noch eine Überraschung parat.

Die Serie geht dem Ungewöhnlichen im Alltäglichen auf die Spur. Die Redaktion nimmt auch Leservorschläge an: Was hat Sie schon immer fasziniert und würde Sie aus einer anderen Perspektive interessieren? Kontakt: SÜDKURIER Stockach, Hauptstraße 16, 78333 Stockach, oder per E-Mail: stockach.redaktion@suedkurier.de