Georg Lange

Seit jeher gilt für Autofahrer in den meisten Ortsdurchfahrten auf der Höri eine Begrenzung auf 50 Stundenkilometer. Bereits in der Fahrschule werden Fahrschüler dazu getrimmt, sich nicht zu sehr unter diese Marke fallen zu lassen, um nicht den Verkehrsfluss zu stören.

Doch am Straßenverkehr nehmen weit mehr Teil als bloß Autofahrer. Zu ihnen gehören auch Fahrradfahrer ebenso wie Fußgänger. Um sie vor dem Autoverkehr zu schützen, wurden vielerorts abgegrenzte Wege, Zebrastreifen und Spielzonen eingerichtet. Doch letztlich beweisen diese Bemühungen eines: die Dominanz des Autofahrers gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern.

Höri-Grünen initiieren eigene Aktion

Der Grünen-Ortsverband auf der Höri will hier gegensteuern. Die Mitglieder plädieren gleich aus mehreren Gründen für eine Geschwindigkeitsbegrenzung innerorts auf 30 Stundenkilometer. Und sie wurden auch schon aktiv: Im September haben die Mitglieder auf der gesamten Höri Schilder verteilt.

Diese fordern Autofahrer dazu auf, die Geschwindigkeit freiwillig auf 30 Kilometer pro Stunde zu reduzieren. In einer Videokonferenz werteten sie jetzt ihre Erfahrungen mit der Aktion aus und sprachen über das Für und Wider einer Geschwindigkeitsreduzierung.

Hohe Resonanz für Initiative

Gaby Schneider, Vorstandsmitglied der Höri-Grünen, wertet die Initiative mit dem Namen „Freiwillig Tempo 30“ als erfolgreich. Denn für die Aktion habe es eine hohe Resonanz gegeben. Rund 30 Mitstreiter hätten sich gefunden, um die Schilder aufzustellen. Die Schilder selbst seien gesponsert worden.

„Mir ist bewusst, dass solch eine Aktion immer ein Pro und ein Contra hat“, so Gaby Schneider. Weiter sagt sie bei der Anmoderation der Videokonferenz vor 16 Teilnehmern: „Wir wollen nun aus der Praxis erfahren, was gut und was nicht gut daran ist.“

Akzeptanz für die Aktion scheint da

Ewald Maier hatte am Elternhaus zwei Aktionsschilder an einer stark befahrenen Kreuzung aufgestellt. Er freute sich bei der Schalte, dass die Tempo-30-Schilder weder übermalt noch mit bösen Worten quittiert worden seien.

Sein Bruder Erich habe bei seiner Rückkehr auf die Höri, als eine Verkehrsteilnehmerin vor ihm auf 30 herunterbremste, erst an einen Unfall als Grund für die Bremsung gedacht. Dann habe er die Schilder am Straßenrand entdeckt.

Viele Leute halten sich freiwillig an Tempo 30

Erich Maier zeigte sich sehr überrascht, dass die Autofahrer die freiwillige Aktion mitgemacht hätten. Er sieht in einer 30er-Zone mehrere Vorteile, nämlich Lärmschutz, eine Verkehrsberuhigung sowie eine größere Sicherheit im Straßenverkehr.

Durch die Breite der Innerortsstraßen sei Tempo 30 etwas gewöhnungsbedürftig, so Maier. Aber es gehe ihm auch darum, die Erschütterungen durch den Schwerlastverkehr und das Risiko für Fußgänger beim Überqueren der Straße zu verringern.

Bedenken wegen möglicher Busverspätungen

Andreas Heide interessierte sich während der Konferenz für die Resonanz der Gemeinderäte. Auch die Frage, ob es dadurch beim Busverkehr zu Verspätungen gekommen sei, fand er wichtig. Oliver Nelle warf ein, dass Busse keine Höchstgeschwindigkeiten nutzten und die Temporeduktion keinen signifikanten Unterschied zum aktuellen Fahrplan ergebe.

Heide sieht dennoch Anschlüsse an die Züge gefährdet, da die Bahn in einer Zehntelminuten-Taktung plane. Inge Saegert berichtete von den Bemühungen des Mooser Gemeinderats, ein Tempo-30-Limit einzuführen, die an der Straßenverkehrsordnung (StVO) gescheitert seien.

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Deshalb sei die Aktion auf freiwilliger Basis ins Leben gerufen worden, so Saegert. Sie verwies auf die Gemeinde Rielasingen, die mit einem Lärmschutz-Gutachten Tempo 30 einführen konnte.

Dauerhafte Reduzierung in der Diskussion

Martin Otto wohnt in Hemmenhofen und begrüßte als BUND-Vorsitzender der Vorderen Höri die Aktion. Er interessierte sich auch für die rechtlichen Möglichkeiten einer Geschwindigkeitsreduzierung. Die Schilder begreift er als einen positiven Marker, der dazu führt, die eigene Geschwindigkeit zu reduzieren.

Oliver Nelle verwies auf den neuen Koalitionsvertrag. In diesem stehe drin, dass die Regierung anstreben wolle, die StVO anzupassen. Die Ziele sollen nicht mehr nur den Verkehrsfluss, sondern auch Themen der Gesundheit und des Klimaschutzes berücksichtigen. Den Ländern und Kommunen sollen hier Spielräume für Entscheidungen eröffnet werden.

Idee Modellprojekt

Eigentlich müsse der Bundestag die StVO dahingehend ändern, dass die Kommunen selbst über Geschwindigkeitsbegrenzungen entscheiden könnten, so Nelle. Er hatte auch gleich eine Idee. Um schon jetzt Tempo 30 durchzusetzen, könnten die Höri-Gemeinden ein Modellprojekt beim Bundesministerium beantragen.

Andreas Heide sagte dazu, er könne sich das Modellprojekt gut mit einer Verquickung der touristischen Kompetenzen der Höri vorstellen.

Gegner müssen mit ins Boot geholt werden

Saegert bedauerte das fehlende Mitspracherecht der Höri-Gemeinde bei den Kreis- und Landstraßen, die die Ortschaften durchqueren. Außerdem missfiel ihm die fehlende Dialogbereitschaft der Gegner, die sich nur in den sozialen Medien gegen das Projekt aussprächen.

Ohne diese Gruppe könne die Aktion aber rechtlich nicht auf die Beine gestellt werden. Siggy Pauly aus Gaienhofen möchte gerne die Ergebnisse der Geschwindigkeitsmesser auf der Höri evaluieren. Das könnte zu einer Objektivierung der Situation verhelfen, so seine Meinung.

Es gibt auch Kritik an den Plänen

Kritiker der Aktion sehen allerdings das Problem, dass sich die Fahrten nach Radolfzell ohnehin schon durch ein erhöhtes Verkehrsaufkommen verlängert hätten. Ändere man die Tempolimits auf Gemeinde- und Landstraßen sowie Autobahnen führe das beispielsweise bei Pendlern für Unmut.

Denn, wenn zügig gefahren werden könne, sei es kein Problem, wenn man 100 Kilometer zur Arbeit fahren müsse. Um also gerade bei dieser Gruppe eine Akzeptanz für die Maßnahmen zu erreichen, müsse man stichfeste Argumente vorweisen können, die sie überzeugen.

Schwer, Akzeptanz zu finden

Denn bei Themen wie Lärmschutz, Energieverbrauch und Sicherheit auf breiten Straßen gebe es auch immer Argumente, mit denen ein Tempolimit entkräftet werden kann. Deshalb sei es oftmals schwer, gesellschaftliche Akzeptanz für derlei Maßnahmen zu finden.