Ein unscheinbarer Raum im Obergeschoss eines Hauses im Konstanzer Stadtteil Paradies. Die Tische unter der holzgetäfelten Decke und auf blauem Teppichboden sind zu einem kleinen Rechteck angeordnet. Zehn Männer der Altersklasse 50 plus lassen bei Bier, Apfelschorle, Wasser, Fleischkäse und Salat den Abend ausklingen.

Willkommen bei den Druiden der „Loge Imperia zu Konstanz“.

Der einzige Zaubertrank ist Gerstensaft

Wer hier Männer in langen grauen Roben erwartet, deren weiße Bärte bis zum Boden reichen, geheimnisvoll über brodelnde Kessel gebeugt – der wird schwer enttäuscht.

„Wir machen nichts Geheimes“, sagt der 2. Vorsitzende Edgar Winter und beantwortet automatisch ungefragt die beiden meist gestellten Fragen: „Wir haben keinen Zaubertrank, es werden auch nicht mit Sicheln Misteln geschnitten – und der einzige Zaubersaft ist der Gerstensaft, oder manchmal auch ein Wein.“

Was aussieht wie ein Stammtisch, ist im Grunde genommen auch einer. Ein „gepflegter, bei dem Diskussionen auf einem anderen Niveau stattfinden“, wie der Vorsitzende Jürgen Ertle von Freeden sagt.

Alle zwei Wochen treffen sich die befreundeten Männer in ihren schwarzen Anzügen, die sich untereinander Brüder nennen, in dem gemieteten Raum der Freimaurer. Zunächst sind sie in der sogenannten Innenloge ganz für sich. „Wir nehmen für eine Dreiviertelstunde Abschied von der Außenwelt“, sagt Winter und von Freeden ergänzt: „Dort entspannen wir und lassen den Alltag hinter uns.“

Nur die Innenloge bleibt geheim

Es ist der einzige mystische Programmpunkt der Abende, wenn man so will. Zu diesem Ritual in dem tempelartigen Saal mit der großen Glaskuppel an der Decke haben nur Mitglieder und in Ausnahmefällen deren Familien Zutritt.

„Der Raum hat wirklich Flair und Ausstrahlung. Jeder, der einmal drin war, ist hin und weg“, sagt der Konstanzer Druide Uwe Preussner. Hier gibt es ein Passwort und eine Wache, die aufpasst, dass niemand reinkommt.

Auch nicht die Presse.

Mit einem Glöckchen eröffnet der 2. Vorsitzende Edgar Winter den geselligen und öffentlicheren Teil des Treffens: die Außenloge, bei der auch Gäste willkommen sind.

„Wenn du den Eindruck hast, dass das Leben Theater ist, dann such dir eine Rolle, die dir Spaß macht.“ Dieser Spruch von William Shakespeare ist das Motto des Abends, und es ist gewissermaßen auch das Motto der Druiden, die für sich eine Rolle gefunden haben, die ihnen großen Spaß bereitet.

Ursprünge in der Aufklärung

Ihren Ursprung fanden die Druidenlogen in der Aufklärung. Damals waren sie tatsächlich eine Art Geheimbund. Die Freidenker „mussten sich im Geheimen treffen, sonst wären sie vom Adel oder der Geistlichkeit verhaftet worden. Sie mussten sich selber schützen“, erklärt Jürgen Ertle von Freeden.

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So gründeten die Druiden auch einen ersten Vorläufer der heutigen Versicherungen. Denn die Brüder sind für die Familien da und schauen, dass die Angehörigen abgesichert sind, wenn einem der Ihren etwas passiert.

Noch heute gibt es den Druidenschatz, der anderswo ganz banal als Vereinskasse bezeichnet wird. Von Zeit zu Zeit stellen die Druiden Überschüsse oder die Einnahmen von Spendenaktionen regionalen Organisationen zur Verfügung, wie zuletzt vor zwei Jahren der Brückenpflege.

Referate von Gandhi bis Speiseeis

Seit den ersten Tagen ist das höchste Ziel die Humanität, schreibt der Deutsche Druiden-Orden auf seiner Website. Jeder kann in der Loge seine Meinungen äußern, keiner wird gezwungen, etwas zu glauben. Es gibt keine Autorität, die das Denken kontrolliert. Brüderlichkeit, Nächstenliebe, Menschenrecht, Toleranz und Wohltätigkeit sind den Druiden wichtig. Sie wollen „zu Frieden und Völkerverständigung beitragen“ und die geistige Weiterentwicklung ihrer Mitglieder durch Vorträge und Diskussionen fördern.

So auch an diesem Tag, als Siegbert Hahn von seinem Alltag als Mitarbeiter aus dem Arbeitsamt berichtet. Bei jedem Treffen hält einer der Brüder ein Referat zu einem Interessensgebiet oder Hobby.

„Der Name des Ordens hätte auch Lehrer statt Druide sein können“, sagt Edgar Winter, „wir wollen Wissen vermitteln, daher auch die Vorträge, die zu jedem Thema sein können. Wir hatten schon alles von Speiseeis bis Gandhi.“

Drei Trinksprüche beenden die Außenloge

Nachdem die Druiden ihren Horizont in Bezug auf die Förderung von Langzeitarbeitslosen erweitert haben, beendet der Männerbund die Außenloge mit drei Trinksprüchen passend zum Tag des Radios.

Ein wenig sitzen sie noch zusammen, ehe eine kurze Umarmung zum Abschied folgt. Dann gehen sie ihrer Wege, die zehn Freunde in den dunklen Anzügen, die auf der Straße so niemals für Druiden der Loge „Imperia zu Konstanz“ gehalten würden.