Jedes Jahr um diese Zeit ist der Schmotzige Dunschtig plötzlich wieder da. Wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind zu jenen Straftaten, die sich damals ereigneten und die Fälle vor Gericht landen. Die Verfahren zeigen im Detail die andere Seite der Fasnacht. Wie ein Vorfall, der sich an jenem 8. Februar in Wollmatingen ereignete.

Es ist gegen 18 Uhr, die ganze Stadt ist voller feiernder Narren, in einer Stunde startet der Hemdglonkerumzug. Am McDonalds am Bahnhof treffen sich zwei Freunde, der eine 28 Jahre alt, der andere 27. Sie beschließen, zu dem 28-Jährigen nach Hause zu fahren, um dort weiter zu feiern, und nehmen den Bus nach Wollmatingen. Mit dabei ist auch die Freundin des 28-Jährigen. Wie die anderen beiden ist auch sie verkleidet, die zwei Männer tragen Masken.

Auf dem Weg kommt zur Sprache, dass einer der Obdachlosen, der über Nacht in einer Unterkunft im Haidelmoosweg schläft, noch 30 Euro Geldschulden haben soll – bei wem und warum, kann das Gericht bis zuletzt nicht klären. Fest steht für Richter Christian Brase und die Schöffen aber, dass die Drei auf dem Weg zur Wohnung Halt an der Unterkunft machen, um von dem Obdachlosen Geld einzufordern.

Kaum einer kann sich an die Nacht erinnern

Sie reißen ihn aus dem Schlaf, zerren ihn aus dem Bett und seinem Zimmer zum Flur, treten und schlagen auf ihn ein. Über das Badfenster flüchtet der 23-jährige Obdachlose und rennt zur Polizei. Als die eintrifft, sind die Drei mit dem Taxi davongefahren. Im Zimmer des Obdachlosen fehlen eine Musikbox, sein Geldbeutel mit Papieren und 150 Euro sowie ein Handy. Die Musikbox wird einige Zeit später bei dem 27-Jährigen zuhause gefunden, der Rest bleibt verschwunden.

Wie genau all das geschah und wer welchen Anteil an dem Raub hatte, war in der Verhandlung nicht vollständig zu klären. Denn alle Beteiligten standen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss – von den Angeklagten über die Zeugen aus der Unterkunft bis zum Opfer. So bleiben nur chaotische Fragmente einer Nacht übrig, wegen derer nun zwei Väter im Gefängnis sitzen. Ein Jahr und sieben Monate Freiheitsstrafe lautete das Urteil jeweils für beide Männer, die während der Tat auf Bewährung waren und einschlägig vorbestraft sind.

Zwei Konstanzer Prominente als Verteidiger

Im Verfahren hatten die beiden prominente Pflichtverteidiger neben sich: Gerhard Zahner und Christoph Nix. Der eine hat eine Kanzlei in der Altstadt und schreibt nebenbei Theaterstücke und Bücher, der andere ist hauptberuflich Theaterintendant und stand zum ersten Mal seit Jahren wieder als Jurist auf der Bühne des Gerichtssaals. Ob also Zufall oder der Erwartung an die Protagonisten geschuldet: die Verhandlung hatte nicht nur trockene Paragraphen zu bieten, sondern auch einige dramaturgische Momente.

Wie die Übergabe von 150 und 200 Euro im Gerichtssaal an das Opfer, das die Entschuldigung der beiden Täter über ihre jeweiligen Anwälte annahm. Schon vor der Verhandlung, sagte das Opfer aus, habe der 27-jährige Angeklagte ihn zum Grillfest eingeladen. Seitdem sei man sogar ganz gut befreundet. In ihren Plädoyers für die Angeklagten argumentierten Zahner und Nix, es habe sich um einen chaotischen Exzess gehandelt – aber nicht um eine Verabredung zum räuberischen Überfall. "Die Tat finde ich widerlich, das lässt sich nicht in Abrede stellen. Aber sie war nicht extrem brutal", so Zahner. Tatsächlich hatte der Obdachlose, wie er im Zeugenstand sagt, am nächsten Tag keine Schmerzen gehabt.

Sechsstündige Verhandlung

Nix verteidigte die Tat seines Mandanten, indem er ausführte, wie sehr der 28-Jährige in diesem Moment unter dem Einfluss von Amphetaminen und Alkohol nicht mehr er selbst war, wie er sich "selbst für das hasste, was er da gerade tat". Und der Verteidiger Nix sprach die ADHS-Erkrankung seines Mandanten, die Scheidung der Eltern an, den Weggang der Mutter. "Was hier fehlt, ist Liebe, Struktur und Halt, wenn ich mir diesen Exkurs erlauben darf", sagte Nix in seinem Plädoyer.

Zu diesem Zeitpunkt dämmerte es draußen vor den Türen des Amtsgerichts bereits. Ein paar hundert Meter weiter, im Theater Konstanz, hatten schon die Proben zu "Warten auf Godot" begonnen, demnächst ist Premiere. Stattdessen hieß es: Warten auf Nix.

Der zeigte unterdessen im Gerichtssaal, dass er auch Paragrafen mit Pathos erfüllen kann und sich engagiert für seinen Mandanten einsetzt. Sieben Mal habe er sich mit dem 28-Jährigen im Gefängnis zum Gespräch getroffen, ihm einen Psychologen vermittelt und sich für die stationäre Drogentherapie eingesetzt. Fälle wie dieser, sagte Nix am Ende der Verhandlung, zeigten "die dunkle Seite des Mondes" an Fasnacht.

Darf Christoph Nix im Nebenjob als Verteidiger arbeiten?

Für Intendant Christoph Nix sei die Verteidigung am Donnerstag die erste seit seiner Zeit am Theater Konstanz gewesen, sagt er in der Pause gegenüber dem SÜDKURIER. Ein anderes Verfahren in Überlingen, in dem er ein Mandat übernommen habe, sei ausgefallen. Aus zeitlichen Gründen wolle er künftig nur wenige Pflichtverteidigungen übernehmen.

Die Nebentätigkeit habe er Oberbürgermeister Uli Burchardt zur Prüfung vorgelegt. Die Leiterin des Referats Oberbürgermeister, Gabriele Bossi, bestätigt, dass Nix die Prüfung zugesagt wurde. Nach den ihr vorliegenden Informationen ist diese Prüfung aber noch nicht abgeschlossen. Weder das Theater noch die Stadtspitze waren am Freitag zu erreichen in der Frage, welche Folgen eine nicht-genehmigte Nebentätigkeit hätte.