Dieser Alexander Kisch versteht es perfekt, seine Gesprächspartner für Musik zu begeistern. Wenn er mit seinen großen Augen, seinen kreisenden und Luftbilder malenden Hände und seinem herrlich rollenden R von seiner Liebe zum Kontrabass erzählt, ist man automatisch in seinem Bann. Dann könnte man diesem Vollblutmusiker stundenlang zuhören. Er ist Rumäne, stammt aus Cluj-Napoca, zu deutsche Klausenburg, und hat seit 24 Jahren seinen Lebensmittelpunkt in Konstanz.

Alexander blickt vom fenster seines Proberaums auf den Hafen und den Stadtgarten. "Ein herrliches Gefühl", sagt er.
Alexander blickt vom fenster seines Proberaums auf den Hafen und den Stadtgarten. "Ein herrliches Gefühl", sagt er. | Bild: Andreas Schuler

"Wir lieben diese Stadt und die Menschen hier", sagt er und spricht von sich und seiner Frau, der großen Liebe seines Lebens, die er seit Kindheitstagen kennt. Sie muss sich ihren Mann mit einem Instrument teilen – eben dem Kontrabass. "Ohne ihn geht es nicht", erzählt er. "Ich habe eine tiefe Verbindung zum Kontrabass. Wenn es mir schlecht geht, hilft er mir." Im vergangenen Jahr sind seine Eltern in der Heimat gestorben. Beim hingebungsvollen Spielen seines Instrumentes hat er gelernt, den großen Verlust zu verarbeiten. "Es tut immer noch sehr weh", sagt er und verdrückt eine Träne. "Aber es geht."

Die Mutter wollte immer, dass er Musiker wird

Alexander Kisch hat es seiner Mutter zu verdanken, dass er das ist, was er heute ist: Einer der besten Kontrabassisten Europas. Die Südwestdeutsche Philharmonie ist ohne ihn, den beliebten und mit zahlreichen Auszeichnungen dekorierten Solokontrabassisten, schwer vorstellbar.

"Meine Mutter hat zu meinem Bruder und mir als Kinder immer gesagt: Ich sollt nicht Bauern oder Fabrikarbeiter werden", erinnert sich der 56-Jährige. "Sie wollte, dass wir Musiker werden." Die Eltern lebten und arbeiteten auf einem Hof bei Cluj-Napoca. Auf einer Kolchose, einem landwirtschaftlichen Großbetrieb nach sowjetischem Vorbild, der genossenschaftlich organisiert war und dessen Bewirtschaftung durch das sozialistische Kollektiv der Mitglieder erfolgte. "Sie arbeiteten hart, jeden Tag", so Alexander Kisch. "Doch am Ende blieb kaum etwas für sie hängen."

Mit zwölf Jahren erster Kontakt zum Kontrabass

Zum Beginn der Musikschule kam er erstmals mit dem Kontrabass in Berührung. Eine Kommission der Schule entschied über das Instrument. Gefragt wurden die Kinder nicht. "Wir Rumänen sind ein Volk der Streichinstrumente", erklärt er. "In Deutschland sind es die Blechbläser, bei uns die Geiger und Bassisten. Das ist eine vollkommen andere Kultur."

Seine innige Beziehung zu dem Instrument entwickelte er erst über die Jahre – das Spielen war sehr schwierig und anspruchsvoll. "Irgendwann habe ich eine Melodie gespielt und spürte etwas in mir", blickt er mit funkelnden Augen zurück. "Das war ein Wow-Effekt. Plötzlich war mir klar, dass der Kontrabass mein Instrument und mein Leben ist."

Von nun an übte mehrere Stunden am Tag. "Ich wollte der Beste sein." Der Kontrabass ist nach dem Oktobass das tiefste und größte Streichinstrument. Er hat ein weites Einsatzgebiet vom modernen Sinfonieorchester über den Jazz bis hin zum ursprünglichen Rock ’n’ Roll und Rockabilly.

Eine Herz und eine Seele: Alexander Kisch und sein 35 000-Euro-Kontrabass im Probezimmer des Südwestdeutschen Philhamonie.
Eine Herz und eine Seele: Alexander Kisch und sein 35 000-Euro-Kontrabass im Probezimmer des Südwestdeutschen Philhamonie. | Bild: Andreas Schuler

Alexander Kisch hatte umjubelte Auftritte bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth oder bei internationalen Festivals in der DDR. Bis ihm auf einmal die kommuniatische Regierung einen Strich durch die Rechnung machen wollte.

"Ich habe immer meine Meinung gesagt, und das hat nicht allen gefallen", erzählt er. "Ich konnte mit den Kommunisten nichts anfangen. Also wurden meine Reisen zu Auftritten nach Genf, München oder auf die Isle of Man verhindert, in dem der Pass eingezogen wurde." Erst nach der Öffnung der Grenzen 1990 durfte er wieder im Westen auftreten.

Ein Loblied auf Beat Fehlmann

Sein Jugendfreund Dorin Marc, heute Professor für Kontrabass an der Hochschule für Musik in Nürnberg, berichtete ihm von einer freien Stelle bei der Konstanzer Philharmonie – also bewarb sich Alexander Kisch 1993 dafür. Unter 30 Kanidaten wurde er ausgewählt. Peter Conzelmann war damals Geschäftsführer, Petr Altrichter Generalmusikdirektor.

"Die Entwkclung der Philharmonie seither ist fantastisch", sagt Alexander Kisch. Vor allem der scheidende Beat Fehlmann, der das Orchester in schweren Zeiten übernahm, hat es dem Rumänen angetan: "Plötzlich haben wir in Schwimmbädern, in der Disko oder auf dem Zeltfestival gespielt", erinnert er sich.

„Wozu habe ich studiert, um jetzt im Bierzelt zu spielen?“

"Zuerst habe ich gedacht: Was? Wozu habe ich studiert, um jetzt im Bierzelt zu spielen? Aber Beat Fehlmann hatte immer das große Ziel vor Augen: die Philhamonie in der Stadt zu etablieren. Das ist ihm eindrucksvoll gelungen." Menschlich sei er ein Vorbild gewesen: "Er hat mit jedem geredet, nicht nur mit den Großen", erklärt er. "Und nach Konzerten hat er mit uns Programmhefte eingesammelt. Welcher Geschäftsführer macht so etwas?"

Auch die Söhne machen Musikkarriere

Kischs einer Sohn ist Cellist bei der Frankfurter Oper, der andere ab September Stipendiant bei der Akademie der Berliner Philharmonie. Bogdan, der 28-Jährige Cellist der Frankfurter Oper, erhielt 2017 den Förderpreis für junge Künstler der Stadt Konstanz in der Kategorie Musik. "Ich bin ein bisschen stolz auf die beiden", sagt der Vater. "Sie haben wie ich gelernt, dass harte Arbeit in jungen Jahren sich irgendwann auszahlt." Seine Frau spielte eine ebenso große Rolle wie er: "Sie ist ebenfalls sehr musikalisch und hat uns immer unterstützt."