Die Klageschrift wird schon bald vollautomatisch durch ein eigens dafür entwickeltes Computerprogramm zusammengestellt – was wird nun aus den Rechtsanwälten?

Den Prototypen fertigt der 3-D-Drucker – welche Aufgabe bleibt für den Feinmechaniker?

Und der Grundriss für die Wohnungen im neuen Mehrfamilienhaus wird durch Künstliche Intelligenz so ermittelt, dass alle Räume optimal geschnitten und belichtet sind – was spielen Architekten da noch für eine Rolle?

Drei Beispiele und eine Frage: Welchen Platz haben Menschen mit ihren Fähigkeiten in Zeiten der Digitalisierung? Oder anders herum: Müssen wir uns darauf einrichten, dass Maschinen uns den Arbeitsplatz wegnehmen?

Ein Architekt sagt: Künstliche Intelligenz kann immer mehr – aber wenn es kreativ oder sozial wird, sind Menschen unverzichtbar

"Digitalisierung ist Wirklichkeit. Denken wir nur daran, wie das Handy zum Navigationssystem durchs Leben wurde.": Oliver Fritz, Professor für Architektur und Medien an der Konstanzer Hochschule HTWG
"Digitalisierung ist Wirklichkeit. Denken wir nur daran, wie das Handy zum Navigationssystem durchs Leben wurde.": Oliver Fritz, Professor für Architektur und Medien an der Konstanzer Hochschule HTWG | Bild: HTWG Konstanz

Jetzt mal ganz langsam, sagt einer, der es wissen muss. Oliver Fritz ist Professor für Digitale Medien und Architekturdarstellung an der Konstanzer Hochschule HTWG. Was die Digitalisierung für einen Beruf bedeuten könnte – und für die Menschen, die ihn ausüben – das beschäftigt ihn schon seit mehr als 20 Jahren.

Ja, einen tief greifenden Wandel wird es geben, davon ist er überzeugt. Auch wenn gerade das Bauen bis heute erstaunlich viel Handarbeit bedeutet, räumt er der Künstlichen Intelligenz große Chancen ein. Und ebenso denjenigen, die direkt oder indirekt am Bau arbeiten. Für kreative Lösungen, für gestalterische Aufgaben, für das Zwischenmenschliche bleiben sie unverzichtbar, sagt Fritz.

Na schön, wir Menschen werden nicht überflüssig – aber einen Weg zurück gibt es nicht, oder?

Klar ist Oliver Fritz auch darüber: "Es gibt kein Zurück: Wenn digitalisierte Arbeitsabläufe einmal erfunden und eingeführt sind, kommt man da nicht mehr heraus." Für alle, die das nicht so recht glauben wollen, hat er ein Beispiel, das jeder kennt. Immerhin, betont er, "ist das Handy schon längst zum Navigationssystem durchs Leben geworden."

Schüler müssen beweglich sein und sind es oft schon – da werden auch die Lehrer nachziehen müssen

"Auch Lehrer müssen sich in digitalen Zeiten darauf einrichten, dass sie auf ganz neue Weise agil bleiben müssen.": Madeleine Bieg, Bildungsforscherin an der Universität Konstanz
"Auch Lehrer müssen sich in digitalen Zeiten darauf einrichten, dass sie auf ganz neue Weise agil bleiben müssen.": Madeleine Bieg, Bildungsforscherin an der Universität Konstanz | Bild: Universität Konstanz / Jespah Holthof

Wie kann Bildung und Ausbildung im Digitalzeitalter funktionieren?

Wer mit Madeleine Beig spricht, hört schnell das Wort Agilität. Beweglichkeit, das wird nach den Worten der Bildungsforscherin an der Universität Konstanz aber nicht nur den Lernenden zunehmend gefordert, sondern auch von den Lehrenden: Klassenzimmer voller Tablet-Computer und Hausaufgaben via WhatsApp-Gruppe sind für sie kein Selbstzweck.

Einmal an die Uni und dann 40 Jahre vor der Klasse stehen – das geht nicht mehr, sagt die Bildungsexpertin

Es müssen auch Fragen diskutiert werden wie: "Was ist entwicklungspsychologisch sinnvoll?" oder wie mehr Projektarbeit die Schüler auf eine neue Art der Arbeitswelt vorbereitet. Und das vor dem Hintergrund, dass zwischen Ausbildung und Berufspraxis oft Jahre oder Jahrzehnte liegen – und angesichts der Tatsache, dass noch nicht einmal jede Schule einen zeitgemäß schnellen Internetanschluss hat.

Eine düstere Warnung hilft nicht weiter: die Sache mit dem Verlust von 50 Prozent der Jobs

Was ist mühsam erworbenes Wissen also noch wert in Zeiten, in der die Innovationen immer schneller kommen – diese Frage treibt viele um, zumal nach der düsteren Warnung von Forschern der Universität Oxford, die vielfach so zitiert wurden, dass durch die Digitalisierung jeder zweite Arbeitsplatz wegfallen könnte.

Die Gefahr heißt Techno Stress: Immer erreichbar, nie privat, voller Angst vor der Zukunft

"Was Mitarbeiter brauchen werden, ist digitale Gewandtheit. Dazu gehört die positive Einstellung gegenüber Veränderungen."Florian Kunze, Organisationsforscher an der Universität Konstanz
"Was Mitarbeiter brauchen werden, ist digitale Gewandtheit. Dazu gehört die positive Einstellung gegenüber Veränderungen."Florian Kunze, Organisationsforscher an der Universität Konstanz | Bild: privat

Für Madeleine Bieg lautet die richtige und bereits heute verfolgte Antwort, dass mehr Kompetenz und weniger Wissen vermittelt wird, weil das Wissen ohnehin in Rekordzeit veraltet oder jederzeit überall zugänglich ist.

Für Florian Kunze, der im Fachbereich Politik und Verwaltungswissenschaft der Universität Konstanz Organisation erforscht, geht es um "Techno Engagement" als positive Antwort auf die Digitalisierung. Weil "Techno Stress", der durch ständige Erreichbarkeit, Entgrenzung zwischen Arbeits- und Freizeit oder Zukunftsangst geprägt wird, eben auf keinen Fall weiterhilft.

Der Chef ordnet an, die Mitarbeiter führen aus – damit bleibt die Wirtschaft nicht konkurrenzfähig, sagen Experten

Klar ist für jeden der drei Forscher aber auch: Digitalisierung sollte den Menschen zwar keine Angst machen, und sie sollten gelassen mit den Veränderungen umgehen. Aber alle werden auch dazulernen müssen – vor allem das Arbeiten in Strukturen, die sich schnell ändern. Denn so wie einst erworbenes Wissen nicht mehr ausreichen wird, so werden es auch althergebrachte Strukturen nicht.

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Künftig werden wir mehr in Projekten und weniger in Hierarchien arbeiten – und das ist vielleicht gar nicht so schlecht

"Selbst Großkonzerne wollen inzwischen arbeiten wie Start-Ups", sagt Florian Kunze, und schon wieder kommt das Wort Agilität in die Debatte. Netzwerke, schätzt Kunze, werden starre Hierarchien zumindest teilweise ersetzen, viele Arbeiten können an jedem Ort mit Internetanschluss erledigt werden. Und: Die Bereitschaft, Fehler zu machen, müsse das Streben nach Effizienz ablösen.

"Wir sollten begreifen, dass nicht alles nur gut ist, aber auch keine Schwarzmalerei betreiben"

Spannende Zeiten also, sagen die drei Experten der beiden Konstanzer Hochschulen. Wenn es um Digitalisierung geht, erklärt Oliver Fritz, "sollten wir schon verstehen, dass das nicht alles nur gut ist" – und zugleich "keine Schwarzmalerei betreiben". Denn, wie es Florian Kunze sagt, "wir Menschen können so viel mehr, als irgendwelchen Buzzwords, also Schlagworten und Modebegriffen, hinterherzulaufen".

Wie sehen sie Arbeitswelten der Zukunft aus? Ein Diskussionsabend gibt Antworten

Die Zukunft der Arbeit – das ist das Thema des bundesweiten Wissenschaftsjahrs 2018. Auch in Konstanz gibt es dazu am 15. November ein öffentliches Angebot.

  • Die Diskussion: "Digital in die Zukunft? Aus- und Weiterbildung in den Arbeitswelten von morgen" ist ein Debattenabend am Donnerstag, 15. November, im Konstanzer Kulturzentrum am Münster überschrieben. Organisiert von der Berliner Agentur Wissenschaft im Dialog, sind die Universität und die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) sowie der SÜDKURIER die Partner. Diskutiert wird im so genannten Fishbowl-Format. Gäste können sich nach einer Eröffnungsrunde in den Kreis der Experten setzen und ihre Fragen stellen oder Informationen ergänzen. Beginn ist um 19 Uhr im Wolkensteinsaal, der Eintritt ist frei.
  • Die Experten: Aus der Wissenschaft nehmen drei Personen an der Diskussion teil, die jeweils einen eigenen Bzug zum Thema haben. Madeleine Bieg ist Juniorprofessorin für Empirische Bildungsforschung und berichtet und Expertin dafür, wie Digitalisierung und Schule zusammenhängen. Oliver Fritz hat an der HTWG eine Professur für Digitale Medien und Architekturdarstellung und forscht unter anderem über Künstliche Intelligenz. Florian Kunze ist an der Universität Professor für Organisational Studies am Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaft; er arbeitet zum Thema Management des Wandels, Mitarbeiterführung und forscht dazu auch direkt bei Unternehmen, die sich auch von ihm beraten lassen können. Die Moderation des Abends übernimmt Jörg-Peter Rau, Mitglied der SÜDKURIER-Chefredaktion.
  • Der Hintergrund: Das bundesweit veranstaltete Wissenschaftsjahr hat das Ziel, Forschung und Praxis einander näher zu bringen und allen Interessierten einen Einblick zu geben, wie aktuelle wissenschaftliche Arbeit und ihr Alltag miteinander zu tun haben. Das Motto dafür lautet in diesem Jahr "Arbeitswelten der Zukunft". Bereits in früheren Jahren gab es in diesem Rahmen Diskussionsabende in Konstanz, unter anderem zum Thema Zukunft der Stadt. In diesem Jahr steht im Vordergrund, welche Veränderungen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz an den Arbeitsplätzen und für die Menschen dort bringen könnten – unter anderem durch neue Funktionen von technischen Geräten, alternative Arbeitsmodelle und den verstärkten Einsatz von Robortern und selbstlerndenen Computerprogrammen.