Mit der Digitalisierung, sagt Guido Baltes, ist es ein bisschen so wie mit dem Wetter. Am Wetter nimmt man nicht bewusst teil, sondern es ist einfach da. Mit tagelangem Regen oder langen Hitzeperioden können Menschen zu leben lernen, aber den Niederschlag oder die Dürre können sie nicht abstellen. So ist es auch mit dem größten technischen und gesellschaftlichen Wandel der vergangenen Jahrzehnte. „Digitalisierung ist kein Konzept, sondern ein Phänomen“, sagt der Wissenschaftler der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG), „da stellt sich die Frage gar nicht, ob ich da mitmache oder nicht.“

Niemand kann sich wehren, jeder ist betroffen

Ob Digitalisierung wirklich für jeden von uns Veränderungen mit sich bringt, das wird Guido Baltes nicht erst gefragt, seit das von ihm mit herausgegebene Buch „Veränderungsintelligenz. Agiler, innovativer, unternehmerischer den Wandel unserer Zeit meistern“ für einiges Aufsehen sorgt. Er vor Wissenschaftlern, Unternehmern und auch der breiten Öffentlichkeit ein begehrter Redner – weil er bildhaft erklären kann, es seine Botschaft ist. „Ja, wenn Sie es nicht schon längst tun, auch Sie werden von der Digitalisierung betroffen sein“, sagt Baltes dann. Und erläutert: „Es ist wie eine Kugel, die den Berg hinunterrollt – wir können sie steuern, aber wir können sie nicht anhalten.“ Und genau deshalb ist Baltes überzeugt: Die Menschen sollten ihre Energie in die Gestaltung des Wie stecken und nicht in die Diskussion über das Ob.

Warum es um das Wie geht und nicht um das Ob

Was Digitalisierung genau ist, auch das wird Baltes oft gefragt. Ja, Informationen werden zunehmend auf elektronischem Wege übertragen. In fast jeder Kaffeemaschine steckt inzwischen ein kleiner Computer. Autos ohne Mikroprozessoren gibt es nicht mehr. Und das Smartphone hat die Art und Weise, wie sich Menschen miteinander verbinden, radikal verändert. Mit Aussagen wie „Digitalisierung ist die Allgegenwärtigkeit von Computern“ oder so etwas kann der Experte aber nicht viel anfangen. „Ich brauche Digitalisierung nicht zu definieren, sie passiert einfach – und dass wir es nicht definieren können, ändert nichts daran, dass es passiert.“

Welche Chancen sich für die Wirtschaft ergeben

Auswirkungen, sagt Guido Baltes, hat Digitalisierung auf alle Lebensbereiche. Für die Wirtschaft bringt sie zusammen mit der Globalisierung ungeahnte Chancen: Noch nie war es so billig, neue Kunden zu erreichen, und noch nie waren die Hürden für einen Einstieg in etwas Neues so niedrig. Weil statt millionenteurer Maschinen vielleicht nur etwas Serverplatz benötigt wird und weil der Zugang zu Kapital überdies einfach ist wie selten. Baltes sagt: Wenn er im kalifornischen Silicon Valley auf Gründer der ersten Welle treffe, dann sagten ihm diese 90er-Jahre-Veteranen immer wieder, dass die Gründer von heute gar nicht wüssten, wie einfach sie es haben.

Warum wir die Gesellschaft aktiv gestalten sollten

Allerdings, sagt Baltes, die Digitalisierung einfach passieren zu lassen, das sei der falsche Weg. „Vielleicht zehn Jahre“ habe die Gesellschaft Zeit, sich zu verändern. Neue Lerninhalte und –formen für alle (und nicht nur Schüler, Azubis oder Studenten) zu entwickeln. Sich zu überlegen, wo diejenigen künftig Lohn und Brot finden, die im Moment noch jenen Aufgaben nachgehen, die schon bald Roboter übernehmen werden. Gerade der Blick in Trumps Amerika zeige doch, „dass wir keine Gesellschaft wollen, in denen Menschen abgehängt werden“, sagt Guido Baltes. Und das ist dann auch der große Unterschied zum Wetter. Der Regen ist irgendwann vorbei, die Digitalisierung bleibt. So, wie die Mechanisierung und die Elektrifizierung als große Entwicklungssprünge geblieben sind. Was für Baltes nicht weniger heißt als: „Wir gestalten jetzt gerade eine neue Gesellschaft. So oder so. Aber wir haben die Wahl – machen wir das reflektiert, oder lassen wir uns treiben?“

Wie Guido Baltes zum Experten für Digitalisierung wurde

Prof. Dr.-Ing. Guido Baltes ist Direktor des IST Innovationsinstituts in Konstanz, Gastprofessor an der UIBE Universität in Bejing und der Rady School of Management an der University of California in San Diego. Als Experte in strategischer Transformation und Innovation kombiniert er Unternehmens- und Unternehmererfahrung mit international renommierter Forschung: Er war verantwortlich für Strategie & Marketing in der Geschäftsführung eines Top3-IT-Service Unternehmens in Deutschland und hat als (Mit-) Gründer mehrere Start-ups erfolgreich aufgebaut – unter anderem Coliquio, die größte Mediziner-Community im deutschsprachigen Raum. Er unterstützt regelmäßig Gründer an der Hochschulen Konstanz und das Startup Bootcamp des Entrepreneurship Center an der University of California Berkeley. Aktuell hat er bei Springer/Gabler das Standardwerk „Veränderungsintelligenz“ veröffentlicht.

Wo Sie Guido Baltes zuhören und ihm Fragen stellen können

„Überraschende Perspektiven“ ist eine gemeinsame Veranstaltungsreihe von IHK Hochrhein-Bodensee und SÜDKURIER Medienhaus. Sie will gesellschaftlich bedeutsame Themen einer breiten Öffentlichkeit vorstellen. Angesprochen sind ausdrücklich nicht nur Unternehmer, sondern alle Interessierten. Nach einem Gespräch, das Redaktionsleiter Jörg-Peter Rau mit einem namhaften Gast führt, gibt es die Gelegenheit für Fragen sowie im Anschluss noch Zeit für einen zwanglosen Austausch. Nach dem ersten Zyklus zum Thema Vertrauen steht 2018 das Thema Digitalisierung im Vordergrund. Der Auftakt mit dem anerkannten Experten Guido Baltes findet statt am Dienstag, 16. Januar, um 19 Uhr bei der IHK in Konstanz, Reichenaustraße 21 (Seehas-Halt Fürstenberg, Parkplatz Bodenseeforum). Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist erforderlich unter teilnehmen@suedkurier.de