Mit mehr als 900 Gästen an Bord ist das Schiff nahezu voll ausgelastet. Ein Zeichen, dass es keine normale Fahrt ist. Das Schiff verlässt an diesem Sonntagmittag zum letzten Mal den Konstanzer Hafen mit Gästen, bevor es abgewrackt wird. Die Dampfer-Romantik ist zu teuer geworden.

Das könnte Sie auch interessieren

Zum letzten Mal kommandiert Kapitän Walter Schöller, assistiert von seinem Kollegen Karl Welte und Steuermann Rudi Mägerle, den mächtigen Dampfer. Im Schiffsbauch überprüft Obermaschinist Josef Koch wie gewohnt die Armaturen der Maschinenanlage und die beiden Heizer Gottfried Dannegger und Karl Schmid werfen Lage um Lage Kohlen in die Feuerlöcher. Nach dem Kommando „Langsam rückwärts“ setzt sich die 1027 Pferdestärke leistende Maschine in Bewegung in Richtung Überlingen.

Die "schwarzen Gesellen", die im Kohleraum tätig waren (von links): Heizer Karl Schmid, Oberheizer Gottfried Dannegger und Obermaschinist Heinrich Böhe.
Die "schwarzen Gesellen", die im Kohleraum tätig waren (von links): Heizer Karl Schmid, Oberheizer Gottfried Dannegger und Obermaschinist Heinrich Böhe. | Bild: Walter Baerens

Das Schiff mit seinen imposanten Schaufelräderen, den kompakten Aufbauten und dem eleganten Kreuzerheck schiebt sich langsam durch den Konstanzer Trichter. Viele Passagiere blicken stumm und nachdenklich durch das Maschinenoberlicht auf die im Gegenrhythmus auf- und niederwuchtenden Antriebskurbeln.

Nicht nur das letzte deutsche, sondern auch das letzte kohlenbefeuerte Dampfschiff auf dem Bodensee ist auf seiner Abschiedsfahrt. Für die Heizergruppe im Bauch des Dampfers bedeutet dieser Tag das Ende einer jahrzehntelangen Schwerstarbeit. Trotzdem können sich auch die beiden „schwarzen Gesellen“ des Gefühls einer aufkommenden Wehmut nicht erwehren, wie aus Berichten von damals hervorgeht.

Video: Walter Baerens

Von Konstanz geht es nach Meersburg

Kurz vor Meersburg gibt es dann eine Begegnung der Epochen, denn dort ist das Motorschiff „München“ auf dem Gegenkurs unterwegs. 1963 ist es das neuste und modernste Schiff auf dem Bodensee, das erst gut ein Jahr im Dienst ist. Es grüßt die „Stadt Überlingen“ mit aufheulendem Typhoon und mit dreifachem Heben und Senken der Heckflagge.

Video: Walter Baerens

In Meersburg steigen bei einem Zwischenstopp weitere Gäste zu, darunter auch Bürgermeister Franz Gern und der am ganzen See bekannte Hafenmeister Karl Heger. Für die musikalische Unterhaltung sorgt jetzt auch eine Drei-Mann-Kapelle.

Die „Stadt Überlingen“ trifft im Hafen auf das Lindauer Kursschiff „Deutschland“. Dass das damalige bayerische Flaggschiff zwei Jahre später nach Konstanz verlegt werden würde und von 1970 bis 2005 als vierte „Überlingen“ auf dem Bodensee verkehren sollte, ahnt zu diesem Zeitpunkt allerdings niemand.

Weiter geht die Fahrt nach Überlingen

Ebenfalls in Meersburg zugestiegen ist Walter Baerens aus Hagnau. Er ist auf Einladung der Deutschen Bundesbahn an Bord und fertigt Bild- und Videoaufnahmen von der letzten Fahrt an, von denen Sie einige in diesem Artikel sehen. Nun geht es auf direktem Weg nach Überlingen.

Schon von weitem war die Menschenmenge zu sehen, die sich auf dem Überlinger Landungsplatz drängte, um dem Schiff mit dem Namen der Stadt die letzte Ehre zu erweisen. Gegen 15 Uhr steuerte der Dampfer in weitem Bogen Überlingen an.

In Überlingen strömten am 15. September 1963 die Besucher auf den Dampfer "Stadt Überlingen". Er legt zum letzten Mal ab.
In Überlingen strömten am 15. September 1963 die Besucher auf den Dampfer "Stadt Überlingen". Er legt zum letzten Mal ab. | Bild: Walter Baerens

Die Stadtmusik spielt den Marinemarsch „Gruß an Kiel“ und in Höhe des Mantelhafens krachten im Salventakt zwei alte Böllerkanonen. Für die Gäste aus Konstanz und Meersburg geht die Fahrt vorläufig zu Ende, denn nun gibt es einen Fahrgastwechsel.

Die Überlinger dürfen sich auf einer zweistündigen Rundfahrt auch von ihrem Dampfer verabschieden. Unter den Überlinger Ehrengästen befanden sich Bürgermeister Anton Wilhelm Schelle und der damalige Kurdirektor Wegmann. Frauen und Mädchen in der historischen Überlinger Tracht schmückten schnell noch das Oberdeck mit frischen Girlanden.

Video: Walter Baerens

Voll besetzt geht es schwarz qualmend in den Überlinger See, an Sipplingen vorbei bis nach Bodman und wieder zurück. Die Ansichtskarten der „Stadt Überlingen“ mit dem extra angefertigten Sonderstempel sind in Windeseile vergriffen. Als Bundesbahn-Oberrat Schirl auf dem Schiff spricht, müssen zahlreiche, vor allem ältere Besatzungsmitglieder kämpfen, um ihre Tränen zurückzuhalten. Die Überlinger Trachtenträgerinnen übergeben bunte Blumensträuße an die Kapitäne.

Der bis auf den letzten Platz besetzte Dampfer "Stadt Überlingen" bei seiner Abschiedsfahrt am 15. September 1963.
Der bis auf den letzten Platz besetzte Dampfer "Stadt Überlingen" bei seiner Abschiedsfahrt am 15. September 1963. | Bild: Walter Baerens

Der Abschied rückt immer näher. Gegen 17.30 Uhr sind die Konstanzer Fahrgäste wieder auf dem Dampfer. Für die Überlinger ist Zeit, sich für immer vom größten Salondampfer auf dem Bodensee im Speziellen und dem Dampfschiffzeitalter im Allgemeinen zu verabschieden. In seiner Abschiedsrede äußert Bürgermeister Schelle den Wunsch, dass das bereits auf Kiel gelegte Schiff wieder den Namen „Überlingen“ erhalten solle.

Als die Stadtmusik das Bodenseelied „Auf dem Berg so hoch da droben“ anstimmt, schieben die Schaufelräder das Schiff zum letzten Mal vom Landungsplatz fort. Die Mehrklangpfeifen verursachten einen ohrenbetäubenden Lärm. Bewegt nehmen die Überlinger Abschied.

Video: Walter Baerens

Zurück nach Konstanz und dem Ende entgegen

„Triumphale Abschiedsfahrt der Stadt Überlingen“, lautet am nächsten Tag der Titel im SÜDKURIER. Als Zusatz ist zu lesen: „Überall herzlich begrüßt – Salutschüsse, Raketen und winkende Menschen“. Einen Tag später wird geschrieben: „Manchen Leuten standen die Tränen in den Augen“. Das Dampfschiff „Stadt Überlingen“ hat das Bild des Bodensees geprägt, auch wenn es nur 34 Jahre alt wurde. In der Dienstzeit hat es eine Strecke zurückgelegt, die zehn Mal um die Erde reichen würde.

Als die „Stadt Überlingen“ wieder in Konstanz ist und alle Fahrgäste von Bord gegangenen sind, legt der Dampfer wie immer an das Kohlenbrückle an der Werftmole an. Dort findet noch eine kleine Feier im kleinen Rahmen statt, in der der langjährige Kapitän Walter Schöller und der altgediente Oberheizer Alfred Schwarz offiziell in den Ruhestand verabschiedet werden.

Er war Ehrengast bei der Abschiedsfahrt des Dampfers "Stadt Überlingen": Kapitän Walter Schöller. Er führte das Schiff am längsten und war am 15. September 1963 bereits im Ruhestand.
Er war Ehrengast bei der Abschiedsfahrt des Dampfers "Stadt Überlingen": Kapitän Walter Schöller. Er führte das Schiff am längsten und war am 15. September 1963 bereits im Ruhestand. | Bild: Walter Baerens

Zu diesem Zeitpunkt glimmen noch die letzten Kohlenreste auf den Feuerrosten im Bauch des Dampfers. Bald sind sie allerdings für immer erloschen. Auch ein aufrüttelnder Appell des Konstanzer Journalisten Werner Häusler, der in der Konstanzer Lokalpresse vorschlug, den Dampfer in irgendeiner Form als Museumsschiff zu erhalten, verhallte ohne nennenswerte Resonanz. Die „Stadt Überlingen“ wurde zum 1. November 1963 aus der Flottenliste gestrichen und in den Sommermonaten des Hochwasserjahres 1965 im Konstanzer Hafen abgewrackt.

Video: Walter Baerens