Osamah Almohimid weiß, dass tief unter seinen Füßen ein Massengrab liegt. Nur wenige Tage zuvor wäre er beinahe selbst dort gelandet.

Doch Almohimid hat Glück, denn der alte Holzkahn, der in dieser Nacht auf offener See knarzend von Wellenberg zu Wellenberg ächzt, hält tapfer stand.

Hunderte Menschen, unter ihnen Almohimid, sitzen im Bauch des Bootes. Hier ist die Luft zum Schneiden, geschwängert vom Gestank des Dieselmotors, der den Kahn nur zögerlich in Richtung des sicheren italienischen Festlandes schiebt, in Richtung Europa – Almohimids Ziel.

Grenzerfahrungen auf der Flucht: Über drei Kontinente hinweg

Es ist der entscheidende Moment einer Flucht, die den jungen Syrer über drei Kontinente und durch sieben Länder führt: von Syrien über Saudi Arabien, durch den Sudan, Ägypten und Libyen, durch Italien und Österreich – bis er schließlich Deutschland erreicht, genauer: Konstanz.

Immer wieder stößt er dabei an Grenzen – an die eigenen genauso wie an die Grenzen jener Länder, die er durchquert.

Doch der Reihe nach.

40.000 Tote bei Massaker in Hamah

Alles beginnt in Syrien, wo Almohimid in einem beschaulichen Dorf westlich der Großstadt Hamah aufwächst, wo er seine Kindheit verbringt, die Schule besucht. Es ist ein Ort mit historischem Ballast, über den in der Bevölkerung aber kaum jemand spricht: Bei einem Massaker im Jahr 1982 töten Soldaten der syrischen Armee unterschiedlichen Quellen zufolge bis zu 40.000 Einwohner Hamahs. Befehlshaber der Truppen ist Hafis al-Assad, der Vater des heutigen syrischen Diktators Baschar al-Assad.

Der Arabische Frühling bringt die Revolution nach Syrien – und mit ihr den Krieg

Als der Arabische Frühling nach Tunesien, Ägypten und Libyen 2011 schließlich auch Syrien erreicht, fordern die Revolutionäre den Sturz des Despoten Assad. Noch herrscht Euphorie in der Stadt. Euphorie, dass sich alles zum Guten wendet und die Assad-Dynastie endet. Zu diesem Zeitpunkt lebt Osamah Almohimid im Sudan und studiert Medizin.

2013, nach dem Ende des Studiums, kehrt er schließlich zurück in seine Heimat. Hier ist aus der Revolution ein Bürgerkrieg geworden. Syrien steht in Flammen. In dem Dorf, in dem Almohimid aufwuchs, kümmert sich der Mediziner um Verletzte und Kranke. Doch bleiben, das merkt der junge Arzt schnell, kann er hier nicht.

Hier muss auch er um sein Leben fürchten: Behandelt er die Truppen Assads, drohen ihm dessen Gegner mit dem Tod; hilft er den Soldaten der Rebellen, wartet ebenfalls Vergeltung. Nach nur zehn Monaten flieht Osamah Almohimid aus Syrien.

Der Beginn seiner Grenzerfahrungen.

Über Saudi Arabien, wo ein Teil seiner Familie lebt, zieht es Almohimid zurück in den Sudan. In der Hauptstadt Khartum, wo Mediziner eigentlich dringend gebraucht werden, darf der 32-Jährige jedoch nicht arbeiten.

Er ist unerwünscht – und entschließt sich zur gefährlichen Flucht nach Deutschland, um als Arzt dort künftig den Menschen zu helfen.

Es ist Juli 2015, als er sein Hab und Gut packt.

Der gefährliche Weg in den Norden beginnt

Osamah Almohimid bezahlt einen Schlepper. Ein Laster soll ihn in nach Tripolis bringen, Libyens Hauptstadt und gleichzeitig Tor nach Europa. Doch bis dorthin sind es tausende Kilometer, es ist eine lange und gefährliche Reise: Die Sahara, ein Meer aus Sand, liegt zwischen Tripolis und Khartum.

Und Almohimid ist nicht der Einzige, der sich für diesen Weg entschieden hat: 105 Menschen, gepfercht auf die Ladefläche eines Lasters, haben denselben Plan.

Wer zu viel Durst hat, bekommt den Stock zu spüren

Gemeinsam geht es durch die Wüste, der Witterung schutzlos ausgeliefert – tags sengende Hitze, nachts eisige Kälte, jederzeit den staubigen Sand auf der Zunge. Wasser ist knapp. Getrunken wird nur, wenn es die beiden Fahrer erlauben. Mit einem Schlauch, durch den auch das Öl in den Motor fließt, zapfen sie das Wasser aus den Kanistern.

Wer zu viel Durst hat, bekommt den Stock zu spüren. Und alle haben Durst, auch Osamah Almohimid.

Zehn Menschen, zählt er später, werden die Odyssee nicht überleben.

Bild: Reinhardt, Lukas

Die ägyptische Grenze erreichen sie mit einigen Tagen Verspätung. Der Schlepper, der sie von dort nach Tripolis bringen sollte, ist zu diesem Zeitpunkt bereits fort. Sie harren aus, gefangen an der Grenze.

Nach fünf Tagen geht es schließlich auf der Ladefläche eines Geländewagens weiter bis nach Zuwara, westlich von Tripolis. Tausende Menschen zwängen sich hier wie durch ein Nadelöhr, darauf wartend, dass ein Boot sie über die Meerenge nach Italien bringt.

Ein Boot sinkt – und das Mittelmeer wird zum Massengrab

Auch Osamah Almohimid verfolgt diesen Plan. Doch wieder kommt er zu spät. Knapp verpasst er das Schiff, das immer nur im Abstand einiger Wochen von der kleinen Hafenstadt ablegt. Es ist sein Glück, denn an diesem Tag wird das Mittelmeer einmal mehr zum Massengrab: Der überfüllte Kahn sinkt, hunderte Menschen ertrinken.

Boote legen danach vorerst keine mehr ab. Mehrere Wochen dauert es, bis Osamah Almohimid ein anderes Schiff findet, einen Kahn aus Holz, der ihn endlich nach Italien bringen soll. Denn alles ist besser, als in Libyen zu bleiben, denkt Almohimid. Hier ist er kein Mensch. Hier ist er eine Ware, die von Schlepper zu Schlepper weitegereicht wird – ohne Pass und damit ohne Rechte.

Mit hunderten Menschen steigt er also auf den alten, rostigen Kahn – und wieder hat er Glück. Noch bevor das Boot auf offener See sinkt, erscheint ein Schiff der italienischen Marine.

Erst als er im Herbst 2015 in Deutschland erreicht, fällt alle Last und Angst von ihm ab

Osamah Almohimid ist gerettet, und trotzdem nicht an seinem Ziel. Zwei Grenzen gilt es jetzt noch zu überwinden, jene nach Österreich und jene nach Deutschland.

Erst als er in einem Nachtzug vor München von deutschen Zollbeamten aufgegriffen wird, fällt alle Last und Angst von ihm ab. Die Angst, an den Grenzen jener Länder zu scheitern, die er auf seiner Flucht durchstreifte, um dort bleiben zu müssen.

Das war im Herbst 2015.

Bild: Reinhardt, Lukas

Heute, mehr als drei Jahre später, führt Osamah Almohimid ein gewöhnliches Leben in Konstanz. Er spricht fließend Deutsch und ringt weiterhin darum, hier als Arzt arbeiten zu können.

Irgendwann, sagt er, möchte er wieder zurück in seine Heimat. Dann aber ohne die Grenzerfahrungen, die er auf dem Weg seiner Flucht machen musste.