Spuren des NS-Regimes wurden vielerorts in Deutschland aus dem öffentlichem Raum verbannt, auch in Konstanz. Wer die Überreste des Nationalsozialismus begutachten möchte, muss in der Regel ein Museum betreten.

Manche Dinge sind aber zu groß, um sie in Glasvitrinen auszustellen. So gibt es auch in Konstanz noch Zeichen des Faschismus – viele davon erkennt man aber nicht auf den ersten Blick.

Das Adolf-Hitler-Ufer

Die Seestraße, damals in Adolf-Hitler-Ufer umbenannt, ist für repräsentative Zwecke eine gute Adresse. Hier wohnt, wer sich in das Rampenlicht stellen möchte. Unter Kreisleiter Eugen Speer zog damals die NSDAP-Kreisleitung in die Seestraße 4 (heute 3a) um. Schnell sprachen Konstanzer hinter vorgehaltener Hand vom "braunen Haus".

Bild: Stadtarchiv Konstanz / Z1.fi.763.2

Auch wenn heute keine Hakenkreuz-Fahnen mehr vor dem Haus wehen: Manche Dinge im Inneren deuten noch heute auf die Präsenz der NSDAP in der Seestraße hin.

Steigt man die Kellerstufen hinunter, trifft man direkt auf überdimensionierte Verschläge. Massive Holztüren mit Eisenbeschlägen deuten auf die frühere Nutzung des Kellers hin.

Kellertüren in der ehemaligen NSDAP-Kreiszentrale, Seestraße 4.
Kellertüren in der ehemaligen NSDAP-Kreiszentrale, Seestraße 4. | Bild: Oliver Hansen

Sie sind mit Gucklöchern ausgestattet. Und so lässt sich erahnen, dass hier auch mal jemand unfreiwillig die Nacht verbracht haben könnte.

Belege dafür gibt es keine mehr. Die Akten wurden, als der Krieg verloren ging, vernichtet. Das Haus wurde von den Alliierten in Beschlag genommen und später privatisiert.

Gerd Baumgartner erbte das Haus von seinem Vater und erinnert sich an ein "besonderes familiäres Ereignis". Seine Tante wurde in der Nachkriegszeit von den französischen Besatzungskräften für zwei Nächte in einer der Zellen eingesperrt. Der Vorwurf damals lautete: "hamstern"

Gerd Baumgartner öffnet eine der Kellertüren in der ehemaligen NSDAP-Kreiszentrale, Seestraße 4.
Gerd Baumgartner öffnet eine der Kellertüren in der ehemaligen NSDAP-Kreiszentrale, Seestraße 4. | Bild: Oliver Hanser

Die Gestapo in Konstanz

Im Keller der früheren Mainauwache, heute DRK-Gebäude, wurden nachweislich Personen festgehalten. Die Gestapo Konstanz war dort ansässig.

Im Zuge der Reichspogromnacht wurden mehrere Konstanzer Bürger von der SS verhaftet und in die Blattner-Villa zur Gestapo gebracht. Etwa 60 jüdische Männer wurden am 10. November 1938 inhaftiert und in die Zellen der Mainaustraße 29 gesperrt. Unter ihnen befand sich auch der 70-jährige Rechtsanwalt Moritz Bloch, der aufgrund von Schlägen auf einem Auge erblindete.

Von hier aus wurden auch viele der Inhaftierten in das Konzentrationslager nach Dachau entsendet. Im Laufe des Krieges sollen auch polnische Kriegsgefangene hinter den Türen des Kellers misshandelt und hingerichtet worden sein. Die elf Mann starke Truppe nutzte unter anderem Ochsenziemer, aus getrockneten Bullenpenisse gefertigte Schlagstöcke, als Folterinstrument.

Daran erinnert heute diese einzelne Tür, die im Depot des Rosgartenmuseum archiviert ist – momentan können Besucher sie nicht besichtigen.

Bild: Rosgartenmuseum Konstanz

Der Quartiersbau Haidelmoos

Zahlreiche Türen, die Türen einer ganzen Wohnsiedlung, sind in Konstanz von den Nationalsozialisten erbaut worden und heute noch zu sehen. Durch die Zwangseingemeindung Wollmatingens konnte man auf der Fläche von neun Hektar zwischen der Stadt und der neuen Gemeinde den Wohnungsbau vorantreiben.

Blick auf das Haidelmoos (Archivbild von 2008)
Blick auf das Haidelmoos (Archivbild von 2008) | Bild: Oliver Hanser

1936 begann, nach einer Entwässerung des Gebietes, der Bau des Quartiers Haidelmoos. Die Siedlungspolitik der Nationalsozialisten war auch an Ideale gebunden. Es wurden vor allem junge Familien gesucht, die nicht nur ein Haus kaufen würden, sondern auch "Kleintierzucht und Gartenbau" betreiben sollten. Potenzielle Bewerber wurden auf die siedlerische und charakterliche Eignung mit einem Fragebogen getestet.

Bild: Stadtarchiv Konstanz / Z1.altA21-54e

Die Chérisy-Kasernen

Auch das Militär erfuhr eine bauliche Aufwertung durch die Errichtung einer dritten Kaserne auf dem Chérisy-Gebiet. Heute erinnert noch eine Soldatenstatue vor der Einfahrt zu den Gebäuden an die ehemalige Nutzung der Kasernen.

Soldat an der Chérisy-Kaserne in Konstanz 2019 Foto: Oliver Hanser
Soldat an der Chérisy-Kaserne in Konstanz 2019 | Bild: Oliver Hanser

Bauen für den Sport und Kultur: Strandbad und Stadion

Um die Arbeitslosenzahl zu senken und die Wirtschaft anzukurbeln, ordnete Oberbürgermeister Albert Hermann den Bau von Sport- und Kulturstätten an. Es entstand das erste Hallenschwimmbad am Bodensee, das heutige Rheinstrandbad.

Bild: Stadtarchiv Konstanz / Z1.altA21-53.29

Auch das Bodenseestadion wurde von 125 Arbeitern unter dem Namen "Bodensee-Kampfbahn" 1935 eröffnet und fasste 32.000 Zuschauer.

Bild: Stadtarchiv Konstanz / Z1.fi.778.1

Neben dem Sportlichem sollte auch das Kulturelle dazu beitragen, den Fremdenverkehr zu stärken. Das Stadttheater Konstanz wurde umfassend renoviert und 1934 wiedereröffnet.

Im Zuge des aufkommend Tourismus wurde die alte Rheinbrücke, damals "Horst-Wessel-Brücke", erweitert. Der angrenzenden Sternenplatz sollte auch erweitert werden. Geplant waren eine zehn Meter hohe Stele gegenüber des Rheintorturms, geschmückt mit einem bronzenen Reichsadler. Daran anschließend sollte eine Ehrenhalle für Gefallenen entstehen, die dort Platz finden sollte, wo heute das archäologische Landesmuseum steht.

Zu der Umsetzung dieser Pläne kam es aber nie.

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