In diese Situation könnte (fast) jeder Mensch geraten: Ein persönliches Schicksal wie Krankheit, Scheidung oder plötzliche Arbeitslosigkeit – und schon droht der Verlust der Wohnung aus finanziellen Gründen. Vor allem in Konstanz, dem Inbegriff der explodierenden Miet- und Immobilienpreise. „Auf der anderen Seite gibt es brach liegenden Wohnraum“, sagt Markus Schubert, Leiter der Sozialen Dienste bei der Stadt Konstanz. „Unser Ziel ist es, beide Parteien zusammen zu bringen.“

„Es geht uns nicht um Gewinnmaximierung“

Vermieter hier, Wohnungssuchende dort. Hört sich an wie eine städtische Makleragentur. „Das sind wir auf keinen Fall“, erklärt Markus Schubert. „Es geht uns nicht um Gewinnmaximierung. Es geht uns darum, in Not geratenen Menschen zu helfen.“

Markus Schubert
Markus Schubert | Bild: Schuler, Andreas

Ein deutlicher Hinweis auf den Wahrheitsgehalt dieser Worte: Beim Projekt Wohnraumakquise, das 2014 angelaufen ist, darf der Vermieter nicht auf Konstanzer Preise hoffen, sprich Höchstpreise. „Dafür garantieren wir sichere Mieteinnahmen und beteiligen uns finanziell bei der Renovierung und Instandhaltung der Immobilien.“ Im Gegenzug erhält die Stadt Konstanz ein zeitlich befristetes Belegungsrecht für die bezuschusste Wohnung.

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Das Ganze funktioniert so: Wohnungs- oder Hausbesitzer melden sich beim Sozialamt. Beide Parteien schließen einen Vertrag über einen gewissen Zeitraum. Bei Problemen steht die Fachstelle des Sozial- und Jugendamtes als Vermittler für alle Beteiligten zur Verfügung.

Ziel: eine Win-Win-Situation

Die Stadt bietet darüber hinaus eine Mietausfallgarantie. Der Vermieter kann Ausschlusskriterien bei der Suche nach einem Mieter benennen. „Damit wollen wir für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation schaffen“, sagt Ursula Esther vom Sozial- und Jugendamt. Ihre Kollegin Esther Schlemminger ergänzt: „Grundsätzlich wird ein Jahr Probezeit für den Mieter vereinbart. In dieser Zeit entsteht noch kein Mietvertrag, die Unterbringung erfolgt im Rahmen einer Einweisung durch die Stadt.“

Esther Schlemminger
Esther Schlemminger | Bild: Schuler, Andreas
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Dies stelle eine zusätzliche Sicherheit für den Vermieter dar, sofern das Mietverhältnis nicht zur Zufriedenheit der Beteiligten verlaufe. „Im Idealfall erhält der Mieter nach positivem Verlauf einen eigenen Mietvertrag“, schildert Markus Schubert. „Wir wollen helfen, dass sozial Benachteiligte wieder Fuß fassen können.“

Zielgruppe Familien und Alleinerziehende

Zielgruppe des Projektes Wohnraumakquise sind Familien und Alleinerziehende der so genannten Mittelschicht, die aufgrund persönlicher Schicksale kaum Chancen auf dem freien Wohnungsmarkt hätten. 33 Personen fanden durch das Projekt bisher ein neues Zuhause. „Darunter sind 16 Kinder“, erzählt Markus Schubert.

Ursula Leser
Ursula Leser | Bild: Schuler, Andreas

Sowohl Mieter als auch Vermieter wollen aus einem bestimmten Grund anonym bleiben und nicht namentlich genannt werden: „Die Mieter sollen unbemerkt dort wohnen“, so der Leiter der Sozialen Dienste. „Sobald ein Mensch vom Sozialamt kommt, wird er stigmatisiert. Das wollen wir verhindern.“

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Das längste Projekt läuft übrigens über 15 Jahre: Eine Familie aus München hat einen Vertrag mit dem Konstanzer Sozialamt abgeschlossen. Ein anderes Beispiel: Eine Familie meldete sich beim Amt, sie erbte ein kleines Haus in Konstanz, das drei Jahre lang leer stand. Über eine Kooperation mit der Stadt wurde das Haus wieder bewohnbar und der Besitzer bekam eine Mietausfallgarantie.

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