Begleitet von zwei bewaffneten Justizbeamten betritt der junge Mann den Saal 207 im Konstanzer Amtsgericht. Er trägt Fußfesseln, Jeans und T-Shirt. Die Beamten führen ihn zum Platz neben seinem Anwalt, auf dem Tisch liegen das Strafgesetzbuch und die Unterlagen mit der Anklageschrift. Sie klingen so gar nicht nach einem schweren Verbrechen.

Der Mann Anfang 30 soll mehrmals PC-Spiele und Konsolen aus dem Elektronikmarkt Media Markt in Konstanz, Ravensburg und Friedrichshafen gestohlen und privat weiterverkauft haben, der Wert des Diebesguts übersteigt keine 1500 Euro. Zum Tatzeitpunkt war er obdachlos, bezog keine staatlichen Hilfen.

Nun sitzt er seit April in Untersuchungshaft und wird auch länger im Gefängnis bleiben. Das Urteil lautet ein Jahr und sechs Monate. Wie konnte es so weit kommen? „Sie haben in ihrem Leben immer wieder die falsche Abzweigung genommen“, sagt Richterin Christine Kaiser einmal während der Verhandlung.

Einer der Knackpunkte war der Tod des Vaters

Sein Weg beginnt in seiner Heimatstadt in Niedersachsen. Die Eltern lassen sich scheiden, als er in die Pubertät kommt. Mit 13 Jahren fängt er an, zu kiffen. „Wenn man in diesem Alter anfängt, bildet sich eine Suchtschleife im Gehirn. Das erleben wir hier leider sehr oft“, so die Richterin.

Zunächst muss er bei seiner Mutter bleiben, zieht aber später, mit 15 Jahren, zu seinem Vater. Die Mutter hatte ein Alkoholproblem, war gewalttätig. Kontakt hat er bis heute nicht zu ihr. Den Hauptschulabschluss schafft er noch, die Mittlere Reife nicht mehr.

„Durch den ständigen Wohnortwechsel habe ich bestimmt 17 oder 18 Schulen besucht.“ Nur drei Jahre nach dem Umzug stirbt der Vater, auch die Großeltern waren verstorben. „Seitdem schlage ich mich alleine durch“, sagt der Angeklagte.

Der Raubüberfall – aus Liebe

Durchschlagen, das heißt: Mal hier und da jobben, zwischendurch keine Wohnung zu haben, Drogen zu nehmen. THC und Amphetamine, aber niemals Heroin, beteuert er. So geht das eine Weile, groß straffällig wird er nicht.

Bis zu jener Nacht, in der er sich eine Mütze über den Kopf zieht und mit einem Küchenmesser in der Hand die Mitarbeiterin einer Spielothek in Bad Saulgau bedroht. Mit nur Münzgeld in der Plastiktüte flüchtet er, wird aber wenige Tage später festgenommen.

Die Verhandlung zeigt, dass es zwei Mittäterinnen gab. Darunter eine Frau, in die er sich verliebt hatte – und die ihn mit Sätzen wie „Wenn du das jetzt nicht machst, bist du ein Schlappschwanz“ zu dem Überfall drängte. In jener Nacht sollte er noch eine Tankstelle überfallen, kehrte aber auf halben Weg um.

Die Tochter ist heute zwölf Jahre alt

Wegen besonders schwerer räuberischer Erpressung wird er nach Jugendstrafrecht zu drei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Er verstößt gegen die Auflagen, muss doch in das Gefängnis und verliert so auch den Kontakt zu seiner Tochter, die heute zwölf Jahre alt ist.

Als er das Gefängnis verlässt, kommt er in einer Sozialeinrichtung zur Wiedereingliederung unter. In solchen Einrichtungen sind Alkohol und Drogen tabu. Alkohol sei nicht das Problem gewesen, sagt er.

Aber der Drogentest. Um ihm zu entgehen, flüchtet er wieder in die Obdachlosigkeit – und vor dem Bewährungshelfer. Weil er keine Meldeadresse hatte, beantragte er auch keine Sozialhilfe – seinen Lebensunterhalt und seine Drogensucht musste er dennoch irgendwie bestreiten.

So führt ihn der Weg mindestens vier Mal in Elektronikmärkte, um PC-Spiele und Konsolen zu stehlen und weiterzuverkaufen. Einmal sind auch zwei Mittäter dabei. Beim fünften Mal wird er in Konstanz von einem Ladendetektiv festgehalten, bis ihn die Polizei in die U-Haft-Zelle des Gefängnisses neben dem Amtsgericht abführt.

Drogen sind das Grundproblem

Bei seiner Verhandlung ist er sofort geständig, und zeigt sich reflektiert: „Ich muss jetzt erstmal mein Drogenproblem in den Griff bekommen.“ Die Sucht habe er sich lange nicht eingestanden. „Das sehe ich genau so“, bemerkt die Richterin.

„Solange sie das nicht in den Griff bekommen, werden Sie keinen Job durchhalten und die sonstigen Anforderungen, die die Gesellschaft an sie stellt, erfüllen können. Sie kamen damals aus der Haft und hätten ein neues Leben anfangen können. Aber der Fluchtweg, den sie gegangen sind, hat nur neue Probleme geschaffen."

Ein Jahr und sechs Monate Gefängnis

Weil er gegen Bewährungsauflagen verstoßen hat und untergetaucht war, weil die Taten teilweise gemeinschaftlich begangen wurden und zum Zweck eines regelmäßigen Einkommens – all das spielte eine Rolle im Strafmaß, bei dem sich Staatsanwaltschaft, Verteidigung und die Richterin einig waren: ein Jahr und sechs Monate Freiheitsstrafe.

Fünf Drogenberatungstermine im Gefängnis hat der junge Mann inzwischen gemacht. Außerdem hat er eine stationäre Drogentherapie beantragt, die er aus der Haft heraus antreten könnte. Ein Schritt in die richtige Richtung, wie Richterin Christine Kaiser sagt. Sie schließt die Gerichtsverhandlung mit den Worten: „Kommen Sie auf den richtigen Weg. Ich will Sie hier nicht wieder sehen.“