Es ist ein kalter Samstagmorgen auf dem Münsterplatz. "Es reicht" steht auf den Plakaten, die an der Bühne und den Ständen hängen. Auf dem Münsterplatz verteilen Eltern unterdessen Lehrer. Keine echten, sondern welche aus Teig. Wenn Lehrer fehlen, backen sie eben selbst welche, dachten sich die Konstanzer Eltern, die die Demo organisiert haben.

Ein süßer Protest gegen ein Problem, das vielen schon lange sauer aufstößt: Unterrichtsausfall, weil Lehrer fehlen.

Der Vorwurf richtet sich nicht gegen die Lehrer oder die Rektoren. Denn die versuchten, das Beste aus der Lage zu machen. Der Elternvertreter Thomas Albicker sagt das ausdrücklich. Trotzdem ist er wütend über das, was teilweise an den Konstanzer Schulen passiert, wütend über die bisherige Bildungspolitik im Land.

Thomas Albicker, Elternbeirat der Konstanzer Grundschulen
Thomas Albicker, Elternbeirat der Konstanzer Grundschulen

Der Landkreis Konstanz gehört zu den vom Lehrermangel besonders betroffenen Regionen, das sagt selbst das Kultusministerium auf eine Kleine Anfrage des Konstanzer Landtagsabgeordneten Jürgen Keck. "Obwohl die Region eigentlich doch ein attraktiver Standort ist", sagt Thomas Albicker. An der Grundschule Allmannsdorf fehlt gar ein Rektor.

Und warum fehlen Lehrer? Das Schulamt weiß darauf keine Antwort

"Die Zahl der Bewerber ist zurzeit deutlich geringer als die Zahl der zu besetzenden Stellen", bestätigt auch der Leiter des Staatlichen Schulamts Konstanz, Karlheinz Deußen nach mehrfacher Anfrage. Warum das so ist, weiß er offenbar nicht: "Ob es am geografischen Beharrungsvermögen der Bewerber liegt, vermag ich nicht zu erklären. Fakt ist jedoch, jeder Bewerber kann dort eine Anstellung finden, wo er hin will."

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Zwar konnten, so Deußen, aktuell alle Lehrerstellen in den Gemeinden Konstanz, Allensbach und Reichenau besetzt werden – aber nur über befristete Verträge. Das heißt, es handelt sich um angestellte Vertretungslehrer, die für die Zeit der Sommerferien entlassen werden – nicht um Beamte. Eine Praxis, die immer wieder kritisiert wird.

Von 30 Schulstunden fällt eine aus – Mandalas malen zählt als Unterricht

Dieses Jahr hatte das baden-württembergische Kultusministerium erstmals den Unterrichtsausfall an allen öffentlichen Schulen erhoben und vorgelegt. Demnach betrage der Unterrichtsausfall im Bereich des Staatlichen Schulamts Konstanz 2,7 Prozent, bezogen auf den Pflichtunterricht. Sprich: Von 30 Schulstunden fällt eine aus.

Allerdings fließen in diese Statistik nicht die vertretenen Stunden ein. "Solange die Kinder Mandalas malen, einen Film schauen oder basteln, gilt das nicht als Unterrichtsausfall", bemerkt Petra Rietzler, die stellvertretende Vorsitzende des Konstanzer Gesamtelternbeirats.

Schüler werden auf andere Klassen verteilt

Dazu gehören beispielsweise die Stunden, die gerade an der Haidelmoosschule vertreten werden. Dort ist eine Klassenlehrerin ausgefallen, die Schüler mussten auf zwei andere Klassen verteilt werden – und arbeiten während des regulären Unterrichts selbstständig mit ihren Arbeitsheften.

"Solche Notlösungen sind natürlich genau das, was wir nicht wollen. So lässt sich kein guter Unterricht machen und das macht auch uns Schulleitern zu schaffen ", sagt Andreas Hipp.

Er ist der geschäftsführende Schulleiter aller Grund-, Haupt-, Real- und Förderschulen in Konstanz und kennt sich mit Notlösungen gut aus: Vergangenes Jahr leitete er nicht nur seine Stephansschule, sondern kommissarisch auch die Grundschule im Wallgut, weil die Rektorin krankheitsbedingt längerfristig ausgefallen war.

Die Mädchen und Jungen an der Konstanzer Stephansschule können sich glücklich schätzen, denn sie haben noch Lehrer, darunter Claudia Carpentier, die hier an der Tafel steht.
Die Mädchen und Jungen an der Konstanzer Stephansschule können sich glücklich schätzen, denn sie haben noch Lehrer, darunter Claudia Carpentier, die hier an der Tafel steht. | Bild: Scherrer, Aurelia

Das Problem ist überall dasselbe: "Die Schulen sind in der Regel so knapp mit Lehrstellen versorgt, dass sie selbst kurzfristig nicht in der Lage sind, Krankheitsvertreter zu stellen. Damit ist Unterrichtsausfall vorprogrammiert", sagt Stefanie Göttlich, zweifache Mutter und Elternbeiratsvorsitzende am Ellenrieder-Gymnasium.

Deswegen fehlen derzeit Lehrkräfte

Zum einen ist da die Pensionierungswelle zwischen 2017 und 2020, in denen die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) führt dies vor allem auf Planungsfehler aus der vergangenen Legislaturperiode unter der SPD-Beteiligung zurück, wie sie auch kürzlich bei einer Veranstaltung in Singen anmerkte.

Zum anderen führte die Umstellung der Lehramtsstudiengänge im Jahr 2011 und die dadurch bedingte Verlängerung der Studienzeit des Grundschullehramts von sechs auf acht Semester dazu, dass 400 Grundschullehrkräfte weniger auf den Arbeitsmarkt kamen als üblich. Auch da verweist das Kultusministerium auf Planungsfehler der Vorgängerregierung.

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Drittens rücken zwar gerade an Grundschulen junge Lehrerinnen nach, gehen aber nach wenigen Jahren in Elternzeit. An der Stephansschule etwa sind derzeit drei von 35 Lehrkräften schwanger. "Das ist bei der Altersstruktur normal und ja auch schön, aber für unsere Unterrichtsplanung ist das ein Riesenproblem. Denn wir finden keinen Ersatz", sagt Schulleiter Andreas Hipp. Seit 42 Jahren ist er im Schuldienst, seit 28 Jahren Rektor. Er weiß, dass es mit der Bildungspolitik noch nie optimal war und immer mal wieder Lehrer fehlten. "Aber früher konnte man noch Bewerber finden. Heute können Sie im Notfall suchen, wo Sie wollen. Sie finden niemanden."

Ein Schulleiter sucht händeringend nach Lösungen

Andreas Hipp nennt ein Beispiel: Wenige Tage bevor das neue Schuljahr 2018/2019 startete, habe er erfahren, dass eine Kollegin länger vollständig ausfallen wird. Eigentlich war sie als Klassenlehrerin für die vierte Klasse vorgesehen. Ein Anruf beim Schulamt habe so schnell keinen Ersatz gebracht, also telefonierte Hipp die Kolleginnen ab – mit der Bitte, ihre Stunden zu erhöhen und einzuspringen.

Andreas Hipp leitet die Konstanzer Stephansschule und ist Geschäftsführender Schulleiter für die Konstanzer Grund-, Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen.
Andreas Hipp leitet die Konstanzer Stephansschule und ist Geschäftsführender Schulleiter für die Konstanzer Grund-, Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen. | Bild: Schlüter, Kirsten

"Im schlimmsten Fall finde ich niemanden. Dann fange ich an, die Klasse zu verteilen. Im besten Fall finde ich jemanden im Kollegium, das ist uns glücklicherweise auch in diesem Fall gelungen. Aber allein die Genehmigung für eine Deputat-Erhöhung kann in bestimmten Fällen bis zu zwei Wochen dauern", erläutert Hipp.

Solange malen die Kinder dann in Vertretungsstunden Mandalas, um es mit den Worten von Petra Rietzler zu sagen. Gerade in der vierten Klasse, die mit der Grundschulempfehlung für die weiterführende Schule endet, ist das für die Eltern ein Ärgernis.

Lehrer klagen: "Wir sind am Limit. Mehr geht nicht."

Heike Weinert kennt die Notlösungen nur zu gut. Sie ist Grundschullehrerin an der Haidelmoosschule und hat Kollegen, die eigentlich schon lange pensioniert sind und immer wieder aushelfen. 70 Schulstunden bekommt jede Schule im Jahr für externe Vertretungen etwa durch Pensionäre, die verbeamtet sein müssen.

Auch an ihrer Schule seien Kolleginnen gebeten worden, ihr Deputat zu erhöhen. "Aber gerade bei den Kolleginnen, die selbst Kinder haben, geht das eben nicht", sagt Heike Weinert. "Wir sind am Limit. Mehr geht nicht."

Am Limit sieht sich auch eine Teilnehmerin auf der Konstanzer Demo. Auf ihrem Plakat steht:

Bild: Pfanner, Sandra

"Viele können sich nicht vorstellen, wie anstrengend es ist, drei bis vier Stunden zu unterrichten. Vor allem wenn man so viele verhaltensauffällige Kinder hat", sagt eine andere Grundschullehrerin, die dazu kommt. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, sie sei selbst länger krank gewesen und gerade endlich an eine andere Schule versetzt worden. "Wir bekommen immer mehr Aufgaben dazu, während manche Eltern ihre Erziehungsaufträge abgeben."

Schulleiter Andreas Hipp hat Verständnis für Aussagen wie diese. "Es ist eine absolute Herausforderung, gerade für Lehrerin erster Klassen, eine Gruppe von 25 Kindern zu unterrichten– Kinder mit unterschiedlichen Kompetenzen, sozialem Status und Herkunft." Und er hat Verständnis für die Eltern, bittet aber auch selbst um Verständnis: "Wir setzen uns mit aller Kraft dafür ein, dass es läuft", sagt er, "dass wir bei Lehrerausfällen auch eine pädagogische Lösung finden, nicht nur eine Vertretung. Aber auch wir kommen an unsere Grenzen".