Konstanz ist eine sportliche Kulturstadt. Das trifft es ganz gut. Der Wirtschaftsstandort hingegen hat nicht wirklich viel zu bieten. Die ganz Großen am Bodensee sind auf diesem Gebiet eher in Friedrichshafen zu finden, auch Singen ist wegen der Verkehrsanbindung attraktiver.

Wer an Konstanz denkt, dabei See, gutes Wetter und Alpennähe ausklammert und Sinn für die Muse hat, denkt an Kultur. Das älteste durchgängig bespielte Theater der Republik, die arrivierte Südwestdeutsche Philharmonie, Museen mit hochkarätigen Ausstellungen, das altehrwürdige Münster und nicht zuletzt das Konzil – wer hier kulturelle Unterhaltung oder Bildung sucht, wird garantiert fündig. „Wir sind sehr gut aufgestellt“, sagt deshalb auch Kulturbürgermeister Andreas Osner.

Doch unsere schöne Stadt tappt auch ganz gerne in die selbst gestellte Falle der Selbstzufriedenheit.

Theater und Philharmonie spielen in der Bundesliga, das Konzil mit dem eben erst zu Ende gegangenen Jubiläum gar in der Champions League, die Museen nehmen im Land eine starke Rolle ein.

So weit, so gut.

Was jedoch stiefmütterlich behandelt wird, ist moderne oder zeitgenössische Kunst – ein Genre, das in unserer Zeit einen immensen Stellenwert besitzt. „Konstanz verlässt sich zu sehr auf seine Geschichte“, sagt Galerist Stephan Geiger, der mit seinem privaten Haus am Fischmarkt noch für die Highlights sorgt. Im Topf der Stadt jedoch ist kein Platz für Gegenwartskunst – zumindest nicht in dem Rahmen, der für eine Stadt der Bedeutung von Konstanz angemessen wäre.

Immerhin: Immer mehr Stadträte scheinen zu realisieren, dass dieses Gebiet unbedingt ins Portfolio gehören sollte. Der Kulturausschuss beschäftigt sich immer wieder mit der Thematik.

Es gibt wenige Bereiche, bei denen kommunale Entscheidungen eine so bedeutende Rolle spielen wie in der Kultur- und Sportpolitik.

Der Gestaltungsspielraum der Stadt und des Stadtrats ist groß. Kultur und Sport spielen vor allem in Konstanz eine so große Rolle, dass niemand offen dagegen sein möchte – denn wer legt sich schon freiwillig mit einflussreichen Vereinen an?

Die Diskussionen über ein Kunsthaus haben zuletzt wieder ordentlich an Fahrt aufgenommen. Eine private Initiative sammelt eifrig Ideen für einen eventuellen neuen Standort oder Möglichkeiten, bereits bestehende Gebäude oder Säle zu nutzen. Allerdings ist hier die Gefahr der Flickschusterei gegeben. Eine große Lösung ist so weit weg wie der Bodensee vom Salzgehalt des Toten Meeres. Zuletzt wurde sogar das Bodenseeforum als Kunsthaus ins Spiel gebracht.

Das Problem wie eigentlich immer in der Kunst und Kultur: Sie kostet richtig viel Geld und bringt neben im Idealfall zufriedenen Besuchern nicht viel.

105.731 Menschen gingen im Jahr 2017 in eine der drei Spielstätten des Stadttheaters, 113 Angestellte hatte das Haus, das Jahresbudget betrug 9,51 Millionen Euro – der kommunale Zuschuss betrug im erwähnten Jahr 5,8 Millionen Euro.

2017 hatte die Philharmonie 75.971 Besucher, über 75 Planstellen verfügte das Haus, das Jahresbudget betrug 6,76 Millionen Euro und der kommunale Zuschuss 2,8 Millionen Euro.

Stolze Zahlen.

Rein rechnerisch wird jeder belegte Platz im Stadttheater mit rund 55 Euro unterstützt, mit rund 37 Euro wird jeder verkaufte Sitz der Philharmonie subventioniert.

„Natürlich ist das viel Geld“, sagt Stadtrat Wolfgang Müller-Fehrenbach, „aber das sollte es uns auch wert sein. Wenn die Arbeit der Theaterleute so gut ist, wie sie ist, dann ist das für unsere Bewohner ein gut angelegtes Geld.“

Kultur darf auch in einer historischen Stadt nicht nur nach hinten gerichtet sein, sondern muss auch das Jetzt und das Morgen im Blick behalten. Dabei stecken die handelnden Personen in einem Dilemma: Campus Festival, Rathausoper oder Kulturverein – an diesen drei Beispielen der vergangenen Jahre lässt sich festhalten, wie schwierig die Entscheidungen sind, einer Einrichtung Geld zukommen zu lassen, der anderen aber nicht.

Die Voraussetzungen sind klar formuliert: Ortsansässige gemeinnützige Vereine ohne kommerzielle Ausrichtung kommen in den Genuss, die Mitgliedschaft muss jedem offen stehen, der Verein muss mindestens drei Jahre aktiv sein und eine Kumulierung mit anderen städtischen Zuschüssen ist nicht möglich.

Diese eigentlich so klaren Förderrichtlinien führen sich ganz gerne selbst ad absurdum.

Beispiel Campus Festival, das einen kleinen Gewinn einspielte, der als Rücklage dient: Im Kulturausschuss findet sich auf den ersten Blick niemand, der die Veranstaltung an der Uni nicht für wichtig und zuschusswürdig hält. Mehrere tausend junge Menschen kommen zusammen und feiern ein Wochenende lang friedlich und ausgelassen. Die Veranstalter wohnen hier und füllen nach dem Wegfall des städtisch finanzierten Zeltfestivals eine Lücke, 300 Ehrenamtliche sorgen für einen reibungslosen Ablauf und sozial Schwächere erhalten freien Eintritt.

Kulturamtsleiterin Sarah Müssig begründete damals eine temporäre Nicht-Berücksichtigung mit dem kommerziellen und nicht ausschließlich für lokale Interpreten ausgelegten Charakter: „Wir können große Stars nicht mit kommunalen Geldern bezahlen.“

Das wiederum wirft die Frage auf, warum das Defizit der Rathausoper in Höhe von 5000 Euro übernommen wurde – Ana Kovacevic, 2017 als Sopran in Ariadne in Konstanz zu sehen, ist in der Opernszene eine richtige Nummer mit Weltruf. Die Stadt pumpt darüber hinaus jährlich 36.099 Euro in den Kulturverein, der Kulturausschuss empfahl 2017 einstimmig eine sofortige Erhöhung um 11.000 Euro jährlich.

Sinn oder Unsinn solcher Richtlinien wurden heiß diskutiert – und gipfelten in pragmatischen Entscheidungen.

Wie hätte jungen Menschen erklärt werden sollen, dass Hochkultur gefördert werden soll, massentaugliche jedoch nicht? Der Kulturausschuss beschäftigte sich lange mit der Frage, ob und wie das Campus Festival an der Universität mit städtischen Geldern subventioniert werden solle. Die Unterstützung war nach den sachlichen und zielgerichteten Diskussionen überwältigend: Einstimmig fiel das Votum aus, das Campus Festival zunächst mit 10.000 Euro zu unterstützen und die weiteren angefragten 15.000 dann zu gewähren, wenn die Gemeinnützigkeit nachgewiesen ist – ein Musterbeispiel dafür, wie flexibel und beweglich Kommunalpolitik sein kann.

Und der Konstanzer Sport? Läuft.

Der Konstanzer Sport ist offenbar so stabil, dass er in aller Regel eine eigene Rolle einnimmt abseits von den öffentlichen Auseinandersetzungen. 85,5 Prozent alle Konstanzer treiben regelmäßig Sport, in 101 Vereinen sind 25.000 Sportler aktiv – beeindruckende Zahlen. Die Stadt tut viel, um den Bewohnern gute Möglichkeiten zu bieten. Alleine sieben Kunstrasenplätze entstanden seit 2003, Stück für Stück werden die bereits wieder renoviert.

Sieben Kunstrasenplätze existieren in Konstanz, hier werden die Matten auf dem Schwaketenplatz verlegt. Sechs hat die Stadt finanziert, einen die DJK. Die Renovierung des DJK-Platzes wurde jedoch von der Stadt gestemmt.
Sieben Kunstrasenplätze existieren in Konstanz, hier werden die Matten auf dem Schwaketenplatz verlegt. Sechs hat die Stadt finanziert, einen die DJK. Die Renovierung des DJK-Platzes wurde jedoch von der Stadt gestemmt. | Bild: Oliver Hanser

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