Nein, Weihnachten ist erst in rund neun Monaten. Und doch sieht es an diesem Samstag aus wie am Nachmittag des Heiligen Abends. Leer gefegt, ausgestorben, verlassen und doch irgendwie friedlich.

Als wäre die Ausgangssperre schon verhängt: Nur vereinzelt sind Menschen auf der Straße, hier die Bahnhofstraße.
Als wäre die Ausgangssperre schon verhängt: Nur vereinzelt sind Menschen auf der Straße, hier die Bahnhofstraße. | Bild: Scherrer, Aurelia

Die Fußgängerzone ist menschenleer, die Geschäfte geschlossen, die Restaurants, zumindest die, die Essen zum Mitnehmen oder zur Lieferung anbieten, kommunizieren mit den Kunden über offene Fenster oder per Telefon.

Als wäre die Ausgangssperre schon verhängt: Nur vereinzelt sind Menschen auf der Straße, hier der Bodanplatz.
Als wäre die Ausgangssperre schon verhängt: Nur vereinzelt sind Menschen auf der Straße, hier der Bodanplatz. | Bild: Scherrer, Aurelia

„Die Menschen scheinen sich an die Vorgaben zu halten“, berichtet Harald Klaiber vom Polizeipräsidium Konstanz. „Das mag auch am nicht mehr so schönen Wetter gelegen haben. Aber wichtig ist, dass die Menschen einsichtig sind.“

Auch am Sonntag siegte die Vernunft

Am Sonntag schien die Sonntag ab Mittag – aber ein empfindlich kühler Ostwind sorgte für eine wenig einladende gefühlte Temperatur. Harald Klaiber konnte auch am Sonntagabend von vernünftigen Mitmenschen berichten. „Es gab keine Verstöße gegen die neuen Verordnungen. Kompliment an die Leute, jeder hält sich dran. Das öffentliche Leben findet derzeit nicht statt.“

Es waren zwar Menschen unterwegs in der herrlichen Sonne des Sonntags – aber nur in kleinen Gruppen.
Es waren zwar Menschen unterwegs in der herrlichen Sonne des Sonntags – aber nur in kleinen Gruppen. | Bild: Schuler, Andreas

Und trotzdem kamen die Menschen in großer Zahl, um sich warm gekleidet in der Sonne zu wärmen. Laura Winkel, Luis Kemper, beide Philosophie-Studenten, und Selina Angeli verbrachten einen gemütlichen Tag auf einer Decke am Seerhein. Sie spielten Gitarre, Schach oder lasen ein Buch.

Laura Winkel (Mitte), Luis Kemper (links), beide Philosophie-Studenten, und Selina Angeli am Seerhein.
Laura Winkel (Mitte), Luis Kemper (links), beide Philosophie-Studenten, und Selina Angeli am Seerhein. | Bild: Schuler, Andreas

Die drei jungen Menschen sind unterschiedlicher Meinung, was das Thema Ausgangssperre angeht. „Ich finde es gut, dass das nicht gekommen ist“, sagte Laura Winkel. „Wir müssen alle auf uns acht geben. Dann ist das die richtige Entscheidung.“ Selina Angeli hingegen findet es „für die Allgemeinheit betrachtet eher nicht so gut. Ich denke, dass härtere Maßnahmen getroffen werden sollten. Für uns hier ist das natürlich gut“.

Müll vor dem geschlossenen Wertstoffhof

Gelbe Säcke und Sperrmüll vor dem Wertstoffhof in der Gartenstraße.
Gelbe Säcke und Sperrmüll vor dem Wertstoffhof in der Gartenstraße. | Bild: Schuler, Andreas

Vor dem Tor des Wertstoffhofes Gartenstraße, der ebenfalls geschlossen wurde, legen Bürger Berge von Sperrmüll ab. „Es scheint so zu sein, dass die Konstanzer den Samstagvormittag grundsätzlich nutzen, um ihren Müll zu entsorgen“, vermutet Harald Klaiber.

Ungewohnt: Ein Samstag in Konstanz nahezu ohne Autos.
Ungewohnt: Ein Samstag in Konstanz nahezu ohne Autos. | Bild: Schuler, Andreas

Bürger haben viele offene Fragen

Die Beamten beantworten den ganzen Tag über am Telefon und auf der Straßen Fragen von verunsicherten Bürgen. Darf ich noch raus? Muss ich den Besuch daheim wegschicken? Hat mein Lieblingsrestaurant geöffnet?

Drei statt fünf Fähren fahren derzeit. Und auch die verbliebenen müssen zuweilen mit nur einer Handvoll Passagiere ablegen.
Drei statt fünf Fähren fahren derzeit. Und auch die verbliebenen müssen zuweilen mit nur einer Handvoll Passagiere ablegen. | Bild: Schuler, Andreas
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„Wir haben vielen Menschen den Sinn und Zweck der neuen Verordnung klar gemacht“, sagt Harald Klaiber. „Einer hat sogar gefragt, ob er den geplanten Umzug durchführen darf. Klar, wenn sie hinterher nicht mit 20 Leuten feiern, antworteten wir.“

Ladenbesitzer zeigen Einsicht

Einzelne Geschäfte wie zum Beispiel ein Friseurladen waren trotz des Verbotes geöffnet. „Aber auch hier herrschte sofort Einsehen. Die Betreiber hatten die neuen Bestimmungen einfach noch nicht mitbekommen. Alles im Rahmen.“

Vor dem Fuchshof können Kunden Einkaufswagen und Hände mit selbst hergestelltem Desinfektionsmittel besprühen.
Vor dem Fuchshof können Kunden Einkaufswagen und Hände mit selbst hergestelltem Desinfektionsmittel besprühen. | Bild: Schuler, Andreas

Im Fuchshof in Dingelsdorf-Oberdorf ist an diesem Samstag deutlich weniger Betrieb als sonst. Pfeile im Eingangsbereich deuten den Kunden den Weg durch den Laden.

Die Pfeile im Fuchshof zeigen die Richtung an, damit Kunden nicht entgegen dem Strom an der Kasse vorbeigehen. Dort nämlich wäre der nötige Abstand zu Mitmenschen nicht gegeben.
Die Pfeile im Fuchshof zeigen die Richtung an, damit Kunden nicht entgegen dem Strom an der Kasse vorbeigehen. Dort nämlich wäre der nötige Abstand zu Mitmenschen nicht gegeben. | Bild: Schuler, Andreas

„Wir wollen verhindern, dass so manche wie sonst gerne gegen den Strom an der Kasse vorbeigehen“, erklärt Heiner Fuchs. „In der Regel funktioniert das“, berichtet Corina Renz, die den Laden führt. „Am Freitag ist ein Gast sehr rabiat und unangenehm geworden, weil er dachte, ein anderer sei ihm zu nahe gekommen.“

Im Fuchshof weisen diese Aufkleber die Kunden auf den nötigen Abstand zum Vorgänger hin.
Im Fuchshof weisen diese Aufkleber die Kunden auf den nötigen Abstand zum Vorgänger hin. | Bild: Schuler, Andreas

Auch in einem großen Supermarkt herrscht im Vergleich zu anderen Samstagen gähnende Leere. Die Regale mit Toilettenpapier sind wie erwartet verwaist. Es kann also unmöglich nur den Schweizern liegen, die Hamsterkäufe durchführen. Die nämlich dürfen seit Montag gar nicht rein nach Deutschland.

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Toilettenpapier? Küchentücher? Leere!
Toilettenpapier? Küchentücher? Leere! | Bild: Schuler, Andreas

Sicherheitsabstand zum Olivenstand

Elban und Mustafa Aygün betreiben in zwei Konstanzer Supermärkten Stände mit Oliven, Käse oder eingelegtem Gemüse. Auch hier kleben rund ein Meter vor der Ablage Streifen am Boden, der die Kunden zum Sicherheitsabstand auffordert.

Elban und Mustafa Aygün betreiben in zwei Supermärkten Stände mit Oliven, Käse oder eingelegtem Gemüse.
Elban und Mustafa Aygün betreiben in zwei Supermärkten Stände mit Oliven, Käse oder eingelegtem Gemüse. | Bild: Schuler, Andreas

„Schön wäre es, wenn die Menschen freiwillig mehr Rücksicht auf Mitarbeiter im Verkauf nehmen würden“, sagt Elban Aygün. Ihr Mann pflichtet bei: „Wenn wir erkranken, muss zugemacht werden. Dann gibt es weniger Lebensmittel. Ich rede hier für alle in unserer Branche.“

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Als wäre die Ausgangssperre schon verhängt: Nur vereinzelt sind Menschen auf der Straße. So viele freie Parkplätze auf dem Stephansplatz an einem Samstagnachmittag sind eine Seltenheit.
Als wäre die Ausgangssperre schon verhängt: Nur vereinzelt sind Menschen auf der Straße. So viele freie Parkplätze auf dem Stephansplatz an einem Samstagnachmittag sind eine Seltenheit. | Bild: Scherrer, Aurelia

Der 48-Jährige gibt zwar deutliche Umsatzrückgänge in Höhe von rund 50 Prozent zu, „doch ich gehe davon aus, dass es ab Montag aufwärts geht, da die Restaurants alle geschlossen sind, die Menschen aber essen müssen. Und das noch mehr daheim.“

Als wäre die Ausgangssperre schon verhängt: Nur vereinzelt sind Menschen auf der Straße, hier die Rosgartenstraße.
Als wäre die Ausgangssperre schon verhängt: Nur vereinzelt sind Menschen auf der Straße, hier die Rosgartenstraße. | Bild: Scherrer, Aurelia

Elban Aygün lobt die Kommunikation mit Behörden und anderen Institutionen. „Einzelhandelsverband oder Handelskammer schicken regelmäßig Mails, in denen wir informiert werden, an welche neuen Regelungen wir uns halten müssen. Das klappt wunderbar.“

Verwaist und menschenleer: Seerhein und Herosé.
Verwaist und menschenleer: Seerhein und Herosé. | Bild: Schuler, Andreas

„Sie scheinen verstanden zu haben, um was es geht“

Ein älterer Herr, der am Seerhein mit seiner Frau spazieren geht, hält lächelnd fest: „Auch die letzten Menschen in Konstanz scheinen nach einer turbulenten Woche mit einigen Freiluft-Partys kapiert zu haben, um was es geht“, sagt er. „Bleibt zu hoffen, dass nicht nur das durchwachsene Wetter dafür verantwortlich ist.“

Bild: Schuler, Andreas

Um 18 Uhr am Sonntagabend erklang auf mehreren Konstanzer Balkonen Beethovens Ode an die Freude. In Litzelstetten beispielsweise spielten Ramona und Uwe Schmid auf Posaune und Tenorhorn – und alle Nachbarn lauschten andächtig, bevor sie laut applaudierten. Was für ein schöner Moment in dieser so traurigen und surrealen Zeit.

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