Und es ist eben doch kein ganz normales Richtfest. Soeben hat Zimmerermeister Urs Müller seinen feinsinnig gereimten Spruch hoch oben auf dem Dachstuhl ausgebracht und das Weinglas geleert. Jetzt müsste er es in die Tiefe werfen, auf dass es zerschelle. Doch Scherben vor einer Synagoge soll es an diesem Donnerstag nicht geben. Nur wenig entfernt, ebenfalls in der Sigismundstraße, ist der Ort, an dem Nazi-Schergen 80 Jahre zuvor das Bethaus niederbrannten und den fürchterlichen Pogrom als "Reichskristallnacht" auch noch verhöhnten. Aus Rücksicht auf den Ort, sagt Müller, werfe er das Glas also nicht zu Boden.

Beim Richtspruch auf dem Dachstuhl des "Anker": Zimmermeister Urs Müller (links) und der Auszubildende Jacob Dörr.
Beim Richtspruch auf dem Dachstuhl des "Anker": Zimmermeister Urs Müller (links) und der Auszubildende Jacob Dörr. | Bild: Jörg-Peter Rau

Dass in Deutschland eine neue Synagoge gebaut wird als Ausdruck eines wieder aufblühenden jüdischen Lebens, auch das ist nicht alltäglich. Und dass dann auch noch ein Richtfest gefeiert wird, erst recht. Denn die jüdische Tradition, erklärt Rami Suliman, kennt diesen Anlass eigentlich nicht. Aber der Vorsitzende des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden erklärt, man wolle dieses Zeichen der Integration und der Dankbarkeit für die Arbeit der nicht-jüdischen Handwerker bewusst setzen. Und so gibt es Tannenzäpfle und koschere Schnittchen für die mehr als 100 Gäste.

Nicht alle hatten geglaubt, dass es noch etwas wird mit der neuen Synagoge

Dass dieses Fest eine Besonderheit ist, hat auch noch einen anderen Grund, daran erinnert Stadrat Ewald Weisschedel, der Oberbürgermeister Uli Burchardt vertritt. Vor fast 20 Jahren entbrannte ein Streit um den Synagogen-Neubau und riss eine tiefe Kluft zwischen orthodoxen und liberalen Juden in der Stadt. "Es gibt", sagt Weisschedel, "viele in der Stadt, die wie ich diesen Tag herbeigesehnt haben, aber kaum mehr daran geglaubt haben, dass sie ihn noch erleben können". Doch nun gehe ein "Wunsch der jüdischen Mitbürger und der Stadtgesellschaft" in Erfüllung – auch, weil die Stadt das denkmalgeschützte ehemalige Gasthaus Anker sowie das Nachbargrundstück der Religionsgemeinschaft kostenlos für das Projekt überlassen hat.

 

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Auch Rami Suliman bekennt, dass es Zweifel gab. "Wir bauen hier für die kleinste Gemeinde in Baden die teuerste Synagoge", sagte er angesichts der Baukosten, die längst weit über vier Millionen Euro liegen. Doch jüngst sei er an einem Freitag in Konstanz gewesen und habe einen gut besuchten Gottesdienst am Ausweich-Standort in der Schottenstraße und ein reges Gemeindeleben gesehen. "Da war ich sehr, sehr erleichert", so Suliman. Ab März 2019 wolle die Gemeinschaft ein offenes Haus für alle Juden und einen Ort der Begegnung mit allen Bürgern anbieten.

Wird die Kluft zwischen den verschiedenen Strömungen doch noch geschlossen?

Ebenfalls gekommen ist Minia Joneck, die zum liberalen Teil der Gemeinde gehört und heftig dagegen gekämpft hatte, dass der Gebetsraum nach orthodoxer Auffassung für die Frauen eine Empore erhält. Im Rohbau ist dieser Stein des Anstoßes zu sehen, aber das soll beim Richtfest nicht die Hauptrolle spielen. "Es ist", sagt Joneck, "immer ein Tag der Freude, wenn eine neue Synagoge gebaut wird." Wenn auch für die Glaubenspraxis ihrer Richtung ein Raum zur Verfügung stehe, dann werde man ihn gern nutzen.