Bitte treten Sie näher, es gibt eine Sensation. An der Spitze von drei wichtigen Institutionen der Stadt stehen künftig Frauen. Karin Becker wird das Theater Konstanz leiten, Insa Pijanka tritt nächstes Jahr als Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie an und Kerstin Krieglstein wird im August Rektorin der Universität Konstanz. Ist dieser Umstand eigentlich der Rede wert?

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Ja, ist er – auch, wenn diese drei Frauen das wahrscheinlich nicht gerne lesen. Kerstin Krieglstein etwa wollte nach ihrer Wahl zur einzigen Rektorin des Landes nicht gerne über das Mann-Frau-Thema sprechen. Klar, denn wenn es eine Frau irgendwo geschafft hat, werden ihr Erfolg und ihre Qualifikation gerne auf die eine Nachricht reduziert: "Eine Frau steht nun an der Spitze" – und die Reaktionen sind folgende:

Hat sie den Job jetzt bekommen, weil sie eine Frau ist? Kann sein, ja. Ist das ein Problem? Nein. Denn diesen Frauen hat man nicht einfach irgendwelche Jobs gegeben, die sie nicht verdient haben. Sie haben die Jobs, weil sie sich dafür qualifiziert haben – und dabei übrigens nicht mal besser sein müssen als ihre Konkurrenten – sondern nur gleich gut. Denn es gibt in leitenden Positionen und gerade auch in diesen Branchen nun einmal weniger Frauen.

Männer gehen durch eine Welt voller mächtiger Männer

Kerstin Krieglstein ist erst die dritte Frau, die an der Spitze einer baden-württembergischen Universität steht. Im Wissenschaftsbetrieb gibt es mehr Studentinnen als Studenten. Aber deutlich mehr Professoren als Professorinnen. Das liegt auch daran, dass Doktormutter irgendwie komisch klingt und es an Vorbildern und Identifikationsfiguren mangelt.

Im Klassikbetrieb hält sich hartnäckig ein männlicher Geniekult und am Pult stehen überwiegend Dirigenten – dazu braucht man nur einmal durch die Programmhefte der Philharmonien blättern. Die künftige Intendantin Karin Becker hat nur eine weibliche Vorgängerin am Theater Konstanz. Unterdessen gehen Männer durch eine Welt voller mächtiger Männer und orientieren sich an ihnen.

Diese drei Frauen können Vorbotinnen sein. Müssen sie aber nicht.

Nun ändert sich das doch schon, längst schaffen es auch Frauen in solche Positionen. Also gibt es doch kein Problem mit der Gleichberechtigung? Das ist eine Ausrede dafür, dass man nichts mehr ändern muss. Natürlich müssen Frauen längst nicht mehr die großen Kämpfe kämpfen. Aber Gleichberechtigung ist nicht erreicht, wenn es die Gleichberechtigung einiger weniger Frauen ist, die oben an der Spitze stehen.

Weiblich mächtig erfolgreiche Frauen wie Karin Becker, Insa Pijanka und Kerstin Krieglstein können Vorbotinnen sein für eine gesellschaftliche Weiterentwicklung. Müssen sie aber nicht.

Die Gleichberechtigung ist dann erreicht, wenn es normal ist, dass Frauen die eine Hälfte und Männer die andere Hälfte der wichtigen Jobs in dieser Stadt machen. Wenn wir uns damit beeilen, ist es vielleicht auch keine Sensation mehr, wenn im Jahr 2020 eine Frau zur Bürgermeisterin gewählt wird.