Karin Becker hatte Mühe, ihre Emotionen im Griff zu halten. "Am liebsten würde ich jetzt so richtig in die Luft springen", sagte sie Donnerstagabend gegenüber dem SÜDKURIER. Es war kurz nach 18 Uhr, ihre Wahl war erst wenige Minuten alt. "Damit hätte ich nicht gerechnet, weil man mit so etwas nicht rechnen kann."

In Konstanz kennt sie sich bereits aus

Als gebürtige Stuttgarterin und ehemalige Dramaturgie- und Regieassistentin an der Württembergischen Landesbühne in Esslingen ist ihr Konstanz keineswegs unbekannt – auch wenn sie seit 2015 als Künstlerische Betriebsdirektorin am Thalia Theater in Hamburg arbeitet.

"Ich war regelmäßig hier", verriet sie lächelnd. "Außerdem studiert mein Neffe in Konstanz. Da muss die Tante ja ab und zu mal schauen, ob alles in Ordnung ist." Da sie noch in Hamburg unter Vertrag steht und dort schon seit rund zwei Wochen Ferien sind, konnte sie zuletzt länger am Bodensee verweilen.

"Ich vertraue sehr meinem Bauchgefühl", erzählt sie. "Und bei meinen langen Spaziergängen durch diese wunderschöne Stadt hatte ich tolle Kontakte und spannende Gespräche mit den Menschen in den Gemüseläden oder auf der Straße. Das waren tolle Erfahrungen."

Zwei Jahre bleibt Karin Becker noch in Hamburg

"Mein Intendant weiß natürlich Bescheid, dass ich mich hier beworben habe. Er wird mir die nötigen Freiräume geben bis zu meinem Umzug nach Konstanz." Was die Konstanzer Theatergänger genau erwartet, kann und will sie noch nicht explizit voraussagen, "dafür ist es noch deutlich zu früh. Wir werden auf jeden Fall jeden Tag Theater bieten. Ich mag Klassiker und moderne Klassiker. Ich mag junge Autoren und die Auseinandersetzung mit der Gegenwart".

Wenn man die Gegenwart betrachte, lande man sehr schnell bei der Vergangenheit. "Die Demokratie wird unterwandert und wir müssen uns daran erinnern, was nicht mehr passieren darf und wir müssen die Zukunft aktiv gestalten." Gerade in unserer heutigen Zeit sei es wichtig, wachsam zuzuhören und zu kommunizieren. Theater sei eine der spannendsten Formen, Menschen Denkanstöße mitzugeben.

Aussagen, die auch von Christoph hätten stammen können.

"Konstanz wird weiblicher"

Barbara Gerking-Dönhardt, die Vorsitzende des Theaterfreunde Konstanz, saß auf den Zuschauerbänken im Ratssaal und verfolgte die Bekanntgabe des Wahlergebnisses. "Ich bin begeistert", sagte sie schließlich. "Eine Frau an der Spitze der Universität. Eine Frau an der Spitze der Südwestdeutschen Philharmonie. Jetzt eine Frau an der Spitze des Stadttheaters. Konstanz wird weiblicher." Sie gratulierte Karin Becker, brachte ihre Vorfreude zum Ausdruck.

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Die Wochen des Wahlkampfes empfand die 50-Jähriger nicht als hart. "Mein Alltag in Hamburg ist hart – da habe ich keine Zeit zum Reflektieren. Ich bin immer bewusst mit dem Zug nach Konstanz gefahren. Das dauert 8,5 Stunden", berichtet sie. "Da habe ich viel nachgedacht: Was ist mir wichtig? Mit dem möchte ich in Kontakt treten?" Urlaub musste sie nicht nehmen. "Mein Intendant Joachim Lux hat mich zu jeder Runde ziehen lassen."

Bis zu ihrem Umzug wird sie nach eigener Aussage zahlreiche Stücke in Konstanz besuchen und mit allen Menschen des Hauses Gespräche führen. "Es wird Klasse-Kollegen geben, die hier bleiben. Aber, da bin ich ehrlich, es wird Begegnungen geben, da wird man feststellen: Wir kommen künstlerisch nicht zusammen."

Gute Wünsche von Christoph Nix - und ein Seitenhieb

Christoph Nix, seit 2005 Indendant in Konstanz, schrieb gleich nach der Wahl seiner Nachfolgerin in einer Stellungnahme:

„Ich freue mich. Solange wir bis zum August 2020 unsere Arbeit tun können, bin ich sogar glücklich. Wenn gute Ratschläge gesucht werden, gebe ich sie gerne, denn ich kenne das Haus und kenne das Herz dieser Stadt.

Der Nachfolge wünsche ich, respektvoll behandelt zu werden und bin zuversichtlich, dass dies geschieht, schon um mich zu widerlegen und die Wiederwahl des Kulturbürgermeisters zu sichern.

Der Rest ist Shakespeare: „Gott gib Weisheit denen, die sie haben, und welche Narren sind, lasst sie mit ihren Gaben wuchern.“ (Was Ihr Wollt) “
Christoph Nix, Intendant des Theaters Konstanz

Die Stadt Konstanz gratuliert der neuen Intendantin auf ihrer Facebook-Seite:

Als intendantin wird Becker mehr gestalten müssen als in ihrer heutigen Funktion in Hamburg

Oft kommt es nicht vor, dass Theaterschaffende aus dem Organisations- und Verwaltungsbereich an die Spitze eines Hauses vorstoßen. Karin Becker ist künstlerische Betriebsdirektorin am Hamburger Thalia Theater. Das bedeutet: Sie war in der Zusammenarbeit mit so renommierten Regisseuren wie Sebastian Nübling, Johan Simons oder Martin Kuséj vor allem eine Kunst-Ermöglicherin.

Betriebsdirektion, das ist eine Aufgabe, die zwischen Zauberei und Spielverderben schwankt. Wer dieses Amt ausfüllt, muss in der Lage sein, auch die unmöglichsten Regiekonzepte technisch, räumlich und personell doch noch möglich zu machen. Oder aber dem Regisseur beizubringen, dass ebendies tatsächlich nicht funktioniert.

Wer jedoch glaubt, dass dieser Beruf eine bloße Dienstleistung darstellt, liegt falsch. Künstlerische Betriebsdirektoren nehmen an der Spielplangestaltung teil und verfügen sehr wohl über literarische und dramaturgische Kompetenzen. Als Intendantin wird Becker mehr gestalten müssen als ermöglichen.

Dass dies reibungslos funktionieren kann, beweisen erfolgreiche Kollegen wie etwa der Intendant des Staatstheaters Oldenburg, Christian Firmbach (zuvor künstlerischer Betriebsdirektor in Bonn) oder auch Viktor Schoner, neuer Intendant der Stuttgarter Staatsoper (zuvor an der Bayerischen Staatsoper in München). Der Betriebsdirektor, sagte Schoner unlängst der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sitze zwischen allen Stühlen und renne allen hinterher: "Der Intendant aber rennt voran. Er denkt künstlerisch, und Unvernunft ist eher seine Sache, nicht die des Betriebsdirektors."

Nicht zuletzt spricht Beckers eindrucksvolle Laufbahn dafür, dass sie sehr genau weiß, was sie will. Die gebürtige Stuttgarterin arbeitete am Stuttgarter Staatstheater und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, am Schauspiel Hannover und am Hamburger Thalia-Theater – überall in leitenden Funktionen: An Erfahrung mit großen Häusern mangelt es ihr gewiss nicht.