Die Idylle beginnt erst, wenn man die straßenabgewandte Seite des Hauses betritt. Boris Falkenstein wohnt mit seiner Familie im ehemaligen Gasthaus Josiak, das später, um 1850, auch Rheingarten genannt wurde und an der Reichenauer Straße westlich der Schänzlebrücke liegt. Dass hier überhaupt jemand wohnt, verwundert viele Passanten – von der Reichenaustraße aus sieht das Grundstück unbewohnt und unwirtlich aus.

Der Student zieht ein – der Familienvater bleibt

Boris Falkenstein wohnt hier bereits seit 1991. Als er einzog, war er noch Student und dachte, er würde etwa drei Monate bleiben. "Meinen Rucksack habe ich erstmal gar nicht ausgepackt", sagt er im Rückblick. Die Abmachung mit dem Vermieter war klar: Die Studenten-WG durfte für wenig Geld und bis auf Widerruf einziehen – und mit der Vereinbarung, dass der Vermieter, die Firma Meichle und Mohr, nicht in die Instandhaltung investieren werde.

Am Seerhein entsteht ein Turm mit Bürogebäuden

Jetzt wird sich hier an der Schnittstelle zwischen Seerhein und Industriegebiet allerdings vieles ändern. Die Firma Meichle und Mohr plant, selbst auf dem Grundstück zu bauen. "Wir planen dort ein Bürogebäude und sind in intensiven Gesprächen mit der Stadt dazu", erläutert Oliver Mohr, Inhaber der Firma Meichle und Mohr. Entstehen soll ein Büroturm, der sieben Stockwerke hoch gebaut werden soll. "Das dominante Gebäude soll optisch die Brücke ausgleichen", sagt Mohr, das sei auch der Wunsch der Stadt. Die Büroflächen sollen vermietet werden – vorzugsweise an Dienstleister. Bedarf ist offensichtlich vorhanden, Meichle und Mohr wollen mit dem Bau erst beginnen, wenn 60 Prozent der Flächen vermietet seien – weit davon entfernt sei man nicht.

Bis Ende des Jahres müssen die Mieter ausziehen

Mit der Wohnidylle wird es dann erst einmal vorbei sein: Boris Falkenstein und seine Familie sowie die Mieter, die im etwas jüngeren Anbau des ehemaligen Gasthauses wohnen, haben eine Kündigung bekommen und müssen bis Ende des Jahres ausziehen. Das Gebäude des Gasthauses steht unter Denkmalschutz und darf nicht abgerissen werden – zumindest vorerst nicht. Geht es nach den Plänen von Oliver Mohr, dann wird aber der Anbau verschwinden.

Ebenfalls nicht erhalten werden wird die ehemalige Kiesverladeanlage, die sich wenige Meter von dem Wohnhaus erhebt.

Die Kiesverlade-Anlage, die von der Firma Meichle und Mohr noch bis in die 80-er Jahre betrieben wurde.
Die Kiesverlade-Anlage, die von der Firma Meichle und Mohr noch bis in die 80-er Jahre betrieben wurde. | Bild: Wagner, Claudia

Dies wiederum bedauert Alexander Stiegeler sehr. Er ist ehemaliger Stadtrat und ein Mensch, dem architektonische Zeugnisse der Geschichte am Herzen liegen. 2008 wurde das ehemalige Gasthaus Josiak oder Rheingarten unter Denkmalschutz gestellt. "An die Kiesverladeanlage der Firma Meichle und Mohr hat damals niemand gedacht", sagt Stiegeler.

Welchen historischen Wert hat eine alte Kiesverladeanlage?

1935 hatte die Firma Meichle und Mohr das Grundstück gekauft, um hier Kies zu verladen. "Die Kiesgewinnung war ganz typisch für den Bodensee", erläutert Stiegeler, für den die Kiesverladeanlage nicht so sehr ein schrottreifes Blechungetüm als vielmehr ein Stück erlebbare Regionalgeschichte ist. Für ihn wäre auch die Verladeanlage erhaltenswert – nicht wegen der Ästhetik, sondern als ein Stück Industriegeschichte am Bodensee.

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Auch Boris Falkenstein hat sich als langjähriger Mieter mit der Geschichte des Grundstücks, des Gasthauses und der Industrieanlage befasst. Auf letztere seien er und seine Kommilitonen zu Studienzeiten auch einmal geklettert – und von der Polizei kurz darauf heruntergeholt worden.

Falkenstein fürchtet noch mehr um den Bestand des alten Gasthauses. Wie das Gelände künftig genutzt werde, sei ihm egal – doch mit dem historischen Gebäude gehe Mohr zu leichtfertig um, findet er. Seiner Ansicht nach ist das alte Gasthaus erhaltenswert und man müsste es historisch sanieren. An der Außenfassade habe er als Mieter nichts verändert, das war der ausdrückliche Wunsch des Vermieters. Das Alltagsleben im Gebäude sei speziell, ihm gefalle es aber: Geheizt wird mit Ölöfen, so habe es im Winter in den Schlafzimmern auch mal fünf Grad.

Das ehemalige Gasthaus wird bis heute als Wohnhaus genutzt. Die Mieter haben sich hier eine kleine Wohnidylle geschaffen.
Das ehemalige Gasthaus wird bis heute als Wohnhaus genutzt. Die Mieter haben sich hier eine kleine Wohnidylle geschaffen. | Bild: -Claudia Wagner

Grundsätzlich ist Boris Falkenstein sehr froh, dass er so lange die Gelegenheit hatte, in einem geschichtsträchtigen Haus zu wohnen und die Idylle im Vorgarten gestalten zu dürfen. Das Verhältnis zum Vermieter Mohr beschreibt er als sehr fair: "Der Deal war von Beginn an klar: Wir dürfen dort wohnen, aber wenn sich die Pläne ändern, ziehen wir aus." An Mietkosten hätten er und seine Frau nun jahrelang gespart, das ermögliche es ihnen, sich nun auch nach Wohnungseigentum umzusehen.

Das ist über den ehemaligen Gasthof und das Industriedenkmal bekannt

  • Zum Gasthaus: Gemäß der vorhandenen Dokumente muss das ehemalige Gasthaus um 1606 errichtet worden sein und hieß "Josuek" oder "Josiak" – abgeleitet vom Namen des ehemaligen Besitzers Jakob Rümmele. Um 1850 wurde der Gasthof in Rheingarten umbenannt. Der Anbau, in dem heute eine der beiden Mieterfamilien wohnt, entstand offensichtlich um 1900. Das Gasthaus sei eines der wenigen noch erhaltenen Relikte vorindustrieller Bebauung des rechten Rheinufers, heißt es in der Listeneintragung der Bau und Kunstdenkmale Baden-Württembergs. Die Nutzung als beliebtes Ausflugslokal des 17. bis 20. Jahrhunderts sei über verschiedene Umbauphasen hin erkennbar.
  • Zur Kiesverladeanlage: Um 1935 wurde das Grundstück mit dem Gasthof an die Firma Meichle und Mohr verkauft. Das Gelände wurde zum Kieslager umgenutzt. 1964 wurde das Betonwerk errichtet, wie Oliver Mohr berichtet, 1988 wurde es schließlich stillgelegt. Je eine Wohnung wurden in den alten Gasthof und dessen Anbau eingebaut, genutzt wurde zumindest eine davon durch den Kieswärter.