Sie wollten sich den Weg in die Schweiz freisprengen, um sich der französischen Armee anzuschließen. Ihre Pläne hierfür schmiedeten Andreas Friedrich, Robert Ballast und Viktor Freund in der Gastwirtschaft "Zum Burengeneral" an der Konstanzer Brotlaube 4. Dort trafen sich die Zivilarbeiter aus dem Elsass.

Bald in Konstanz 225 Stolpersteine verlegt

Im Juli 1942 brachen zwei der Männer auf. Ihr Plan scheiterte. Viktor Freund wurde zum Tode verurteilt. Robert Ballast und Andreas Friedrich erhielten Haftstrafen. Für sie verlegt der Künstler Gunter Demnig mit der Initiative Stolpersteine am 9. Juli Gedenksteine. An diesem Tag wächst die Anzahl der in Konstanz verlegten Stolpersteine um 15 Stück auf 225. Die Stolpersteine für Robert Ballast und Andreas Friedrich sind Auftakt und Ende der Verlegung am 9. Juli. 

Eine Gruppe von Rechercheuren der "Initiative Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz" hat weitere 13 Biografien von Menschen zusammengetragen. Die Nationalsozialisten haben sie im Dritten Reich aufgrund ihrer politischen Gesinnung, aufgrund ihrer Religion, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, weil sie homosexuell, geistig oder seelisch behindert waren verfolgt und ermordet. Seit 2005 lässt der Erfinder und Initiator der Gedenkaktion, Gunter Demnig, die Quader in den Asphalt an jenen Stellen ein, an denen die Menschen zuletzt aus freien Stücken in Konstanz gewohnt haben.

Wer waren Robert Ballast und Andreas Friedrich?

Uwe Brügmann hat die Biografien von Robert Ballast und Andreas Friedrich erarbeitet. Ballast war gelernter Seidenweber und stammte aus dem Elsass. Weil er dort keine Arbeit fand, vermittelte das Arbeitsamt den 18-Jährigen nach Konstanz. Er wurde Dreher in der Stofffabrik Herosé – ein, so Brügmann, kriegswichtiger Betrieb, in dem auch Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Zivilarbeiter beschäftigt gewesen seien. Zivilarbeiter kamen aus von der Wehrmacht besetzten Gebieten.

Robert Ballast nach seiner Verhaftung durch die Gestapo. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn zu vier Jahren Haft wegen Hochverrats, weil er mit zwei Freunden in die Schweiz flüchten wollte.
Robert Ballast nach seiner Verhaftung durch die Gestapo. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn zu vier Jahren Haft wegen Hochverrats, weil er mit zwei Freunden in die Schweiz flüchten wollte. | Bild: Stolpersteine

Bei Herosé lernte Robert Ballast Viktor Freund kennen; er war 20 Jahre älter, französischer Patriot und Kommunist. Er habe sich nicht mit der Besetzung des Elsass' abfinden wollen und an den Sieg der Alliierten geglaubt, schreibt Brügmann in der Biografie. Ballast ließ sich von Freund politisch beeinflussen, sodass er fortan seinen Arbeitgeber sabotierte.

Zeitgleich arbeitete Andreas Friedrich als Friseur. Auch er war aus dem Elsass an den Bodensee gekommen und anfangs noch deutschfreundlich eingestellt. Er trat in den Nationalsozialistischen Kraftfahrercorps (NSKK) ein und war bis Anfang 1942 im Motorsturm M 156 aktiv. Durch den Einfluss seiner Landsleute schlug seine Stimmung um und er wurde zum patriotisch gesinnten Franzosen. Fortan trat Friedrich für die Rückkehr des Elsass' nach Frankreich ein.

Die Gestapo hat Andreas Friedrich, wie Robert Ballast, nach seiner Rückkehr in Konstanz am Bahnhof festgenommen. Er erhielt ebenfalls eine Haftstrafe, sein Freund Viktor Freund wurde zum Tode verurteilt.
Die Gestapo hat Andreas Friedrich, wie Robert Ballast, nach seiner Rückkehr in Konstanz am Bahnhof festgenommen. Er erhielt ebenfalls eine Haftstrafe, sein Freund Viktor Freund wurde zum Tode verurteilt. | Bild: Stolpersteine Konstanz

Im "Zum Burengeneral" traf er sich mit Robert Ballast und Viktor Freund. Ballast wollte von einer Scheune in Mühlhausen (Elsass) wissen, in der die Wehrmacht Handgranaten versteckt haben sollte. Friedrich und Ballast wollten die Waffen bergen und sich mit Viktor Freund gewaltsam die Flucht in die Schweiz erzwingen. Von dort aus wollte das Trio bis nach Nordafrika flüchten, um mit der französischen Armee gegen das Deutsche Reich zu kämpfen.

Anfang Juli 1942 brachen Robert Ballast und Andreas Friedrich auf. Mit dem Zug in Mühlhausen angekommen, trauten sie sich nicht in die Scheune. Sie hätten befürchtet, fasst Uwe Brügmann zusammen, in dem Gebäude könnte ein französisches Kriegsgefangenenlager sein, das deutsche Soldaten bewachten. Sie kehrten nach Konstanz zurück.

Am Konstanzer Bahnhof werden die Freunde verhaftet

Am 17. Juli 1942 nahm sie die Gestapo am Konstanzer Bahnhof fest. Zusammen mit Viktor Freund mussten sie sich im Februar 1943 vor dem Volksgericht in Trier verantworten. Friedrich und Ballast mussten wegen Hochverrats für vier Jahre ins Gefängnis. Viktor Freund, aus Sicht der Nationalsozialisten treibende Kraft dieses Widerstands, wurde zum Tode verurteilt.

Nach zwei Jahren und neun Monaten Haft und nach Ende des Kriegs kehrte Andreas Friedrich ins Elsass zurück und starb 1963 in Colmar. Robert Ballast starb 1996 in Illzach bei Mühlhausen (Mulhouse). In der Scheune, fand die Gestapo wohl heraus, war kein Gefangenenlager – und dort waren auch keine Handgranaten.

Uhrzeiten und weitere Termine

  • Die Verlegung: 15 Stolpsteine werden am Montag, 9. Juli, verlegt. Beginn ist um 13.30 Uhr an der Rheingasse 15 für Robert Ballast (politisch verfolgt); 13.55 Uhr: Konrad Hanser, Rheingutstraße 10, politisch verfolgt; 14.10 Uhr: Hugo Hämmer, Rheingutstraße 13, Euthanasie-Opfer; 14.30 Uhr, Berta Amann, Tägermoosstraße 23, Euthanasie-Opfer; 14.50 Uhr: Melanie Picard, Hans Picard, Schützenstraße 16, Juden; 15.15 Uhr: Martha, Ernst (Jecheskel), Kurt und Heinz Karl (Chaim) Thanhauser, Döbelestraße 4, Juden; 15.35 Uhr: Selma und Irene Fuchs, Döbelestraße 2, Jüdinnen; 15.55 Uhr: Siegfried und Albert Rosenfeld, Kreuzlinger Straße 5, Juden; 16.10 Uhr, Andreas Friedrich, Emmishofer Straße 4, politisch verfolgt.
  • Rahmenprogramm: Die offizielle Übergabe der Stolpersteine an die Stadt Konstanz ist am Montag, 9. Juli, um 19.30 Uhr im Wolkensteinsaal des Kulturzentrums. Anschließend spricht der Experte Jens Rommel über "Hitlers letzte Helfer?" und die letzten noch lebenden Kriegsverbrecher. Bereits am 5. Juli führt Uwe Brügmann zu den Stolpersteinen in der Altstadt (17 Uhr ab Gedenk-Obelisk an der Sigismundstraße). Am 12. Juli ist um 18.30 Uhr eine Fahrradrundfahrt zu Stolpersteinen im Paradies (ab Schulhof Humboldt-Gymnasium). Roland Didra führt am 15. Juli um 10.30 Uhr zu Stolpersteinen (ab Münsterplatz). (phz)