Alina Wolf hat natürlich keine magische Zauberkugel, mit der sie die Zukunft voraussagen kann. Dennoch wagt die Mitarbeiterin der Zentralen Studienberatung an der Hochschule Konstanz (HTWG) eine Prognose zu gefragten Berufen in 15 Jahren: „Die IT- und Elektrotechnikbranche sind unverzichtbar. Außerdem bieten Gesundheit und Pflege in einer älter werdenden Gesellschaft ein großes Beschäftigungsfeld.“ Florian Kunze, Inhaber des Lehrstuhls für Organisational Studies an der Uni Konstanz, denkt ähnlich: „Es wird eine Verschiebung in Richtung Dienstleistung und soziale Berufe geben, während die Industrie vermehrt von Automatisierung geprägt sein wird.“ In unserer Region bleibe auch der Tourismus wichtig.

Peter Schürmann, Umweltschutz- und Technologieberater der Konstanzer Handwerkskammer, suchte Antworten beim Zukunftsinstitut von Matthias Horx. Der Zukunftsforscher sieht zwölf Entwicklungen als zentral an, darunter Urbanisierung, Individualisierung und Mobilität. Daraus zieht Schürmann sein eigenes Fazit: „Handwerk hat auch weiterhin goldenen Boden.“ Wir haben in drei Berufsfelder mit Potenzial hineingeschaut.

Auf dem Medizinsektor siedelten sich in Konstanz fortschrittliche Firmen an, darunter die Stimos GmbH. Ein paar graue Aktenschränke und ein von Takeda übernommenes Labor: Sieht so die Zukunft aus? „Ja“, sagt Dietmar Schaffarczyk, Stimos-Geschäftsführer und einer der vier Gesellschafter. Die anderen drei sind Professoren der Uni Konstanz, alle haben seit Jahren Erfahrung in der Medizintechnik.

Medizinische Forschung im Aufschwung

„Wir forschen an besser verträglichen Implantaten. Es gibt immer mehr ältere Menschen, die eine immer bessere Lebensqualität erwarten.“ Keine Entzündungen sollen mehr durch Prothesen auftreten, keine Folge-Operationen nötig sein. „Die Implantate, vom Zahn bis zum Knie, sollen mit dem Körper verwachsen“, erklärt Schaffarczyk, studierter Philosoph, Wissenschaftsjournalist und Auditor für Medizintechnik. Er vergleicht heute verfügbare Prothesen und ihre Beschichtung mit einer ummantelten Erdnuss: „Beide Teile sind nicht verwachsen.“ Das Ziel müsse es sein, dem Körper möglichst ähnliche Oberflächen herzustellen. „In fünf bis zehn Jahren wollen wir Implantate aus Bio-Material auf den Markt bringen, auf denen die Zellen anwachsen können“, sagt Schaffarczyk. Bis dahin optimiert Stimos die Beschichtung herkömmlicher Implantate. Dass das seit 2015 bestehende Unternehmen dies laut Testreihen besser hinbekommt als die Konkurrenz, rief Unterstützter auf den Plan: Das Land Baden-Württemberg und die Bundesrepublik stiegen im Februar 2017 als Gesellschafter ein und spendierten die Fördersumme von einer knappen Dreiviertelmillion Euro.

Bildung befindet sich im Wandel

Rüdiger Sandmann arbeitet auf einem ganz anderen Gebiet. Auch er sagt überzeugt: „Uns wird es immer geben, Bildung ist ein Menschenrecht und die Grundlage unserer Volkswirtschaft.“ Der 48-Jährige ist Lehrer für Mathematik und Chemie und glaubt daran, dass Jugendliche auch in vielen Jahren noch in Schulen lernen anstatt sich von zu Hause aus per Computer zu vernetzen. „Das wäre soziale Verarmung“, sagt der Pädagoge, der auch Referendare ausbildet. Dennoch werde sich einiges ändern: Klassenzimmer lösen sich auf, gemeinsam lernen werden eher Kinder mit ähnlichem Entwicklungsstand als mit demselben Geburtsjahr.

Der Mathe- und Chemielehrer Rüdiger Sandmann vom Humboldt-Gymnasium ist überzeugt: "Lehrer wird es immer geben, später brauchen wir vielleicht sogar noch mehr als heute." Bild: Kirsten Schlüter
Der Mathe- und Chemielehrer Rüdiger Sandmann vom Humboldt-Gymnasium ist überzeugt: "Lehrer wird es immer geben, später brauchen wir vielleicht sogar noch mehr als heute." Bild: Kirsten Schlüter

„Die Rolle des Lehrers geht weg vom Wissensvermittler, hin zum Coach“, so Sandmann. Dieser Prozess sei bereits im Gange. Genauso wie die Digitalisierung: Schon heute werden Lernvideos eingesetzt, Online-Lehrbücher entstehen. Rüdiger Sandmann sagt aber auch: „Mehr Geld für die Digitalisierung allein reicht nicht aus. Es braucht die dazu passende Didaktik.“ Trotz aller Änderungen ist er überzeugt: „Den klassischen Lehrer, der für sein Fach brennt, wird es immer geben.“

Ortswechsel, Blick in eine Fahrradwerkstatt. Ralf Seuffert, Inhaber des Kulturrädle am Bahnhof, nennt auch seinen Bereich als zukunftsträchtig: „Fahrräder erleben einen Aufschwung, vor allem Elektroräder laufen jedes Jahr besser.“ Dass so viele Kunden bereit sind, im Schnitt 2400 Euro für ein E-Bike auszugeben, sei ein Indiz dafür, dass die Gesellschaft sich langsam vom Auto befreit. Ein Rad mit Antrieb fahren längst nicht mehr nur Senioren, sondern auch Pendler oder Mütter mit Kinderanhänger. „Diese Räder lösen – im Gegensatz zu Elektroautos – einen Teil des Verkehrsproblems“, sagt Seuffert.

Die Digitalisierung schreitet voran

Die klassische Mechaniker-Arbeit werde den Werkstätten erhalten bleiben, doch auch hier hielt die Digitalisierung längst Einzug: „Wir schließen E-Bikes zur Daten- und Fehleranalyse an einen Computer an“, erklärt Seuffert. Der Laptop spielt auch Aktualisierungs-Software auf die Räder auf. So lässt sich zum Beispiel das Zusammenspiel der Gänge optimieren.

Zweiradmechaniker Sercan Degermenci vom Kulturrädle hat zur Datenanalyse einen Laptop an sein E-Bike angeschlossen. Im Hintergrund arbeitet Dieter Heussen an einem älteren Fahrrad. Bild: Kirsten Schlüter
Zweiradmechaniker Sercan Degermenci vom Kulturrädle hat zur Datenanalyse einen Laptop an sein E-Bike angeschlossen. Im Hintergrund arbeitet Dieter Heussen an einem älteren Fahrrad. Bild: Kirsten Schlüter

Dass Mitarbeiter aller Branchen zunehmend vor Bildschirmen sitzen, mögen Kritiker bedauern. Doch Claudius Marx, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee, gibt zu bedenken: „Für Mitarbeiter in gesundheitsgefährdenden Berufen ist die Technik eine Erleichterung. Auch langweilige Prozesse werden verschwinden. Irgendwann wird Kunden im Supermarkt das Gekaufte automatisch vom Konto abgezogen.“ Die überflüssig gewordene Kassiererin werde dann in der Beratung tätig sein. „Das macht sicher mehr Spaß als Milchtüten vor den Scanner zu halten, bis es piept“, sagt Marx.

Der Landkreis ist gut aufgestellt

  • Der Netzwerker: Klaus P. Schäfer, im Vorstand des Netzwerks Biolago für Lebenswissenschaften, hält den Landkreis Konstanz in puncto digitaler Zukunftsfähigkeit für sehr gut aufgestellt: „Zählt man die Patent-Anmeldungen pro 100 Einwohner zusammen, liegt der Bodenseeraum an der Spitze Europas“, sagt Schäfer. „Wir haben auch viele kleinere Firmen hier, die auf ihrem Gebiet 60 Prozent des Weltmarkts beliefern.“
    Da sich die Unternehmen auf vier Länder am See verteilen, sei dies oft nicht öffentlich bekannt. Schäfer weiter: „Durch die hervorragende Entwicklung der Universität und der Hochschule Konstanz hat sich der Landkreis sehr gut positioniert.“ Viele Startups seien Ausgründungen dieser Institutionen. „Netzwerke wie Biolago pflegen die Bindungen an den Standort“, so Schäfer. Dies sei unter anderem auf dem ehemaligen Takeda-Campus in Konstanz der Fall.
  • Der Professor: Organisationsforscher Florian Kunze von der ­Konstanzer Universität bestätigt: „In Singen ist noch einiges an Industrie vorhanden, in Konstanz gingen in diesem Bereich hunderte Arbeitsplätze verloren. Dennoch hat der Landkreis die ­Veränderung gut verkraftet. Wir ­haben hier nahezu Vollbeschäftigung. Die ­Neugründungen und die Verlagerung von Arbeitsplätzen in ­andere ­Sparten wie Dienstleistung weisen in die ­richtige Richtung.“ Es gelte, sich ­immer weiterzuqualifizieren und offen für Veränderungen zu bleiben.
  • Der Handwerk-Experte: Peter ­Schürmann, Umwelt- und Technologieberater der Handwerkskammer Konstanz, macht sich auch keine Sorgen: „Die Auslastung der Betriebe im Landkreis stimmt heute und sie wird es 2030 tun. Handwerksbetriebe, die im Schnitt nur fünf Mitarbeiter beschäftigen, können flexibel auf ­Veränderungen reagieren.“ Als Beispiel nennt er einen Gottmadinger Schreiner-Familienbetrieb, der Küchen mit ­herunterfahrbaren Oberschränken für ­mobilitätseingeschränkte Menschen herstellt.
    Der Trend zur Urbanisierung (Städtewachstum) und die damit verbundene Nachverdichtung seien eine Chance für das Handwerk, zum Beispiel bei Aufstockungen aus Holz. Die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft fülle ebenfalls die Auftragsbücher: „Auf spezielle Wünsche angepasste Möbelstücke vom ­Schreiner oder eine bestimmte Auto-Innenausstattung vom ­Karosseriebauer sind gefragt.“ Zahlungsfähige, aber anspruchsvolle über 60-Jährige (Silver Society) generieren viele Aufträge beim barrierefreien Wohnen.