Es geht um ein paar Zigarettenkippen, vier benutzte Papiertaschentücher, einen Pulloverfetzen und einen Schal – Beweismittel, die aus der Asservatenkammer der Staatsanwaltschaft Konstanz verschwunden sind – vermutlich zwischen 1993 und 1995. Zurück blieben aufgerissene Papiertüten mit dem Schreibmaschinen-Vermerk, was einmal darin war. Der Diebstahl, der erst 2001 im Zuge einer Wiederaufnahme der Ermittlungen entdeckt worden war, ist zwar längst verjährt, die Brisanz ist aber geblieben.

Auf den Beweismitteln haftete mit hoher Wahrscheinlichkeit die DNA eines Mörders. Die Polizei sicherte die Gegenstände 1986 im Auto von Dieter Huber. Sein weißer Golf stand an der Autobahn A81 bei der Ausfahrt Engen im Hegau. Wenige Meter entfernt lag der Leichnam des 29-jährigen Lehrers aus Sindelfingen.

Nach Erkenntnissen der Polizei war er zuvor bestialisch gequält, drangsaliert und schließlich mit einem Messer in den Hals gestochen worden, ehe er aus dem Auto geschleppt und unter einen Busch gezerrt wurde. Ein Mörder konnte bislang, auch trotz umfangreicher Ermittlungen und einer Darstellung in der Fernsehsendung Aktenzeichen XY... ungelöst nicht überführt werden.

Dieter Huber (1957-1986) aus Sindelfingen wurde brutal ermordet.
Dieter Huber (1957-1986) aus Sindelfingen wurde brutal ermordet. | Bild: privat

Die Bluttat und das Verschwinden der Beweismittel beschäftigen die Hinterbliebenen des Mordopfers bis heute. Werner Huber, der Bruder, und sein Schwager Karl Schöpner sehen einen engen Zusammenhang zwischen dem Diebstahl in der Asservatenkammer und der Überführung des Mörders. Dreimal erreichten sie bereits eine Wiederaufnahme des Verfahrens, und jedesmal wurden ihre Hoffnungen enttäuscht.

Jetzt untersucht die Staatsanwaltschaft den Fall erneut; der Ausgang ist derzeit ungewiss. „Wir haben den Verdacht, dass die Asservate gezielt entwendet wurden," sagt Karl Schöpner. Alles weise auf einen Gefälligkeitsdienst hin. Der Asservatendieb muss sich damals, in den 90er Jahren, über einen Schlüssel Zugang zu dem Raum verschafft haben. Das Auffinden dieser Asservate setzte bestimmte Kenntnisse voraus. Einer Putzfrau, so heißt es, wäre der gezielte Griff wohl nicht möglich gewesen. Unterstützung erhalten die Angehörigen vom ehemaligen Chef der Kripo Singen, Rolf Siebold.

In dieser Tüte befand sich Beweismaterial zum Mordfall Huber, das aus der Asservatenkammer gestohlen wurde.
In dieser Tüte befand sich Beweismaterial zum Mordfall Huber, das aus der Asservatenkammer gestohlen wurde. | Bild: Nils Köhler

Der frühere Leiter der 20-köpfigen Soko ist seit 2013 im Ruhestand. Die Erkenntnisse, die er über die Jahrzehnte im Mordfall Huber erwarb, hätten sich erheblich gewandelt, so Siebold. "2007 offenbarte uns die Lebensgefährtin eines inzwischen Tatverdächtigen, dass dessen ehemalige Freundin zwischen 1990 und 1995 ein Verhältnis mit einem Bediensteten der Konstanzer Justiz eingegangen sei,“ sagt Siebold im Gespräch mit dieser Zeitung.

Wegen des Diebstahls zog die Staatsanwaltschaft Karlsruhe die Ermittlungen auch gleich an sich. Es wurden interne Ermittlungen geführt und dafür Zeugen befragt.
 


2009 sei das Verfahren erneut eingestellt worden, weil der Tatverdacht gegenüber dem Beschuldigten nach Ansicht der Staatsanwaltschaft nicht ausgereicht habe, erinnert sich Siebold, den der Fall nicht in Ruhe ließ. Als er in Pension ging, fielen ihm Widersprüche auf, die sich in der Zeugenbefragung 2007 ergeben hätten.

Als die Staatsanwaltschaft Karlsruhe dann 2013 auch aufgrund eines Spiegel-Berichts erneut Ermittlungen aufnahm, stellte der Anwalt der Hinterbliebenen, Jörg Rehmsmeier, 15 Beweisanträge, in denen der Diebstahl aus den 90er Jahren untersucht werden sollte. "Man könnte den Personenkreis befragen. Dieser hätte kein Auskunftsverweigerungsrecht," sagt der Berliner Anwalt heute. Letztlich gehe es um die Frage, welcher Jurist damals ein Verhältnis mit der einstigen Lebensgefährtin des Beschuldigten gehabt habe.

Eingangstür zur Staatsanwaltschaft Konstanz. Hier verschwanden zwischen 1993 und 1995 wichtige Beweismittel im Mordfall Huber.
Eingangstür zur Staatsanwaltschaft Konstanz. Hier verschwanden zwischen 1993 und 1995 wichtige Beweismittel im Mordfall Huber. | Bild: Rindt


Rehmsmeier geht davon aus, dass dieses im Umfeld der Frau nicht unbemerkt bleiben konnte, zumal sich die Frau eine längere Beziehung erhofft habe. Bei der Staatsanwaltschaft Karlsruhe, die feststellt, dass für den Diebstahl damals eine Person infrage kam, die Zugang zur Staatsanwaltschaft Konstanz hatte, hält man sich bedeckt. Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, gebe man derzeit keine Auskünfte. Um die Ermittlungen nicht zu gefährden, wie der für die Presse zuständige Staatsanwalt Tobias Wagner auf Nachfrage des SÜDKURIER erklärt.

Wann die Ermittlungen abgeschlossen sind, könne er nicht sagen. Für die Angehörigen ist damit 30 Jahre nach der Bluttat noch keine abschließende Klärung in Sicht. "Wir wollen, dass das jetzt ausermittelt wird," erklärt Karl Schöpner und er fügt mit Blick auf die Konstanzer Staatsanwaltschaft hinzu: „Wenn man sich die Asservate stehlen lässt, müsste man selbst ein Interesse daran haben, den Diebstahl aufzuklären.“

So wurde 1987 in der Fernsehsendung Aktenzeichen XY...ungelöst nach den Tätern im Mordfall Huber gesucht: