Es ist ein bisschen kompliziert, in diesen Tagen über das anstehende Festival Rock am See zu sprechen. Zahlen und Bedeutungen gehen bisweilen ein wenig auseinander. Das liegt daran, dass das Festival irgendwie 30 wird, irgendwie aber auch nicht. Also, um es klar zu sagen, ja, das Festival findet in diesem Jahr zum 30. Mal statt. Aber nein, es ist nicht der 30. Geburtstag dieses traditionsreichen Festivals, sondern der 31. Denn: Die Erstauflage von Rock am See, damals noch unter anderem Titel, ging 1985 im Bodenseestadion über die Bühne. Dass diese Zahlen nicht zusammen passen, liegt daran, dass es Jahre gab in denen das Festival ausgefallen ist, ebenso wie ein Jahr, in dem das Festival zwei Mal stattfand. Wie gesagt, es ist also alles ein bisschen kompliziert.

Jenseits dieser ganzen Zahlen-Arithmetik ist es dann andererseits aber auch wieder ganz einfach. Das Wichtigste, was man wissen muss, ist – Rock am See findet statt in diesem Jahr. Das war in der Vergangenheit ja auch nicht immer selbstverständlich. Dieter Bös (63) zuckt mit den Schultern, wenn man ihn darauf anspricht. „Es gibt Jahre, da passt es einfach nicht zusammen. Und bevor ich den Zuschauern ein schlechtes Programm präsentiere, sage ich lieber ab“, sagt der Mann, der seit Jahrzehnten das Line-up bei Rock am See verantwortet.

 

Wir berichten vom Festival: Auf suedkurier.de/rockamsee finden Sie am Samstag alle Bilder und einen Liveblog!

 

Angefangen hat alles in der Mitte der 1980er Jahre. Bös tourte damals als Konzertmanager mit verschiedenen Bands durchs Land, mit einigen wie zum Beispiel Status Quo, ist er noch heute befreundet. Doch statt immer nur mit den Stars unterwegs zu sein, wollten die Gründer des heutigen Veranstalters Koko & DTK Entertainment, auch mal die Stars in ihre Heimat holen.

Gelungene Premiere

1985 fiel der Startschuss. Mit dabei waren damals Herbert Grönemeyer, Nina Hagen, Ulla Meinecke. „Es war für uns ein Versuch, wir wussten ja nicht, wie es ankommen würde“, erinnert sich Bös. Es kam an. Rund 15.000 Zuschauer strömten damals ins Bodenseestadion. Noch heute gilt die After-Show-Party im Inselhotel als legendär. Details will Bös aber auch nach 30 Jahren nicht verraten. Diskretion ist eine der wichtigsten Tugenden in seiner Branche, die Promis wollen sich schließlich darauf verlassen können, dass nicht jede ihrer Untugenden gleich an die Öffentlichkeit gelangt.

Nach der gelungenen Premiere war schnell klar – es müsste irgendwie weitergehen. Stück für Stück bauten die Macher die Marke „Rock am See“ auf, 1989 war so etwas wie ein weiterer Meilenstein geglückt. Fast 25.000 Besucher kamen zu der vierten Auflage (1988 war es ausgefallen); auf der Bühne standen The Cure, Die Toten Hosen und The Mission. Es gilt noch bis heute als eines der besten Rock-am-Sees. Spätestens danach war das Festival endgültig etabliert. Das zeigt sich auch in dem Line-up der folgenden Jahre: Internationale Größen wie Leonard Cohen, Bob Geldof, Rammstein, Lenny Kravitz, Marilyn Manson oder Metallica kommen regelmäßig an den Bodensee.

Beinahe eine Katastrophe

Das Jahr 2003 markiert dann nochmal so einen Einschnitt. Die Weltstars Metallica sind Headliner, 25.000 Zuschauer sind im Stadion und ausgerechnet da bricht einer der Wellenbrecher im Innenraum vor der Bühne, die Masse drückt nach vorne. Nur mit Glück kann eine größere Katastrophe mit Toten und vielen Verletzten verhindert werden. „Das war eng“, sagt Bös heute, „ich bin immer noch dankbar, dass es damals so glimpflich ausging.“

In der Zeit danach wird Jahr um Jahr spürbarer, welche große Umwälzung in der Musikbranche gerade abläuft. CD-Verkäufe brechen ein, das Internet macht Musik jederzeit greifbar, später graben Musik-Streaming-Dienste an den Einnahmen der Künstler. Eine damit einhergehende Entwicklung: die Einnahmen aus Konzerten werden immer wichtiger für Künstler. Die Gagen steigen, die Zahl der Festivals steigt, der Konkurrenzkampf der Festivalveranstalter wird schärfer. Es ist eine ziemlich verheerende Spirale.

Und trotzdem ist das Konstanzer Freiluftspektakel ein Erfolgsmodell geblieben. Woran das liegt? Dieter Bös rührt in seinem Schwarztee und sagt: „Wir sind uns treu geblieben, ohne langweilig zu werden. Vielleicht ist es einfach das“, vermutet der Festivalchef. Das belegt jedenfalls auch das diesjährige Programm mit Muse, den Libertines und Bad Religion. Auf dem Papier ist es vielleicht das beste Line-up seit Jahren. So kann es weitergehen. Auf die nächsten 30, äh, 31 Jahre!

"Mein schönstes Rock am See": Vier SÜDKURIER-Redakteure erinnern sich

2008 war unterm Strich mein Premium-Jahrgang. Schon alleine deshalb, weil ich das erste Mal den legendären Iggy Pop erleben durfte. Das war groß. Dazu noch Deichkind, Bad Religion, die Ärzte, Rock-Herz, was willst du mehr? Den besten Einzelauftritt lieferten für mich allerdings vier Jahre später Kraftklub. Sie waren kurzfristig eingesprungen für die Beatsteaks. Eine hohe Bürde. Denkt man. Aber den Jungs aus Chemnitz war das vollkommen egal. Sie tanzten, sangen, schrieen sich das Herz aus dem Leib und elektrisierten das Publikum. So voller Energie habe ich das Stadion nie wieder erlebt.
Michael Lünstroth
 

Als Rock am See 1985 geboren wurde, war ich es noch nicht. 2008 zog ich nach Konstanz und der studentische Geldbeutel spuckte bei all der Festival-Konkurrenz kein Rock am See-Ticket aus. Insofern ist es für mich nicht besonders schwer, in der Erinnerungskiste nach dem schönsten Jahr zu graben: 2013, als ich zum ersten Mal die Stadionstufen hinab ging und die Luft nach Festival roch. Es war der letzte warme Septembertag, und alle wollten den Sommer noch mal feiern. Ich bin kein Fan der Toten Hosen, aber die Stimmung war trotzdem großartig, als 23.000 Menschen "Tage wie diese" sangen.
Sandra Pfanner

Für viele ist es heute noch ein Glanzpunkt in der Rock-am-See-Geschichte, und da stimme ich ein: 16. August 2003 mit Metallica. Auch das Begleitprogramm hatte es mit Placebo, Die Happy, Sum 41, Anti Flag, Alien Ant Farm und Lagwagon in sich. Metallica, die Thrash-Metal-Helden seit der Jugend, waren nach den Turbulenzen der Jahre zuvor in Bestform. Ein grandioser Abend. Er war gespickt mit Hits der ersten Alben, allem voran "One". 25 000 Menschen waren aus dem Häuschen. Ein Rock am See, an dem auch ein Thrash-, Black- und Death-Metal-Fan wie ich seine Freude hatte.
Philipp Zieger

Die Zahl meiner Rock am See-Besuche ist übersichtlich: 2013 und 2015 – zu meiner Verteidigung: ich bin erst Ende 2010 nach Konstanz gezogen. 2013 schien es lange Zeit, dass das Festival ausfällt. Dann kamen die Toten Hosen und nicht nur sie – vor allem die deutschen Bands lieferten an dem Tag eine grandiose Show ab. Uns hielt es damals nicht lange auf der Tribüne. Im krassen Gegensatz dazu stand 2015. Die Zuschauerzahl rekordverdächtig – so wenige waren selten im Stadion. Allerdings: die Musik war gut, die Stimmung entspannt, die Sonne schien und nachts gab es keine langen Staus.
Luisa Rische

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