Stau zum Berufsverkehr ist in Gottmadingen nichts Neues. Neu ist aber, dass Schüler in orangefarbenen Warnwesten dafür sorgen, dass Auto- wie Radfahrer anhalten. Zwischen 6 und 10 sowie 15 und 19 Uhr zückten sie am Dienstag an Gottmadingens Ein- und Ausfallstraßen die Klemmbretter, um festzuhalten, wohin die Menschen unterwegs waren. Jahrelang werde bereits über den Stau in der Ortsmitte diskutiert und immer wieder werde beklagt, dass Radfahrer schwer durch den Ortskern kommen, erklärte Bürgermeister Michael Klinger. „Jede Diskussion beginnt mit dem Sondieren von Fakten.“ Deshalb müssten sie nun erst herausfinden, wie viele Menschen auf den Straßen unterwegs sind, um dann darüber zu sprechen, wie die Verkehrssituation verbessert werden kann.

Ankündigen? Besser nicht

Die Verkehrszählung anzukündigen, hätte das Ergebnis verfälscht, sagte Klinger vor Ort. Also wurden die Auto- und Radfahrer am Dienstag von der Befragung überrascht. Die meisten hätten nett reagiert, sagte Ines Huskic. Sie ist Schülersprecherin der Eichendorff-Realschule und vormittags wie nachmittags im Einsatz. „Es geht nur um zwei sehr kurze Fragen, die jeder beantworten kann“, erklärte sie. Wo begann die Fahrt? Und wo wird sie enden? Kerstin Kajinowski hielt kurz an, um das zu beantworten – mit einem Lächeln: Sie radelte von der Arbeit in Singen heim nach Gottmadingen. Nur einzelne hätten abweisend reagiert, schilderte Huskic, andere seien sehr interessiert gewesen. Und am Nachmittag hätten einige das Prozedere bereits gekannt: „Von Singen nach Gottmadingen„, rief ein Radfahrer Huskic und ihrer Mitschülerin entgegen. Er wurde offenbar schon am Morgen befragt.

Hier wurden Auto- und Radfahrer befragt.
Hier wurden Auto- und Radfahrer befragt. | Bild: Arndt, Isabelle

Nicht alle sind auf der Durchreise

Befragt wurden Auto- und Radfahrer an acht Stellen, dazu kamen zwei extra Radfahrstellen. Es sei wichtig, auch die Bedürfnisse der Radfahrer herauszufinden, sagte Klinger. Wenn es nach den ersten Ergebnissen an dieser Zählstelle am DAK-Kreisel und dem Gefühl von Bürgermeister Klinger geht, sind viele der Befragten nicht auf der Durchreise, sondern von oder nach Gottmadingen unterwegs. „Da müssen wir uns an die eigene Nase packen“, sagte Klinger. Er halte aber wenig von Verboten und wolle vielmehr ein Bewusstsein schaffen, um über Lösungen zu diskutieren. Vielleicht könne man ja Anreize schaffen, das eigene Verhalten zu überdenken – und andere Formen der Mobilität attraktiver machen.

91 Schüler sind dabei – und das nach eigener Aussage gerne

Doch erstmal brauchte es viel Engagement: 18 Polizisten waren im Einsatz, dazu kamen 91 Schüler. Für die Gemeinde waren Schüler auch deshalb ideale Helfer, weil über die Eichendorff-Realschule unauffällig eine große Zahl zu organisieren war, wie Klinger erklärte. Hätten sie offiziell nach Helfern gesucht, wäre das ja aufgefallen und hätte die Ergebnisse verfälschen können. Das Thema werde mehrfach in den Unterricht eingebunden, sodass Klinger einen positiven Effekt sieht. „Schüler sind ja auch ein großer Anteil der Radfahrer“, bestätigte Tiefbauamtsverantwortlicher Joachim Dutt.

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Als Belohnung bekommen sie einen Beitrag für die Klassenkasse, die 10c möchte damit im Mai nach Berlin reisen. Klingers Dank galt neben Polizei und Schülern auch den Befragten, „die es ertragen haben“. Außerdem sei Dutts Team bereits um 4 Uhr unterwegs gewesen, um beispielsweise die Schilder aufzustellen.

Einen ganz normalen Tag zu finden, war schwer

Startpunkt für die aktuelle Aktion sei die Haushaltsplanberatung im vergangenen Herbst gewesen, erklärte Klinger auf Nachfrage. Da habe man die Mittel für eine Untersuchung eingestellt und schließlich ein Büro ausgesucht. Dabei sei es gar nicht so einfach gewesen, einen passenden Termin für repräsentative Ergebnisse zu finden: An einem ganz normalen Wochentag sollte es sein ohne Ferien. „Der nächste passende Termin wäre im Mai gewesen“, sagte Kerstin Delamarche von Fichtner Water & Transportation, denn bis März sei es zu kalt für viele Radfahrer und dann komme schon Ostern. Doch nun habe man viele Zahlen zum Auswerten.

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Gespannt auf Ergebnisse sind Bürgermeister Michael Klinger, Kerstin Delamarche vom Fachbüro Fichtner und Tiefbauverantwortlicher Joachim Dutt (von links).
Gespannt auf Ergebnisse sind Bürgermeister Michael Klinger, Kerstin Delamarche vom Fachbüro Fichtner und Tiefbauverantwortlicher Joachim Dutt (von links). | Bild: Arndt, Isabelle

Wie es weitergeht

Das Büro Fichtner Water & Transportation aus Freiburg wird die Zahlen der Verkehrsbefragung in den nächsten Monaten auswerten, dabei handelt es sich um handschriftliche Unterlagen und eine maschinelle Zählung per Kamera. Nächstes Jahr soll das Ergebnis im Gemeinderat besprochen werden. Bürgermeister Michael Klinger will die Auswertung auch bei einer Veranstaltung zur Bürgerbeteiligung vorstellen und diskutieren. Die gesamte Aktion soll rund 70 000 Euro kosten.