Zur Gedenkveranstaltung anlässlich des Tages der Deportation der jüdischen Bevölkerung Gailingens im Jahr 1940 begrüßte Bürgermeister Thomas Auer die circa 40 Anwesenden vor dem ehemaligen jüdischen Schulhaus gegenüber dem Platz, auf welchem einst die Synagoge der jüdischen Gemeinde stand.

Im kollektiven Gedächtnis Südwestdeutschlands ist das Dorf Gurs im Südwesten Frankreichs zentral mit den Opfern der sogenannten Oktober-Deportation der jüdischen Bevölkerung im Jahr 1940 verbunden. Mit dieser unmenschlichen Aktion wurde das jüdische Leben in Baden, der Pfalz, im Saarland und auch hier in Gailingen, Randegg und Wangen langfristig und grundlegend zerstört. „Gemeinsam wollen wir heute der Menschen gedenken, die vor 80 Jahren aus dem Südwesten Deutschlands, aus ihrer Heimat, verschleppt wurden, darunter 210 Menschen aus Gailingen“, eröffnete Bürgermeister Auer nach einem kleinen Musikstück, vorgetragen von Schülern der Musikschule Hegau West mit Rektor Jochen Freiberg sowie Christian Gommel die Gedenkfeier.

Die musikalische Umrahmung der Gedenkfeier übernahmen der Rektor der Hochrheinschule, Jochen Freiberg (links), sowie Schüler der Jugendmusikschule Westlicher Hegau.
Die musikalische Umrahmung der Gedenkfeier übernahmen der Rektor der Hochrheinschule, Jochen Freiberg (links), sowie Schüler der Jugendmusikschule Westlicher Hegau. | Bild: Ingrid Ploss

Manche stellen die Frage, warum noch immer „in der Vergangenheit gewühlt wird“ und die Geschehnisse von damals nicht ruhen gelassen werden. Darauf gibt es eine ganz offensichtliche Antwort, wenn die Gegenwart mit offenen Augen und Ohren zur Kenntnis genommen wird. Der Vorsitzende des Vereins für jüdische Geschichte Gailingen, Altbürgermeister Heinz Brennenstuhl, findet dafür deutliche Worte: „Niemals, wirklich niemals darf vergessen werden, was der jüdischen Bevölkerung angetan wurde. Wir, die seit 70 Jahren in unserem Land Frieden erleben dürfen, können uns nicht im Mindesten vorstellen, was diesen Menschen widerfahren ist – und das zum größten Teil nicht überlebten.“

Die Geschichte müsse lebendig bleiben, um daraus zu lernen und sich gegen menschenverachtende Diskriminierungen wegen unterschiedlichem Glauben und unterschiedlicher Lebensart einzusetzen. Diffamierung, Ausgrenzung und Entrechtung von Minderheiten seien leider hochaktuelle Themen. Dabei stehe immer im Vordergrund das Bestreben, niemandem durch seine Ansichten zu schaden oder ihn zu beeinträchtigen – etwas, das radikale Strömungen jeglicher Richtung immer kennzeichne.

Erlebnisbericht einer Gailinger Zeitzeugin

„Eine hervortretende Ursache solcher Geschehnisse ist die Respektlosigkeit im Umgang mit Andersdenkenden, die sich bis in unsere Zeit zieht“, so Brennenstuhl, „dieser müssen wir mit aller Kraft entgegentreten.“ In jungen Menschen müsse die Erinnerung der Generation der Augenzeugen wach gehalten werden, um sie für Ideale wie Achtung, Respekt, freie Meinungsäußerung sowie friedliches Zusammenleben zu sensibilisieren.

Bewegend war zum Abschluss der Gedenkfeier ein von der Lehrerin Marie Alf sowie Schülern der Internatsschule Friedrichsheim vorgetragener Erlebnisbericht des Abtransports, den die Gailinger Zeitzeugin und Schriftstellerin Berta Friesländer-Bloch (1896-1993) verfasste.

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