Villingen-Schwenningen – Das hohe Tempo der Digitalisierung der Arbeit verlangt bei der Ausbildung mutige Schritte. Zum Beispiel an der Feintechnikschule. Hier wird künftigen Facharbeitern, Technikern und Industriemeistern heute schon gelehrt, was es in vielen Betrieben der Region nicht gibt: Industrie 4.0 – also eine Fertigungsform, bei der Maschinen und Produkt digital vernetzt werden. In der Schwenninger Schule steht hierfür eine Lernfabrik parat. Gefräst und gedreht wird hier automatisch, das künftige Produkt steuert die Maschinen mit einem QR-Code. Der Herstellungsprozess wird mit Kameras und Sensoren gesteuert.

25 Quadratmeter groß ist die Anlage, 600 Schüler werden hier ausgebildet, in diesem Bereich ohne Schulbücher. Die gibt es noch nicht. Dafür hat die Hightech-Schule ein digitales Klassenzimmer. Dreidimensional sehen die Schüler, wie die Arbeitsschritte aufeinander folgen. Schulleiter Thomas Ettwein: „Die Gebrauchsanweisung zur Maschine wird virtuell hier Schritt für Schritt eingeblendet.“

In Ettweins Büro hängt ein chinesischer Spruch: Übersetzt heißt er: Lebenslanges Lernen. Genau das also, was viele Arbeitnehmer erleben: Immer neue Geräte, neue Programme, alles ändert sich fortlaufend. Mit der Lernfabrik kann die Feintechnikschule nicht nur etwas zeigen, die 4.0-Maschine produziert tatsächlich. Drehteile in diesem Fall. Unterricht zum Anfassen. Sieht so die Zukunft aus? Thomas Ettwein wirkt bodenständig, wenn er sagt: „Wir entwickeln unsere Lerninhalte speziell hier gemeinsam mit der Industrie.

“ Fünf Firmen aus der Region haben die 4.0-Fertigungsstrecke realisiert, ein Projekt der Schule und des Landkreises und typisch für die Tüftlerregion, die geprägt war von Uhrenfabriken, dann von Unternehmen der Unterhaltungselektronik und die heute viele Automobilzulieferer beheimatet.

Ettwein stammt aus Villingen und ging hier selbst zur Schule, ans Technische Gymnasium. Lernt man als junger Mensch die richtigen Sachen? „Ich habe bis heute acht Programmiersprachen gelernt“, sagt er. „Wer hier die Basis hat, der kommt ganz weit mit der Grundstruktur“, berichtet er aus seiner Entwicklungsphase. Verflixte Chemieformeln früher in der Schule, die später kein Mensch im Alltag mehr benötigt? Der 55-Jährige schüttelt angesichts dieser Frage den Kopf. „Was wir lernen, ist beispielhaft und grundsätzlich.“ Das Dilemma sieht auch er. „Wenn wir hier die Programmiersprache Java lehren, so ist klar: Bis die Schüler draußen sind und als Feinwerkmechaniker oder Systemelektroniker arbeiten, ist wieder etwas anderes am Markt.“ Er kritisiert, dass im Bildungssystem „zu wenig Augenmerk auf die Grundlagen“ gelegt werde. „Mathe, Deutsch, Englisch, technisches Verständnis – da verändert sich nichts.“ Dass musische Fächer fehlen, bemängelt er. Seine Kinder lernen ein Instrument – privat.

Florian Klausmann ist Direktor bei der Sparkasse Schwarzwald-Baar. Als Vertreter eines großen Arbeitgebers der Region mit 500 Vollzeitstellen erlebt er täglich, wie gebildet die jungen Leute von heute sind. 150 bis 200 Bewerber fragen jährlich an. Die Qual der Wahl habe man im Bewerberfeld oft nicht mehr so sehr. Das Bankenwesen ist eine spannende Branche im Sog der Digitalisierung. Klausmann: „Bei uns gibt es immer mehr höherwertige Stellen und immer weniger einfache.“ Das Konto auf dem Smartphone, das Standardgeschäft läuft automatisiert. Geld abheben, Überweisungen beispielsweise. Dieser Beruf ist mitten drin im Wandel. „Wir bekommen tolle, junge Leute“, sagt Klausmann. Er kritisiert aber klar das Bildungssystem. „Hier wurde in den letzten Jahren zu viel verändert und das achtjährige Gymnasium ist ein Fehler“. Persönlichkeitsreifung brauche Zeit und „Zeit ist bei G8 nicht mehr da“, sagt er. In einer Sparkasse sei aber Persönlichkeit gefragt. Bankkaufmann sein heißt heute beraten und Klausmann fügt hinzu: „Beim Geld hört der Spaß auf.“ Beratung per Handy oder Chat werde angeboten, doch gefragt sei das persönliche Gespräch. An den Schulen fehlen seiner Erfahrung nach motivierte Lehrer, auch technologisch seien die Klassenzimmer für die Berufsschule der Bänker meist veraltet. Die Sparkasse im Jahr 2030? Filialen mit Schalter würden weiter gebraucht. „Mit Sicherheit haben wir künftig mehr Beratungszimmer“, blickt er voraus. Und wie die Nachwuchskräfte Beratung lernen, wird so deutlich: „Bei unserer Hausmesse haben die Azubis den älteren Mitarbeitern viel Neues gezeigt“, muss Klausmann schmunzeln.

Er ist Youtuber und hat 25 Millionen Follower. Tobias Kaiser stammt aus Neuhausen. Zuhause arbeitet er auf der Landwirtschaft mit und er lernt in der Sparkasse den Beruf des Finanzassistenten. Der 20-Jährige hat sein Abitur am Königsfelder Zinzendorfgymnasium gebaut. Für seine Tutorials zum Computerspiel Clash of Clans auf der Filme-Plattform von Google hat er sich alles selbst beigebracht. „An der Schule habe ich dafür gar nix gelernt“, sagt er. „Internet, Social Media – da fehlt es an allem“, kritisiert er die Ausstattung der Schulen und den Unterrichtsstoff. Das mittelalterliche Strategiespiel ist sein großes Ding. Wegen seiner Sparkassenlehre läuft das derzeit nur sehr reduziert. Wie arbeitet in Zukunft eine Sparkasse? „Also“, sagt er: „Ich kann mir die Beratungsgespräche wirklich nicht online vorstellen.“ Arbeiten im Jahr 2030 sollte sich für ihn „noch mehr vom Homeoffice aus machen lassen“, findet er. Arbeitszeit und Freizeit seien so „sinnvoller koordinierbar“.

Zahlen und Fakten zur Ausbildung

  • Was die Bewerber wollen: Die bundesweite Hitliste der zehn beliebtesten Ausbildungsberufe verändert sich seit vielen Jahren nur wenig – auch im Schwarzwald-Baar-Kreis. Vorneweg sind wieder kaufmännische Berufe. Für diese hatte mehr als ein Viertel der 1213 Bewerber aus dem Landkreis bei der Agentur für Arbeit zwischen Oktober 2016 und August 2017 Interesse angemeldet. Konkret interessierten sich 88 für eine Lehrstelle als Industriekaufmann oder -frau, dann folgen Kaufleute im Einzelhandel (85), Kaufleute Büromanagement (66) und Verkäufer (59). Begehrt sind ferner Ausbildungsplätze als Industriemechaniker (46), Medizinische Fachangestellte (45), Kraftfahrzeugmechatroniker (42), Zerspanungsmechaniker (38), Mechatroniker (37) und Automobilkaufleute (31). Während die 677 jungen Männer mit den Berufsbildern von Industriemechanikern, Kraftfahrzeugmechatronikern, Zerspanungsmechanikern und Mechatronikern auf den ersten vier Plätzen auf meist gut bezahlte Industriearbeitsplätze mit Zukunftspotenzial zielen, wünschen sich die 536 Bewerberinnen vor allem Ausbildungsplätze als Kauffrauen, Medizinische Fachangestellte, Verkäuferin, Friseurin oder Verwaltungsangestellte. Unter ihren beliebtesten zehn Ausbildungsberufen findet sich bei den Frauen kein einziges Berufsbild aus dem Bereich Technik und Industrie.
  • Was Ausbildungsanbieter suchen: Unter 1878 freien Ausbildungsplätzen, die Betriebe und Verwaltungen der Arbeitsagentur im Schwarzwald-Baar-Kreis zwischen Oktober 2016 und August 2017 meldeten, nahmen die kaufmännischen Berufe die drei Spitzenpositionen der zehn am häufigsten angebotenen Ausbildungsgänge ein: Kaufleute im Einzelhandel (117 Stellen), Verkäufer (80) und Industriekaufleute (79). Es folgen Industriemechaniker (62), Uhrmacher (56), Mechatroniker (54), Systemelektroniker (46), Köche (46), Werkzeugmechaniker (45) und Fachkräfte für Lagerlogistik (45).
  • Wie sich der Markt entwickelt: Im Bereich der IHK-Berufe geht die Zahl der registrierten Ausbildungsverträge in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg nach oben: Insgesamt bilden 1410 Betriebe 6873 Lehrlinge aus (Stichtag 31. August), 76 mehr als ein Jahr zuvor. Die meisten neuen Lehrverträge entfallen auf den Schwarzwald-Baar-Kreis, nämlich 956. In den fünf Landkreisen der Handwerkskammer bilden derzeit 2070 Betrieb 4413 Lehrlinge aus, davon sind 1634 Ausbildungsverträge neu, von denen 315 auf den Kreis entfallen (Stichtag 31. August). Die Handwerkszahlen sind im Vorjahresvergleich stabil. (jdr)

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