Krieg und seine Auswirkungen prägen Menschen, ganze Gesellschaften. Nach dem Weltkrieg in Deutschland erlebten dies insbesondere auch die geflohenen Menschen Europas. Heute sind es Menschen aus den aktuellen Kriegs- und Notstandsgebieten der Welt, die hier Heimat finden.

Einige sind an diesem Abend im Foyer des Franziskaner zusammen gekommen, um zu berichten. Denn wer erzählt, der überlebt, heißt es in der Einladung. Ein „Konzert der vielen Stimmen“ soll es werden mit Menschen aus Afghanistan, Syrien, Irak, Iran, Palästina, Eritrea und Nigeria. Und auch aus Deutschland. Sie werden erzählen von ihrer Flucht, ihre Geschichte, von ihrem Weg, ihren Wünschen. Ihnen gegenüber sitzen über 100 Zuhörer. Überrascht über so viel Zuspruch ist Fatima Majsoub, die diesen Abend moderiert. Sehr geschickt und einfühlsam wird sie dies tun und was die Menschen erzählen werden, geht buchstäblich unter die Haut.

Der jüngste Flüchtling ist 16 Jahre alt, die älteste ist eine Deutsche. Helga Teichmann lebt heute in Trossingen, stammt ursprünglich aus Dresden und hat zweimal ihre Heimat verloren. Im Zweiten Weltkrieg Dresden, später als DDR-Flüchtling. Rana kam vor über 30 Jahren aus dem Iran. Schlüssel zum heimisch werden war, so erzählt sie, die Sprache und die Anpassung an die hiesige Kultur. Ihr Fazit für diesen Abend: „Wenn jemand dunkelhäutig ist oder Muslim oder einfach anders, wir sind keine Diebe und keine Terroristen. Wir sind vor allem Menschen“. Großer Beifall.

Janin stammt aus Syrien und ist seit diesem Jahr in Schwenningen. Sie hat einen Text geschrieben, der verlesen wird. Deutsch zu sprechen, fällt ihr noch zu schwer. Krieg, dieses Wort mit fünf Buchstaben, zerstört Menschen, lange nachdem Bomben gefallen sind. Es gibt nicht genügend Worte, um zu beschreiben, was Krieg anrichtet. Wenn wir nicht den Krieg beenden, wird der Krieg uns beenden, zitiert Janin H. G. Wells. Syrien ist allen bekannt als Kriegsgebiet, doch ein Krieg gegen das Volk verwüstet viele Länder.

In Eritrea herrscht seit 1998 eine brutale Diktatur. Biniam wurde 1988 hier geboren, fünfmal wurde er ins Gefängnis gesteckt, immer wieder gefoltert. Die Folterungen hat er nur dank seiner Großmutter, überlebt, die ihn pflegte. „Bin ich ein Mensch oder nicht“, stellt er die Frage. Diese grausamen Erlebnisse sind immer in seinem Kopf, doch er will freundlich sein und helfen. „So wie Deutschland mir geholfen hat“. Da haben schon etliche Zuhörer im Publikum Tränen in den Augen. Und es werden mehr.

Johannes, ebenfalls aus Eritrea, erzählt von seiner Flucht. Wie er schreckliche Unfälle auf Straßen erlebte, die Sahara überlebte, wie er von Schleppern mit dem Tod bedroht wurde und mit über 460 Menschen in einem Boot im Mittelmeer sank. Nur 18 wurden gerettet, darunter er. „Ich habe Kinder ertrinken sehen. Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, um Geld zu sammeln. Ich bin hungrig. Hungrig nach Frieden, hungrig nach Ausbildung. Und ich danke ihnen allen so sehr. Danke“. Als „ein menschliches Wesen leben“ möchten alle, die hierher geflohen sind. Das ist der grundlegende Tenor, der in all ihren Erzählungen mitschwingt.

Und das Grauen der Erlebnisse auf dem langen Weg nach Deutschland, der hinter diesen Menschen liegt. Auch Bilal hat diese Erfahrung gemacht. Er ist der Jüngste, kam vor einem Jahr unbegleitet, geht heute in die Schule, spricht beinahe fließend Deutsch. „Ich empfehle niemanden, zu fliehen“, bringt er es auf den Punkt . Wenn man einmal in der Gewalt von Schleppern sei, sei man ausgeliefert, der Willkür und Gewalt. "Nie weiß man, wo man die Nacht verbringt, viele sterben auf der Flucht, verlieren ihre Familien." Für Bilal war das Ankommen in Deutschland eine „Wiedergeburt“. Auch er ist nur dankbar, hier sein zu dürfen.

Basir ist ebenfalls aus Afghanistan, war Dolmetscher für die Nato. Er kam vor zehn Monaten nach Schwenningen. Er denkt jeden Tag an seine Familie. „Ich vermisse vor allem die nützlichen Ratschläge meiner Mutter und die gemeinsamen Essen mit der Familie“. Und in Deutschland? „Ich wache mitten in der Nacht auf und bin glücklich. Weil es so ruhig ist, keine Bomben explodieren oder Schüsse fallen. Hier ist man in Sicherheit.“ Dieser Satz drückt das Lebensgefühl der geflüchteten Menschen wohl am eindrücklichsten aus.

Dennoch bleibt die Hoffnung auf eine Rückkehr in die Heimat, so wie es Rita ausdrückt, die aus Syrien kommt. In Deutschland gebe es die Sprache der Menschlichkeit, die in Syrien verloren gegangen ist. Heute studiert sie in Deutschland. Doch sie hat die große Hoffnung, irgendwann zurückkehren zu können. „Ich liebe mein Land. Doch wir wollen nicht nur überleben. Wir wollen leben.“

Themenschwerpunkt

Der Themenschwerpunkt "War Requiem- Nie wieder" des Amtes für Kultur in Zusammenarbeit mit Kulturakteuren und Kirchen wird mit der Sonderausstellung Im Krieg ist alles anders am 23. September um 19 Uhr im Uhrenindustriemuseum Schwenningen fortgesetzt.(us)