"Es handelt sich aber um Indikator-Keime, die uns anzeigen, dass der Schutzschild im Trinkwasser beeinträchtig ist und daher auch gefährlichere Keime ins Netz gelangen können. Daher ist es unser Bestreben, diesen Schutzschild wieder herzustellen." Dies erläuterte gestern der Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes in Villingen, Jochen Früh in einer Pressekonferenz bei den Stadtwerken.


 

Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz informierten gestern Vertreter des Gesundheitsamtes und der Stadtwerke über die Hintergründe der vom Gesundheitsamt verfügten Anordnung, Trinkwasser in einigen Stadtbereichen von Villingen-Schwenningen abzukochen. Wie in den vergangenen Tagen berichtet, war bei routinemäßigen Kontrollen des Trinkwassers eine Überschreitung an coliformen Bakterien festgestellt.

Daraufhin hat die SVS in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt eine Desinfektion des Trinkwassers mit Chlor veranlasst, das Gesundheitsamt hat ein Abkoch-Gebot ausgesprochen. Betroffen sind Schwenningen, Weilersbach, Obereschach, die Wöschhalde, Auf Herdenen, Schilterhäusle, Nordstetten, Mühlhausen sowie Dauchingen. In den anderen Stadbezirken und dem Großteil Villingens gibt es keine Probleme.

Die coliformen Keime, so betonte der Leiter des Gesundheitsamtes, der Mediziner Jochen Früh, seien Bakterien, die im Grunde überall in der Umwelt vorkommen. In einem Wasserleitungsnetz seien sie Bestandteil eines natürlichen Biofilms, der in der Regel stabil an den Rohrleitungen anhaftet. Durch mechanische Einflüsse wie Erschütterungen oder durch starke Erwärmung des Wassers könne dieser Biofilm instabil werden und seine Keime ins Trinkwasser abgeben. Ist das der Fall, sei dies ein Hinweis, dass der natürliche Schutzschild des Wassers gefährdet sei. Das heißt, es könnten auch andere, gefährliche Keime auftreten. Bisher gibt es dafür keinen Hinweis. Um aber auf Nummer sicher zu gehen, soll dennoch das Wasser abgekocht werden. Und zwar solange, bis der Schutzschild im Trinkwassersystem wieder hergestellt ist.
 

Halle C auf dem Gelände der Stadtwerke in Villingen. Hunderte von Menschen, die von der Keimverunreinigung im Trinkwasser betroffen sind, holen hier gratis Mineralwasser ab.
Halle C auf dem Gelände der Stadtwerke in Villingen. Hunderte von Menschen, die von der Keimverunreinigung im Trinkwasser betroffen sind, holen hier gratis Mineralwasser ab. | Bild: Julia Horn

Diesen Schutzschild wieder herzustellen, ist Aufgabe der Stadtwerke (SVS) als zuständigem Trinkwasser-Lieferant. Hauptmaßnahme: Dem Trinkwasser wird Chlor zugesetzt, um die Keime abzutöten. Am vergangenen Wochende, so berichtete Geschäftsführer Ulrich Köngeter, wurden in den Hochbehältern die für Trinkwasser höchstzulässige Chlormenge eingebracht. Zugleich wurde das Leitungssystem durchgespült, damit das Chlor auch überall wirksam werden kann. Jetzt folgt die Prüfung, ob das Chlor wirkt. Erst wenn dies nachgewiesen ist, hebt das Gesundheitsamts die Abkoch-Anordnung auf. Daher müssen drei aufeinanderfolgende Wasserproben vorliegen, bei denen die coliformen Keime nicht mehr nachgewiesen sind. Die erste dieser Proben, so berichtete für Trinkwasser zuständige Ärztin des Gesundheitsamtes, Tatjana Ritter, wurde gestern entnommen.

Wenn das Ergebnis vorliegt und ohne Befund ist, wird die nächste Probe am Freitag gezogen, die dritte Mitte nächster Woche. Wenn alle drei Proben ohne Befund sind, kann das Abkochgebot aufgehoben werden. "Das wird wohl spätestens am Montag, 4. September, sein", vermutet Tatjana Ritter.

Lang ist die Schlange der Bürger: Gestern holten sie 18 000 Liter Mineralwasser bei den Stadtwerken ab.
Lang ist die Schlange der Bürger: Gestern holten sie 18 000 Liter Mineralwasser bei den Stadtwerken ab. | Bild: Julia Horn

Ursache der Keimbildung ist nach Einschätzung der Vertreter des Gesundheitsamtes und der Stadtwerke die aktuell hohe Temperatur des Wassers. Statt der üblichen neun Grad Celsius misst das Trinkwasser badeverdächtige 20 Grad. Diesen enormen Anstieg führen die Behördenvertreter vor allem auf die große Trockenheit der vergangenen Wochen zurück. Zu wenig kühles Wasser ist nachgeflossen. Ähnliche Problem haben aktuell auch andere Städte, etwa Bietigheim-Bissingen. "Man merkt den Klimawandel", bestätigt Tatjana Ritter.

Viele Kommunen sind schon längst übergegangen, ihrem Trinkwasser permanent Chlor beizusetzen, um die Keimgefahr zu bannen. In Villingen-Schwenningen war dies bisher aufgrund der hervorragenden Wasserwerte nicht erforderlich. Dies sei kein Versäumnis, sondern "eine echte Leistung", betont Ärztin Tatjana Ritter. Je weniger künstliche Zusatzstoffe, umso besser für das Trinkwasser. Doch diese Zeiten gehen nun auch für Villingen-Schweningen zu Ende. "Ab 2018 wird das Wasser ganzjährig chloriert", kündigt Stadtwerkechef Köngeter an. Solang die Abkoch-Anordnung des Gesundheitsamts besteht, werden die Stadtwerke den betroffenen Kunden täglich weiterhin kostenlos Mineralwasser zur Verfügung stellen.