Musikalisch dramatisch mit Richard Strauß' "Zahatustra" eröffnete die Stadtverwaltung am Donnerstagabend die offizielle Vorstellung der OB-Kandidaten in der Sporthalle der Polizeihochschule. Allerdings konnte die Veranstaltung mit dem dramatischen Crescendo der sinfonischen Tondichtung nicht ganz mithalten. Zum einen, weil sich gerade mal 350 Besucher in der für 1000 Gäste bestuhlten Halle verloren. Zum anderen diktierten Stoppuhr und die von OB Rupert Kubon postulierte Neutralität und Gleichbehandlung der Kandidaten den Ablauf des Abends.

Die OB-Kandidaten Jörg Röber, Marina Kloiber-Jung, Jürgen Roth, Gaetano Cristilli und Fridi Miller bei der offiziellen Kandidatenvorstellung der Stadt. Cem Yazici musste wegen Erkältung passen. <em>Bilder: Hans-Jürgen Götz</em>
Die OB-Kandidaten Jörg Röber, Marina Kloiber-Jung, Jürgen Roth, Gaetano Cristilli und Fridi Miller bei der offiziellen Kandidatenvorstellung der Stadt. Cem Yazici musste wegen Erkältung passen. Bilder: Hans-Jürgen Götz | Bild: Hans-Juergen Goetz

Der schwache Besuch hat eine Erklärung. Am Montag hatte bereits in der Messehalle B in Schwenningen eine Wahlveranstaltung der "Neckarquelle" mit 1300 Besuchern stattgefunden. Gleichwohl konnten sich die Besucher, die gekommenen waren, von den unterschiedlichen Charakteren der OB-Kandidaten ein gutes Bild machen. Einzig Cem Yazici musste passen. Ihn hatte kurzfristig eine Erkältung gepackt.

  • Jörg Rober: Was unterscheidet die Kandidaten? Den Anfang im Reigen der Vorstellung machte Jörg Röber. Der 37-jährige Politik- und Verwaltungswissenschaftler, der sein Studium mit dem Doktortitel abgeschlossen hat, hebt vor allem auf einen Punkt ab: Seit zweieinhalb Jahre leitet er das Referat des Oberbürgermeisters im Villinger Rathaus. Dieser Blick hinter die Kulissen, sagt er, habe ihm nicht nur das Verständnis gegeben, was alles gemacht wird, sondern auch dafür, "was man noch besser machen kann". In freier Rede zieht er seine politischen Prioritäten runter. Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur, Ausbau der Kinderbetreuung, Sanierung der Schulen, Wirtschaftsförderung, Stärkung der Innenstädte und des Zusammenhalts in der Stadt. Der gebürtige Zittauer kann an diesem Abend beweisen, dass er seine zweieinhalb jährige Lehrzeit bei der Stadt genutzt hat. Was er sagt, ist durchdacht und gewichtet, Röber punktet mit Sachkenntnis, die bringt er verständlich ans Publikum. Klar ist auch: Er will sich nicht auf Kosten von Amtsinhaber OB Kubon profilieren. Er sagt: "Wir leben in einer tollen Stadt. Sie noch stärker zu machen, dafür setze ich mich ein."
  • Jürgen Roth: Sein mutmaßlich größter Rivale im Rennen um den Rathaus-Chefsessel. Jürgen Roth (CDU), hat ein deutlich anderes Auftreten. Erscheint Röber als Typus des moderierenden Politikers, kommunikativ und sachorientiert, pflegt der 55-jährige Bürgermeister aus Tuningen sein Image als zupackender Macher, schiebt energisch die Kinnlade nach vorne und wirft seine vielfältigen politischen und sozialen Verbindungen, die Liebe zur seiner Heimstadt und vor allem seine langjährige Bürgermeister-Erfahrung in die Waagschale. "Noch stärker als Wissen ist Erfahrung", sagt er. "Denn Bürgermeister kann man nicht studieren, das lernt man", grenzt er sich gegen seine Mitbewerber ab. Roth schreckt im Gegensatz zur Röber nicht vor einer kritischen Abrechnung mit der Ära Kubon zurück. Er wolle, sagt er und ballt die Faust, die Stadt "wieder nach vorne bringen" und ihr die verloren gegangene "Strahlkraft" zurückgeben. Die "Defizite" bei der Straßensanierung seien seit 2010 in der Verwaltung bekannt, "aber leider nicht umgesetzt" worden. Hier lasse man städtisches Kapital "sehenden Auges kaputtgehen", wettert er. "Bedauerlich und zum Teil beschämend ist der bauliche Zustand an manchen Schulen". Wenn's aber ins Detail geht, bleibt Roth öfter oberflächlich und greift gerne zu markigen Sätzen wie: "Meine Arbeitsweise ist: Lösungen suchen, Prozesse optimieren und endlich anfangen." Klar ist für Roth auch, dass seine CDU-Mitgliedschaft als OB keine Rolle spielen werde. "Kommunalpolitik ist Sachpolitik."
  • Marina Kloiber-Jung: Den Typ der Macherin gibt auch Marina Kloiber-Jung, die 36-jährige Geschäftsführerin des städtischen Baubetriebshofs, der Technischen Dienste (TDVS). Ihr Lieblings-Motto: "Jetzt ist es Zeit zum Anpacken, nicht zum Reden." Die junge Frau und zweifache Mutter schreibt es sich auf ihre Fahnen, dass sie den Eigenbetrieb der Stadt mit seinen 150 Mitarbeitern aus schwierigen "Gegebenheiten" wieder flottgemacht und dabei auch die Mitarbeit neu motiviert habe. Dass man es besser machen kann wie in der Vergangenheit "habe ich bei der TDVS bewiesen", gibt zu Protokoll. Das wolle sie nun auch als Rathaus-Chefin von VS beweisen. Wie Roth sieht auch Kloiber-Jung allerhand Defizite in der Stadt. Vieles liege "im Argen", sagt sie. Und: "Wir stehen als Stadt im Vergleich mit anderen Städten im Nachrang." Natürlich will auch sie die Infrastruktur umfassend erneuern sowie ein "zeitgemäßes Umdenken in der Verwaltung und Politik" herbeiführen. Doch auch bei ihr bleibt die Frage der Umsetzung in manchen Sachthemen des öfteren verschwommen. Nicht so bei einem anderen Thema: Als einzige der Kandidaten will sie eine weitere Bürgermeister-Stelle schaffen, einen Sozialbürgermeister. Und, so betont die zweifache Mutter einmal mehr auf eine Bürgeranfrage, sei sie sehr wohl in der Lage, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen.
  • Gaetano Cristilli: Der Betreiber eines Fitness-Studios quälte sich bei seiner Vorstellung nicht mit Sachthemen, sondern konzentrierte sich völlig auf seine Person. Ohne Manuskript und frei von der Leber äußerte der 52-jährige gelernte Versicherungs- und Speditionskaufmann, dass es bei diesem Amt weniger auf die berufliche Qualifikation ankomme, sondern auf die charakterliche Eignung. Er könne gut Menschen motivieren, verfüge über Visionen und Weitblick , Mut, Organisationstalent und kaufmännische Kenntnisse. Inhaltlich wollten alle Kandidaten ohnehin das Gleiche, "doch nur ich habe die Eigenschaften, dieses Amt zu meistern", behauptete er keck. Im Gegensatz zu Jörg Röber erklärte Cristilli, die Gleichbehandlung der Stadtbezirke gebiete es, das vor Jahren zugeschüttete Schwenninger Freibad wieder in Betrieb zu nehmen. Röber hatte dies abgelehnt mit dem Hinweis. Kindergärten und Straßen hätten Vorrang.
  • Fridi Miller: Dauerkandidatin und Enthüllungspolitikerin Fridi Miller bot, getrieben von ihrer speziellen Mission für Frieden und Menschenrechte, wieder eine eigenwillige Schau. Die Schwäbin verdammte die "machtgeilen Politiker" samt dem "korrupten System" und warb, das Publikum durchgängig duzend, für ihre Vision, VS zur bekanntesten Deutschen "Fridi-Wohlfühl-Stadt" zu machen. Dieser will sie einen "Freizeitpark wie Tripsdrill", eine Schwebebahn und Wellness-Hotels spendieren. Die politischen Entscheidungen sollen die Bürger treffen. Ein Bürgerhaushalt will sie einführen, auch Kinder und Jugendlichen dürfen dann mitbestimmen. "
Rund 350 Bürger verfolgten die Kandidaten-Vorstellung der Stadt in der Sporthalle der Polizeihochschule in Schwenningen.
Rund 350 Bürger verfolgten die Kandidaten-Vorstellung der Stadt in der Sporthalle der Polizeihochschule in Schwenningen. | Bild: Hans-Juergen Goetz