Auf dem Muslenplatz in Schwenningen treffe ich den 43-Jährigen. Er kommt mit einem großen Kastenwagen in die Fußgängerzone gefahren. DPD steht in großen schwarzen Buchstaben neben dem roten DPD-Logo auf der weißen Ladekabine geschrieben. Fünf nach zehn Uhr ist es, fünf Minuten später als vereinbart. Er stoppt das Fahrzeug, springt heraus.

Video: Fröhlich, Jens

Die Begrüßung ist freundlich, kurz und knapp. Wir schütteln die Hände. „Ich muss kurz hier rein“, sagt er. Schon ist Kreutzmann wieder im Transporter, rangiert in die enge Hofeinfahrt, die zur Laderampe eines großen Modehauses führt. Ich gehe hinterher, beobachte, wie er im Hinterhof mit Kaufhausangestellten verhandelt. Ein Auto muss umgeparkt werden. Ein Kurierfahrer der Konkurrenz trifft ebenfalls im Hinterhof ein, muss zurücksetzten und warten. Zehn Minuten später ist es geschafft. Kreutzmann hat mehrere Pakete übergeben, lenkt seinen Kastenwagen gekonnt aus der schmalen Gasse.

Video: Fröhlich, Jens

Ich steige zu, mache es mir auf dem Beifahrersitz gemütlich, während Kreutzmann nach einem kurzen Blick auf seinen Scanner Gas gibt. Wir verlassen die Schwenninger Fußgängerzone, die noch bis elf Uhr für Lieferverkehr frei ist. Ich beginne, meine vorbereiteten Fragen zu stellen. Allzu weit komme aber nicht. 100 Meter weiter hält der Wagen, halb auf dem Bürgersteig, halb auf der Straße. Es muss schnell gehen. Kreutzmann ist immer auf dem Sprung. 100 Zustellstopps sind für heute geplant. Antworten bekommt nur der, der mit ihm Schritt hält.

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Nach der Sparkasse und einem weiteren Ziel auf der anderen Straßenseite, zu welchem ich Kreutzmann nicht folgen konnte, kommt er im Laufschritt zurück, klettert eilig in das Fahrzeug, blickt auf den Scanner, dreht den Autoschlüssel herum. Ich schaffe es gerade noch, die Beifahrertüre zu schließen, ehe sich der Kastenwagen in Bewegung setzt. Kaum sitze ich, folgt der nächste Stopp. Nun steige ich gar nicht mehr aus, zu hektisch ist das alles. Ich muss mich erst sortieren, die Kamera richtig einstellen, durchschnaufen. Von null auf hundert, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. „Am liebsten sind mir Kunden, die uns eine Abstellgenehmigung gegeben haben“, freut sich Kreutzmann bei seiner baldigen Rückkehr. Doch solche reibungslosen Zustellungen sind nicht die Regel.

Video: Fröhlich, Jens

Langsam gewöhne ich mich an sein Tempo, habe Kamera und Block beim Anhalten schneller parat, nutze manche Stopps um mir auf dem Beifahrersitz Notizen zu machen. Meine gelegentlichen Pausen hat Kreutzmann nicht. Es ist elf Uhr, die Ladefläche ist noch prall mit Paketen gefüllt. Die will er jedoch an diesem Tag bis 14 Uhr alle ausgeliefert haben. Bis zu 31,5 Kilogramm schwere Brocken sind darunter. Das ist das maximale Paketgewicht, welches von DPD im Rahmen der Standardleistungen transportiert und von den Zustellern zu den Kunden gehievt wird. Im Durchschnitt wiegt ein Paket knapp zehn Kilogramm. Ein echter Kraftakt und ein echter Knochenjob, wie ich finde. Trotz aller körperlicher Anstrengung und Zeitdruck übt Kreutzmann seinen Beruf gerne aus.

Video: Fröhlich, Jens

Auf seinem Transporter und auf seiner Arbeitskleidung prangt einheitlich der DPD-Schriftzug. Sein Arbeitgeber ist jedoch nicht der Logistik-Riese selbst. Einen Arbeitsvertrag hat der 43-Jährige mit der KEP GmbH geschlossen, ein mittelständiges Logistik-Unternehmen mit Sitz in Rottweil. DPD arbeite bei der Zustellung mit sogenannten Systempartnern zusammen, die in der Regel zehn bis zwölf Fahrer sowie die Fahrzeuge stellen und „entsprechend vergütet“ werden, verrät DPD-Sprecher Peter Rey. Kreutzmann fährt seit über sechs Jahren die selbe Tour durch Schwenningen, kennt hier jeden Winkel und viele Kunden persönlich. Welche Aufgaben sonst noch anfallen, verrät er im folgenden Video.

Video: Fröhlich, Jens

Obwohl er täglich auf der Straße unterwegs ist und häufig komplizierte Fahrmanöver mit seinem ausladenden Lieferwagen zu bewältigen hat, htte er bislang nur einen Unfall. „Ich war aber nicht schuld. Eine Frau hat mir die Vorfahrt genommen. Da hinten an der Kreuzung“, erinnert er sich genau und zeigt aus dem Fenster. Schon bremst er wieder, schnappt sich seinen Scanner und springt aus dem Fahrzeug. 45 Sekunden später steigt er wieder ein, hat er ein großes Paket weniger an Bord und zwei kleinere Päckchen in der Hand. Die hat er vorausschauend für seinen nächsten Halt bereits von hinten mitgebracht. Während der kurzen Fahrt erzählt er sein kuriosestes Erlebnis, was ihn im Alltag freut und ärgert.

Video: Fröhlich, Jens

Mittagspause macht der Kurierfahrer in der Regel in seinem Fahrzeug. Dafür sucht er sich meist einen geeigneten Parkplatz und greift zu seinem Vesper, welches er sich immer von zu Hause mitbringt. Die Vesperbox steht auf dem Boden zwischen den Vordersitzen parat. Für eine Mahlzeit ist es um 11.20 Uhr aber noch zu früh. Erst muss der Transporter noch leerer werden.

Video: Fröhlich, Jens

Größere Lieferungen stapelt der Paketprofi auf seiner Sackkarre, die er immer dabei hat. Einzelne Pakete trägt er schnellen Schrittes unter dem Arm zur Lieferadresse. Wie er es schafft, dass er im Laderaum immer zu den richtigen Paketen greift, dass die Reihenfolge genau auf seine Tour abgestimmt ist, das verrät er im folgenden Video.

Video: Fröhlich, Jens

Nach weiteren Zustellungen beim Schwenninger Polizeirevier und bei der Feuerwehr nähern wir uns einem Autohaus. Kreutzmann fährt rückwärts auf den Hof, ganz nah an das Gebäude heran, wohl wissend, was er gleich abzuladen hat.

Video: Fröhlich, Jens

Für Kreutzmann ist der Winter die stressigste Jahreszeit. Das liegt nicht am erhöhten Paketaufkommen vor Weihnachten – auch sonst ist sein Fahrzeug meist ausgelastet. Vielmehr denkt er dabei an schlechtes Wetter, die Straßenverhältnisse und die Kälte. „Das zehrt alles irgendwie an einem“, seufzt er und steigt abermals eilig aus. Die Türe knallt zu. Die Zustellung scheitert, der Kunde ist nicht da. Eine Nachbarin nimmt das Paket an. Sie unterstützt die Zusteller gerne mit der geliehenen Unterschrift.

Video: Fröhlich, Jens

Zurück im Wagen zündet er sich erstmal eine Zigarette an, startet den Motor und fährt an. Er weiß genau, dass die Fahrt zum nächsten Kunden dieses Mal einige Sekunden länger dauert. Doch nach wenigen Zügen treffen wir bereits an der Polizeihochschule ein. Die Zigarette ist noch nicht zu Ende geraucht und muss für eine Minute alleine im Aschenbecher weiterglimmen.

Video: Fröhlich, Jens

Nicht nur wegen der Erlaubnis für das Rauchen im Fahrzeug ist er seinem Chef dankbar. Er habe ihn auch in einer schwierigen Lebenssituation unterstützt. Als Dank dafür gibt Kreutzmann bei der Auslieferung immer vollgas. Nach einem weiteren Halt verabschiede ich mich und lasse den 43-Jährigen wieder ungebremst arbeiten, ohne mich als Klotz am Bein.

Zwei Stunden durfte ich ihn begleiten, oder besser verfolgen. Die Verabschiedung ist freundlich, kurz und knapp. Dann ist er wieder unterwegs auf seiner Tour durch Schwenningen. Allerdings nicht alleine. Mit an Bord ist stets ein blau-weißes Kuscheltier, das am Rückspiegel baumelt. Sein heute neunjähriger Sohn Lucien hat es ihm vor vier Jahren geschenkt und so angebracht, dass es immer nach vorne schaut, den Verkehr im Blick hat und auf den Papa bei seiner anstrengenden Arbeit aufpasst.

Video: Fröhlich, Jens

 

DPDGroup

Die DPDGroup ist ein Tochterunternehmen der GeoPost International Management Holding GmbH mit Sitz in Aschaffenburg. GeoPost gehört wiederum zum französischen Unternehmen Le Groupe La Poste. Eigenen Angaben zufolge betreibt die DPDGroup deutschlandweit 78 Depots und 6.000 Paketshops. 9.500 Mitarbeiter und 11.000 Zusteller sollen täglich im Einsatz sein, um 375 Millionen Pakete im Jahr zu befördern.

Rund ein Drittel der Pakete gehen an private Empfänger. „Im Schwenninger Depot Rammelswiesen schlagen wir täglich 67.000 Pakete um, davon gehen 7.000 Pakete verzollt in die Schweiz“, erklärt DPD-Pressesprecher Peter Rey gegenüber dem SÜDKURIER.

Peter Rey
Peter Rey | Bild: Fröhlich, Jens

Weitere Standorte im Südwesten sind in Nagold, in Stein bei Lörrach, in Freiburg und in Neu-Ulm. „In Schwenningen haben wir 200 eigene Mitarbeiter. Zusätzlich sind 160 Zusteller im Einsatz“, so Rey. Von den rund 160 Zustellfahrzeugen sind vier in Schwenningen und sechs in Villingen im Einsatz.

Angesichts stetig steigender Paketzahlen sagt Rey: „Wir müssen effizienter werden.“ DPD forscht daher an unterschiedlichen Konzepten. Speziell ausgewiesene Ladezonen in den Städten, mobile Packstationen und zentrumsnahe Sammelpunkte könnten die Effizienz weiter erhöhen. Um den Zustellverkehr in Fußgängerzonen zu reduzieren, teste DPD auch Lastenfahrräder und Elektroscooter. Man befinde sich hier – wie die Industrie und die Hersteller solcher Transportmittel auch – noch in einer Lern- und Testphase, so Rey.

Drohnen seien ebenfalls schon getestet worden. Das Problem bei der Zustellung auf dem Luftweg sei jedoch, dass nur geringe Lasten bewegt werden können. Daher werde man auch in Zukunft Zusteller wie Jens Kreutzmann brauchen, vermutlich sogar noch mehr. Rey rechnet damit, dass die Zustellung bis an die Haustüre in Zukunft teurer wird, zum Beispiel durch einen extra Preisaufschlag für diese Serviceleistung.

 

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