Gut ein Jahr ist es jetzt her, dass Mesner Andreas Turner, bewaffnet mit einer Taschenlampe, in den Nordturm des Münsters kletterte und auszuleuchten begann, warum in aller Welt die große Glocke scheppert wie ein Kochtopf.

Er leuchtet jeden Zentimeter ab und findet: nichts. "So wie die Glocke geklungen hat, hätte ich erwartet, dass sich von oben nach unten ein Riss durchzieht", sagt Turner. Heute, an einem kalten Montagnachmittag, steht er wieder oben im Gebälk. Der Riss an der Glocke ist inzwischen gefunden, knapp 18 Zentimeter ist er lang. Und vermag es, die 5,4 Tonnen schwere Glocke komplett zu verstimmen.

Form und Verlauf des Risses (er geht einfach gerade nach unten), sagt Turner, deuten auf einen typischen Ermüdungsriss hin. Der mögliche Schuldige liegt inzwischen auf dem Boden unter dem Glockenkörper. "Der Klöppel", sagt Turner, "ist wohl auch ein wenig zu schwer gewesen". 195 Kilogramm wiegt er, bei einer Glocke dieser Größe seien maximal 170 Kilogramm angemessen. Erschwerend hinzukam, dass der Klöppel nicht mittig hing. Er schlug also immer stärker auf die Seite ein, an der der Riss aufgetaucht ist.

Schon abgehängt: Mit 195 Kilogramm war der bisherige Klöppel eigentlich zu schwer für die große Glocke. Normal wären 160 bis maximal 170 Kilogramm.
Schon abgehängt: Mit 195 Kilogramm war der bisherige Klöppel eigentlich zu schwer für die große Glocke. Normal wären 160 bis maximal 170 Kilogramm. | Bild: Greiner, Anja

Johannes Wittekind sitzt am Montagmittag in seinem Büro in Heidelberg und erinnert sich noch daran, wie er vor gut einem Jahr zum ersten Mal in Villingen war, um sich den Riss an der Glocke anzuschauen.

Wittekind ist Glockensachverständiger und Leiter der Glockeninspektion des Erzbistums Freiburg. Pro Jahr führt er bis zu 150 Turm- und Geläutprüfungen durch und ist für rund 10 000 Glocken zuständig. Dass eine moderne Glocke, wie die im Villinger Münster, kaputt geht, ist dabei "eher selten". "Das lässt doch eher auf ein Herstellungsproblem schließen", sagt Wittekind.

Ein Fehler in der Materialmischung zum Beispiel. Das könne in den besten Gießereien vorkommen, sagt er. Aktuell warten sie noch auf die Ergebnisse der Materialprüfung. Liegen die vor, wird er Angebote der Firmen einholen.

Er wird exakt zwei Antworten bekommen. In ganz Europa gibt es nämlich nur zwei Unternehmen, die Glocken reparieren können. Eines davon mit Sitz im bayerischen Nördlingen und eines in Holland. Gegen Ende des Jahres, schätzt Glockeninspektor Wittekind, könne mit den Arbeiten begonnen werden.

Für welches Unternehmen er sich am Ende auch entscheiden wird, die Prozedur wird die gleiche sein. Die Glocke wird auf 450 Grad erhitzt werden, dann wird eine Metalllegierung, deren Zusammensetzung exakt dem Glockenmaterial entsprechen muss, eingeschweißt. So bleiben keine Schweißnähte zurück, die den Klang beeinträchtigen könnten. Dann muss die Glocke abkühlen. Zwei bis drei Wochen lang.

Über der großen Glocke hängt noch eine weitere Glocke. Die muss auch erst mal abgestützt werden, wenn dann die große Glocke abgehängt wird.
Über der großen Glocke hängt noch eine weitere Glocke. Die muss auch erst mal abgestützt werden, wenn dann die große Glocke abgehängt wird. | Bild: Greiner, Anja

Während nun Freiburg das Material prüft und ein Ingenieurbüro Schwingungsmessungen am Turm vornimmt, um zu eruieren, ob die Glocke möglicherweise künftig anders aufgehängt werden muss, ist die Münsterpfarrei in Villingen auch nicht untätig. Rund 20 000 Euro an Spenden haben sie inzwischen durch Veranstaltungen wie Benefizkonzerte eingenommen.

Noch reicht es nicht zur Finanzierung der Reparaturkosten. Darum haben sie jetzt eine neue Idee: Jeden zweiten Sonntag im Monat soll ein Frühschoppen im Münsterzentrum stattfinden. Einblicke hinter die Kulissen beispielsweise der Benediktinerkirche gegen Spenden inklusive. "Ein Teil der Kosten können wir aus unserem Haushalt entnehmen", sagt Turner. Außerdem hofft er auch noch auf Unterstützung der Stadt.

Knapp 100 000 Euro lautet die erste Kostenprognose. Ein Großteil davon wird auf den Aus- und wieder Einbau der Glocke entfallen. "Es gibt", sagt Turner, "nur einen Weg."

Der Glockenstuhl muss demontiert werden, die Schalung eines der Fenster, vermutlich das zur Seite des Sudhauses, muss geöffnet werden, der Mittelstab und das Mauerwerk drumherum müssen herausgebrochen und dann muss die Glocke mit einem Kran aus dem Turm gehoben werden.

Bild: Greiner, Anja

Ein Jahr ist es jetzt her, dass die Glocke zum letzten Mal geläutet hat. Auf den ersten, neuen Glockenschlag freut sich Turner schon heute.

Das Münster und seine Glocken

  • Die Verteilung: Insgesamt hängen in den beiden Münstertürmen zehn Glocken. Sieben davon im Südturm in einem Holzglockenstuhl. Darunter, auf einer zweigeschossigen Zwischenetage, hängen die 46 Glocken des Glockenspiels in einer zylindrischen Stahlkonstruktion, sowie die in das Glockenspiel integrierte Glocke der Glockengießerei Grüninger von 1909. Im Nordturm hängen insgesamt zwei Glocken in einem Stahlglockenstuhl. Die sogenannte Glocke eins, die große Glocke, stammt von der Glockengießerei Friedrich Wilhelm Schilling aus Heidelberg und die darüber hängende Glocke zwei von der Karlsruher Glockengießerei.
  • Die große Glocke (also die, die jetzt den Riss hat) hängt seit 1954 im Nordturm des Münsters. Gestiftet hatte die Glocke die Stadt Villingen anlässlich des 250-jährigen Jubiläums der Belagerung der Stadt durch Marschall Tallard im Jahr 1704. Die Glocke ist bisher jeden Freitag um 11 Uhr geläutet worden, um an die Toten der beiden Weltkriege zu erinnern. Das war der Wunsch der Stadt bei der Schenkung.
  • Spenden: Um Spenden für die Reparatur der Glocke zu sammeln, hat die katholische Kirchengemeinde in den vergangenen Monaten bereits einige Veranstaltungen wie Benefizkonzerte organisiert. Seit diesem Jahr soll außerdem zweimal im Monat, immer sonntags, erstmals nun am 13. Januar, ein Frühschoppen im Münsterzentrum stattfinden. Außerdem ist auch ein offizielles Spendenkonto eingerichtet: „Große Glocke Münster“, IBAN DE08 6949 0000 0000 1465 01.

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