VS-Villingen – Zwölf-Stunden-Arbeitstag, 3000 Kilometer Fahrleistung pro Monat: Ruhestand sieht gewöhnlich anders aus. Nicht aber bei Manfred Kraft. Der 67-Jährige, der seit 2006 im Ortsteil Marbach wohnt und bis zu seinem Ruhestand in der Doppelstadt hier zehn Jahre als Berufsberater tätig war, leitet das von der Landesregierung geförderte Projekt „Blühender Naturpark“. Dafür ist Kraft, der nebenbei noch ehrenamtlich Obmann für Bienenweiden des badischen Landesverbandes ist und regelmäßig die Jungimkerkurse in Villingen abhält, landesweit in allen sieben Naturparks vom Süd-Schwarzwald über die Obere Donau bis zum schwäbisch-fränkischen Wald unterwegs.

Kraft berät dort Kommunen, Institutionen, Firmen, Vereine und Privatleute. Die Zielsetzung ist relativ einfach: Eine blühende vielfältige Landschaft kommt Mensch und Natur zu Gute. Sie sichert nicht nur die Nahrungsgrundlage von Bienen, Hummeln und weiteren Insekten sowie deren Lebensräume, sondern sie ist auch ökologisch wertvoll und ermöglicht einen attraktiven Mehrwert für Naherholung und Tourismus.

Blühende Wiesen für Bienen fehlen

Über eine blühende Wiese mit Wildblumen freut sich zwar fast jeder, aber in den letzten Jahren bekommt man sie kaum noch zu Gesicht. Durch die zunehmende Verbauung und intensive Bewirtschaftung unserer Landschaft fehlt es den Bienen und Insekten vielerorts an geeigneten Lebensräumen und an pollen- und nektarspendenden Blüten. „Eine im Jahre 2017 veröffentlichte Langzeitstudie ergab einen dramatischen Rückgang unserer heimischen Insekten von mehr als 75 Prozent, viele Bienenarten sind stark vom Aussterben bedroht“, so Manfred Kraft, der großen Teilen der Bevölkerung „keinen Bezug mehr zur Natur“ attestiert.

Wie sieht nun dieser Bezug selbst bei dem Projektleiter und Naturschützer aus. Seine abwechslungsreiche berufliche Laufbahn lässt diesen intensiven Einsatz für Insekten und blühende Landschaften zunächst nicht vermuten. Diese Vita ist überaus facettenreich. Hier nun der Schnelldurchgang. Kraft studierte nach seinem Abitur in Pforzheim Informatik und Mathematik in Karlsruhe, war als Informatiker Dozent an der Bundeswehrhochschule in München und in den USA und anschließend hauptsächlich im Im- und Export tätig. Als Geschäftsführer und als Vorstandsmitglied einer Bremer Aktiengesellschaft war er im kompletten asiatischen Raum und in Neuseeland unterwegs. Der finanziellen und organisatorischen Beschäftigung mit Seidenraupen und Schafswolle folgte ein von der Europäischen Union gefördertes E-Commerce-Projekt in arabischen Staaten bis Kraft schließlich ab 2006 als Berufsberater seine Berufserfahrung an die Jugend hier in der Region weitergab. Soviel zur beruflichen Karriere.

Von Geburt an mit der Natur gelebt

Für sein derzeitiges Engagement ist er schon von frühester Kindheit an geprägt. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Schömberg bei Calw, hat er mitbekommen, was es bedeutet, von und mit der Natur zu leben. Zur klassischen Vier-Felder-Wirtschaft gehörten Bienenvölker selbstverständlich dazu. Jagd- und Angelschein waren für den Landwirtssohn obligatorisch. Hört sich überaus interessant an, ist aber noch steigerungsfähig. In Anlehnung an die philosophische Vier-Elementen-Lehre will sich Kraft mit und in allen vier Grundelementen auseinandersetzen.

Als begeisterter Motorradfahrer ist es die Erde, mit seinem Flugschein für Motorflugzeuge kann er sich in der Luft bewegen und als Taucher und Regattasegler im Wasser. Wie sieht es nun mit dem vierten Element Feuer aus. Meint er damit etwa seinen Jagdschein? Kraft schmunzelt: Nein, er habe irgendwann auch einmal einen Sprengschein gemacht. Diesen braucht er für seine derzeitige Beschäftigung sicherlich nicht. Seine ansteckende Begeisterung für das Thema hat Sprengkraft genug.

Bei dem Landesprojekt gehe es ihm einfach darum, die Öffentlichkeit für die Problematik zu sensibilisieren. Dabei leistet er eigentlich Hilfe zur Selbsthilfe. Wegen der hohen Bienen- und Insektenverluste und damit der Notwendigkeit, möglichst viele, bestenfalls in viele Parzellen vernetzte Wildblumenwiesen im Land anzulegen, ist ein Netzwerk von Fachleuten für Blühflächen vor Ort erforderlich. Diese werden landesweit durch Manfred Kraft in Seminaren ausgebildet.

Man trifft den Insektenretter aber gelegentlich auch als Praktiker beim Einsäen des Saatgutes an, das der in der Region ursprünglich vorhandenen Pflanzenvielfalt entsprechen muss. Auf Privatgrundstücken und auf landwirtschaftlichen Flächen für den nachhaltigen Naturschutz engagierter Besitzer bringt er es aus. Eine Zielgruppe liegt ihm aber besonders am Herzen. In Kindergärten und Grundschulen werden die jungen „Multiplikatoren“ geschult, um neue Lebensräume für die Insekten zu schaffen.