Wenn Carola F. (Name von der Redaktion geändert) abends von der Arbeit mit dem Auto nach Hause fährt, sieht sie aus dem Fenster ihres Wagens Kinder, die mit Bobbycars über den Bürgersteig sausen oder die in den Gärten der Einfamilienhäuser schaukeln und im Sandkasten buddeln. Der Anblick der spielenden Mädchen und Jungen versetzt der jungen Frau jedes Mal einen großen Stich. „Vier Jahre habe ich versucht, schwanger zu werden, bis klar war, es funktioniert nicht“, erzählt sie mit belegter Stimme. Inzwischen hat sie sich mit dem Gedanken abgefunden, dass sie niemals ihr eigenes Kind auf der Schaukel anschubsen wird. Doch die Trauer über den Verlust dessen, was sie nicht haben kann, und die Scham über ihre Kinderlosigkeit, sind nach wie vor groß.

Carola F. kommt aus dem Kreis Waldshut. Dort hat sie vor kurzem eine Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen. Eine der ersten in der Region. Ungewollte Kinderlosigkeit ist ein Tabuthema. Wie groß, wird bei der Recherche deutlich. Öffentlich darüber reden – auch wenn es anonym behandelt wird – möchte keines der Paare, das in Villingen-Schwenningen die Beratungsangebote von Pro Familia zu diesem Thema annimmt. Gitta Benker, Soziologin und Paar- und Sexualtherapeutin, sitzt an einem kleinen runden Tisch in ihrem Besprechungszimmer bei Pro Familia in Villingen und sagt: „Ich würde mir wünschen, dass man offener über das Thema sprechen kann.“

Dass die Gefühle der Betroffenen ernst genommen und nicht bagatellisiert werden. Gemeinsam mit Silke Nowak, Sozialpädagogin und Paar- und Familientherapeutin, berät Benker Paare, die der unerfüllte Wunsch nach einem eigenen Kind oft bis an ihre Grenzen bringt: „Zu uns kommen die Paare, wenn sie nicht mehr weiter wissen.“ Wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, wenn weder Hormontherapie noch künstliche Befruchtung angeschlagen haben, wenn die Partnerschaft zu leiden beginnt, wenn der Sex nach Plan die Lust darauf genommen hat. Wenn sie sich entscheiden müssen: „Wie weit wollen wir gehen?“, sagt Benker. Und vor allem: Was kommt dann: Ein Leben ohne Kind? Eine Adoption?

„Es hat Jahre gedauert, bis ich mich anderen Menschen anvertraut habe“, erzählt Carola F. Dennoch wissen nur wenige von ihrer ungewollten Kinderlosigkeit. „Jetzt wird’s aber langsam Zeit“ ist einer der Sprüche, die sie von Arbeitskollegen zu hören bekommt und die sie verletzen. Anstatt den Kollegen die Wahrheit zu erzählen, warum sie keine Kinder hat, baut Carola F. eine Fassade auf. Sie erfindet Reisen, die man mit Kinder nicht machen könne, oder schiebt ihre Arbeit vor. Aber: „Dann bekommt man den Stempel karrieregeil aufgedrückt, was ich definitiv nicht bin.“ Offen über ihre Situation zu sprechen, fällt der Frau, die Anfang 40 ist, bis heute schwer. Selbst in ihrem familiären Umfeld werde kaum darüber gesprochen. „Das ist ein Tabuthema“, sagt sie.

Laut des Bundesfamilienministeriums ist in Deutschland fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos. 2017 waren es 20 000 Kinder, die mit Unterstützungsmöglichkeiten auf die Welt gekommen sind. Zu diesen Behandlungsmethoden zählen die Hormontherapie, die künstliche Befruchtung und die Samenspende. Behandlungen, die die Paare oft nicht nur seelisch, sondern auch finanziell bis an die Schmerzgrenze belasten. Zwischen 2000 und 3000 Euro betragen die Kosten für eine künstliche Befruchtung. Nach Abzug des Anteils der Krankenkasse.

„Die Krankenkasse zahlt eine solche Behandlung drei Mal, danach müssen die Paare die Kosten komplett selbst tragen“, sagt Benker. „Ich hatte hier schon Paare sitzen, die sich dadurch auch verschuldet haben“, sagt Nowak. Ein gesetzlicher Anspruch auf die finanzielle Förderung einer künstlichen Befruchtung besteht nicht. Die Betroffenen haben jedoch die Möglichkeit, abhängig von den Förderkriterien des jeweiligen Bundeslandes, bis zu 50 Prozent des verbleibenden Eigenanteils aus Bundesmitteln erstattet zu bekommen.

Zwischen fünf und zehn Paaren aus dem gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis betreuen Benker und Nowak bei Pro Familia im Jahr. Manche kommen zwei oder drei Mal zu einer Sitzung, andere zwei Jahre. Benker und Nowak können auch keine Handlungsanweisung für die Betroffenen geben. Aber sie können zuhören. Dann, wenn die Paare von den Gefühlen erzählen, die man eigentlich gar nicht haben will und über die man noch weniger reden will. Wie die Wut und den Neid auf die beste Freundin oder die Schwester, die jetzt schon wieder ein Kind bekommt. Sie hören zu, wenn die Paare erzählen, dass die Lust am Sex verloren geht, weil der Geschlechtsverkehr zu pragmatisch und mechanisch geworden ist.

Sie machen klar, dass der Kinderwunsch nicht dem Willen unterliegt. „Man muss akzeptieren, dass man dem Zeit geben muss. Dass das Leben nicht immer so planbar ist.“ Bei einigen Paaren sind es körperliche Ursachen, Probleme mit den Eileitern oder der Gebärmutter-Schleimhaut, oder die Qualität der Spermien stimmt einfach nicht. In anderen Fällen ist es schlicht zu viel Stress. „In 20 Prozent der Fälle“, sagt Benker, gibt es keine körperlichen Ursachen.“

Wie auch immer die Paare sich am Ende entscheiden, das Wichtigste für Benker bei der Beratung ist es immer, den Betroffenen klar zu machen: „Man ist auch eine vollwertige Frau, wenn man keine Mutter ist.“

Ungewollte Kinderlosigkeit

Von ungewollter Kinderlosigkeit spricht man laut der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wenn bei einem Paar nach mehr als 24 Monaten trotz regelmäßigem, ungeschütztem Sexualverkehr keine Schwangerschaft eintritt

  • Die Ursachen: Für die Entstehung einer Schwangerschaft sind viele Abläufe nötig: Das Heranreifen von Eizelle und Samenzellen, der Weg der Samenzellen zur Eizelle, deren Verschmelzung, der Transport der befruchteten Eizelle durch den Eileiter, die Entwicklung eines Embryos und seine Einnistung in die Gebärmutter. An diesen Vorgängen sind Organe, Hormone und die Psyche von Mann und Frau beteiligt. Ist nur ein Faktor gestört, kann dies laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu Komplikationen führen und eine Schwangerschaft erschweren oder unmöglich machen. Ab dem 35. Lebensjahr nimmt die Fruchtbarkeit bei Frauen ab.
  • Die Behandlungsmöglichkeiten: Erst wenn die Ursache für die Kinderlosigkeit untersucht worden ist, kann mit einer Therapie begonnen werden. Liegt eine Hormonstörung vor, kann unter Umständen eine Hormonbehandlung helfen. Bei der Samenübertragung bringt der Arzt befruchtungsfähige Samenzellen in die Gebärmutter der Frau ein. So sollen sie die Eizelle schneller und in größerer Menge erreichen als nach einem Geschlechtsverkehr. Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) findet die Befruchtung nicht im Körper der Frau statt, sondern künstlich im Labor. Gelingt die Befruchtung, werden ein bis höchstens drei Embryonen in die Gebärmutter übertragen. Die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) ist die häufigste Methode einer künstlichen Befruchtung. Dabei wird eine Samenzelle direkt in eine Eizelle eingeführt, die zuvor dem Eierstock der Frau entnommen wurde.
  • Ethische Fragen: In Deutschland regeln das Embryonenschutzgesetz und das Gesetz zur Präimplantationsdiagnostik die Anwendung von Fortpflanzungstechniken sowie den Umgang mit Embryonen. Die aufgezählten Behandlungsmethoden sowie die Samenspende sind in Deutschland erlaubt. Gesetzlich verboten sind die Verwendung fremder Eizellen, Leihmutterschaft und die Verwendung von Samen bereits Verstorbener. (jsc)