Am 28. Februar 1900 ist die junge Johanna Kappes endlich am Ziel: Sie darf studieren und bekommt die Möglichkeit, nach Ende ihres Studiums ein staatliches Examen abzulegen. Ab diesem Tag ist sie bei den Vorlesungen keine geduldete "Hörerin" mehr, sondern, zusammen mit vier weiteren Frauen, eine der ersten Studentinnen in Deutschland.

Der Weg dorthin war beschwerlich und fing schon damit an, dass sie in Sachen Schulbildung eine Pionierrolle einnehmen musste. Mit Rückhalt ihrer Familie und einem starken Willen legt Johanna Kappes 1899 in Karlsruhe ihr Abitur ab. Sechs Jahre zuvor war das Mädchengymnasium von der Frauenrechtlerin Hedwig Kettler gegründet worden. Eigentlich war es zu dieser Zeit üblich, dass Mädchen schon früh auf sogenannte "Schulen für höhere Töchter" geschickt wurden. Hier wurden die jungen Frauen aus bürgerlichem Hause in Handarbeit und Hauswirtschaft unterrichtet, damit sie auf ihre zukünftige Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitet waren. Diese Bildung wurde weithin als absolut ausreichend angesehen. Und der katholische Theologe Alban Stolz aus Freiburg beispielsweise wollte nicht einsehen, warum Frauen überhaupt Anspruch auf gehobenere Bildung haben sollten: Es sei "gewissermaßen eine Unnatur, wenn ein Weib in Kunst oder Wissenschaft etwas Bedeutendes leistet".

Dann kam der Umbruch. Das war Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Viele Frauen kämpften nun für eine gleichwertige Ausbildung, es wurden Vereine und Mädchengymnasien gegründet, um gemeinsam das Recht für Bildung einzufordern und durchzusetzen.

Der große Traum von Johanna Kappes ist ein Medizinstudium und so führt sie ihr Weg nach dem Abitur im Jahr 1899 zusammen mit vier anderen Frauen an die Albert-Ludwigs Universität Freiburg.

Nachdem Johanna Kappes Professoren aufgesucht und diese von ihren Fähigkeiten überzeugt hat, darf sie als sogenannte "Hörerin" an den Vorlesungen teilnehmen. Ihr Status an der Uni ist der einer Geduldeten, eine Aussicht auf ein staatliches Examen wird ihr verwehrt. In dieser Hinsicht hinkt Deutschland anderen Ländern hinterher, zum Beispiel durften Frauen in der Schweiz schon seit 1867 ordentlich studieren. In England, Russland und Skandinavien waren die Universitäten schon seit 1870 für Frauen geöffnet.

Noch während ihres ersten Semesters kommt Johanna Kappes mit Adelheid Steinmann in Kontakt. Sie ist die treibende Kraft im Verein "Frauenbildung-Frauenstudium" und ermuntert Frauen, für eine gleichwertige Zulassung als Studentinnen zu kämpfen. Adelheid Steinmann ist mit dem Geologen und Prorektor der Universität, Gustav Steinmann, verheiratet.

Am 2. November 1899 verfasst Johanna Kappes eine Petition an den Senat der Stadt und bittet um das Recht der Immatrikulation. Dieser lehnt ab und auch unter den Professoren regt sich Widerstand: Sie möchten nicht, dass die Freiburger Universität eine Vorreiterrolle einnimmt, da der Ruf als "Frauenuniversität" dem wissenschaftlichen Ansehen schaden könnte.

Doch Prorektor Gustav Steinmann leitet die Petition an das zuständige "Ministerium der Justiz, des Kultus und des Unterrichts" in Karlsruhe weiter. Hier findet Johanna Kappes endlich Gehör.

Am 28. Februar 1900 ergeht der Erlass des Ministeriums: Die badischen Universitäten werden für Frauen geöffnet. Zusätzlich dürfen sich Johanna Kappes und ihre vier Mitstreiterinnen in Freiburg rückwirkend zum Beginn des Wintersemesters immatrikulieren – ihre bisherigen Studienleistungen werden anerkannt. Damit ist das Großherzogtum Baden der Vorreiter für ein vollwertiges Hochschulstudium mit Examen für Frauen. Württemberg zieht im Jahr 1904 nach, das konservativ regierte Preußen öffnete 1908 die Hochschulen für Frauen. Und erstmals promovieren Frauen an den Universitäten Freiburg und Heidelberg in Medizin: Johanna Kappes und eine ihrer Mitstreiterinnen in Freiburg, drei weitere Frauen in Heidelberg.

Nachdem Johanna Kappes im Jahr 1904 ihren Doktortitel in Medizin erhalten hat, heiratet sie den Arzt Heinrich Worminghaus. Zusammen mit ihrem Mann führt sie bis zu ihrem Tod eine Gemeinschaftspraxis in Nürnberg.

Zum Magazin Women's History gibt es einen regionalen Beileger.
Zum Magazin Women's History gibt es einen regionalen Beileger.

Das Magazin

Women's History 3 ist da. Das erste deutschsprachige Magazin über Frauen in der Geschichte erscheint beim Bast Medien Verlag – und hat auch einen eigenen Lokalteil für die Region Schwarzwald, der in Kooperation mit dem SÜDKURIER erscheint. Exklusiv für die Leser des SÜDKURIER hat das Women's-History-Team außerdem nebenstehende Geschichte ausgegraben. Weitere erwarten die Leser im neuen Magazin. Women's History ist samt lokalem Beileger erhältlich in den Geschäftsstelle des SÜDKURIER, versandkostenfrei bestellbar beim Verlag Bast Medien unter www.womens-history.de oder www.bast-medien.de/shop, sowie im Buch- und Bahnhofsbuchhandel.