Nur der Schriftzug auf dem Dach des Gebäudes an der Peterzeller Straße erinnert noch an die SABA in Villingen, viele Jahrzehnte einer der wichtigsten Industriebetriebe der Region. Wenn im September an die Gründung des musikalischen SABA-Ablegers MPS vor 50 Jahren mit einem Veranstaltungswochenende erinnert wird, dann darf auch die SABA selbst nicht vergessen werden. Und genau genommen ist das legendäre MPS-Studio der letzte aktive Teil der Radio- und Fernsehgerätefabrik, die 1919 von Hermann Schwer am Rande von Villingen gegründet wurde. Die Geschichte reicht aber noch sehr viel weiter zurück.

Alles begann in Triberg mit der Uhrenherstellung und mit Leonhard Schwer. Der gründete dort 1797 eine Schlosserei und Uhrmacherei, die 1835 an den Sohn Benedikt Schwer überging, der bis zu seinem Tod 1864 dort „Jockeles-Uhren“, also kleinere Schwarzwald-Uhren, baute. Der Sprung nach vorn kam noch im selben Jahr, als August Schwer die Fertigung übernahm und in der Triberger Werkstatt Präzisionsuhren, Taschenuhren und Briefwaagen fertigte. Bis zu 30 Mitarbeiter waren hier angestellt. Als Nachfolger übernahm Hermann Schwer die Werkstatt und baute nicht nur Uhren, sondern auch Waagen, Rasierapparate, Türklingeln und Fahrradglocken. 1915, während des Ersten Weltkriegs, hatte er noch 16 Mitarbeiter. Kriegsbedingt wurden damals auch Zündkäppchen und Bodenplatten für Munitionsteile hergestellt.

Weitere Entwicklungschancen sah Hermann Schwer in Triberg offenbar nicht mehr. Er kaufte 1919 die Waldmühle in Villingen und gründete hier die „Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt, August Schwer Söhne“. Mit fast 80 Beschäftigten wurde die Produktion von Tür- und Fahrradklingeln in der Fabrik ausgebaut, Klingeltransformatoren kamen hinzu. Die Klingeln gingen in zahlreiche europäische Länder.

Das zukunftsweisende Produkt findet Hermann Schwer Anfang der 1920er Jahre in der Schweiz, wo der Rundfunkbetrieb noch vor dem in Deutschland begann. Hier starteten 1922 regelmäßige Programmausstrahlungen und 1923 ließ der Radiopionier in Villingen Kopfhörer für den Rundfunkempfang und 1925 Radiobauteile fertigen. Damals wurde SABA als Markenzeichen in die Rolle des Berliner Patentamtes eingetragen. SABA war zunächst das Telex-Kürzel der Villinger Metallwarenfabrik, die bereits 350 Mitarbeiter hatte.

Hermann Schwer, der das Potenzial der Radiogeräte früh erkannt hatte, setzte stets auf Qualitätsprodukte. Bis Ende 1931 waren im Villinger SABA-Werk bereits rund 100 000 Radiogeräte hergestellt worden. Damit zählte die Marke aus dem Schwarzwald schon damals zu den führenden Herstellern in Deutschland. Im Geschäftsjahr 1934/35 war SABA sogar größter Rundfunkgerätehersteller im Land – vor Telefunken. Zu dieser Zeit waren in der Fabrik auf dem Gelände der früheren Waldmühle rund 800 Mitarbeiter tätig und es wurden rund 120 000 Geräte hergestellt. Neben den Markengeräten von SABA auch knapp 60 000 Volksempfänger, die Propaganda-Apparate der Nationalsozialisten. Hermann Schwer starb 1936 und die Fabrik wurde von seiner Frau Johanna weitergeführt.

Ein Plakat aus dem Jahr 1933 wirbt für Volksempfänger von SABA.
Ein Plakat aus dem Jahr 1933 wirbt für Volksempfänger von SABA. | Bild: MPS Archiv

In den Folgejahren kristallisierten sich Telefunken, SABA und Mende als die drei Größen auf dem Markt der Radiogeräte heraus. Aber mit dem Krieg endete das schnell. Auch wenn immer weniger Radios gekauft wurden, bedeutete das aber für SABA keinen massiven Einbruch, denn ab 1941 wurde dort fast ausschließlich für die Rüstungsindustrie produziert. Funkgeräte und UKW-Sender beispielsweise. Arbeitskräfte für SABA kamen auch aus dem neben dem Werk gelegenen „Stalag“, wo Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion, Frankreich, Holland und Polen kaserniert waren.

Nur wenige Tage vor Kriegsende 1945 wurde die SABA-Fabrik durch einen Luftangriff der Amerikaner zerstört. Als Besatzer kamen die Franzosen nach Villingen und untersagten zunächst den Bau von Radiogeräten. 1947 wurde wieder eine geringe Stückzahl für die französischen Truppen hergestellt. Aber schon zwei Jahre später lief bei SABA die Produktion wieder rund. Bald standen wieder 1000 Mitarbeiter in Lohn und Brot und 1951 lief das erste Fernsehgerät vom Band.

SABA versuchte es mit Kühlschränken – ein teurer Flop. Die TV-Geräte wurden dagegen immer populärer, vor allem nach dem Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM 1954. Ein ideales Marketinginstrument war in den Folgejahren die SABA-Prominentenelf, in der die komplette Weltmeisterelf als Werbeträger für das Villinger Unternehmen auflief.

Bis 1955 hatte der französische Stadtkommandant in der Villa Schwer gewohnt, die Familie mit Margarete Schwer, der Tochter des SABA-Gründers, lebte übergangsweise am Rande des SABA-Geländes in dem Haus, das mal Werkskantine und davor eine Nudelfabrik gewesen war. Als das Hauptgebäude frei wurde, baute es Hans Georg Brunner-Schwer, ihr ältester Sohn, als Tonstudio aus und experimentierte mit Musikaufnahmen. SABA baute Tonbandgeräte und brauchte bespielte Bänder für die Promotion. Anfang der 1960er Jahre veröffentlichte SABA erste Schallplatten.

Zu der Zeit hatten die beiden Enkel des Firmengründers, Hans Georg und Hermann Brunner-Schwer, die Geschäftsführung übernommen. 1968 stieg der amerikanische GTE-Konzern bei SABA ein. Ein Partner wurde gebraucht, weil das Familienunternehmen alleine den Sprung zum Farbfernsehgerät nicht stemmen konnte. Neben TV- und Radio-Geräten hatten SABA-Schallplatten mittlerweile einen hervorragenden Ruf. Vor allem, was Jazzproduktionen betraf. Hier umfasste der Katalog bereits rund 80 Titel. Dazu gehörten Aufnahmen mit Hans Koller, Wolfgang Dauner, Eugen Cicero, aber auch Archie Shepp, Ben Webster und Stuff Smith, sowie die Reihe „Jazz Meets The World“ von Joachim-Ernst Berendt.

Was Jazzfans mittlerweile international faszinierte, interessierte den GTE-Konzern weniger. Die Amerikaner bestanden darauf, dass die Musiksparte ausgegliedert wurde. Das war der Grund, weshalb 1968 Schallplatten und Tonbänder unter dem Namen „Musik Produktion Schwarzwald“, bekannter als MPS, firmierten. Verantwortlich war Hans Georg Brunner-Schwer. Das war der Start für das erste deutsche Jazzlabel, das mehr als ein Jahrzehnt lang von Villingen aus Musikgeschichte schrieb.

In den frühen 1970er Jahren hatte SABA in den Werken in Villingen, Friedrichshafen, Leutkirch und der Schweiz insgesamt mehr als 5000 Mitarbeiter. 1980 verkauft GTE die SABA an den französischen Thomson-Konzern, der auch Telefunken und Nordmende übernahm. SABA war letztlich nur noch eine Vertriebsgesellschaft von Thomson und wurde 1986 formell aufgelöst.

Das renovierte Studiogebäude an der Richthofenstraße.
Das renovierte Studiogebäude an der Richthofenstraße. | Bild: Friedhelm Schulz

MPS residierte in dem Gebäude, das während der Nachkriegsjahre Übergansdomizil für die Familie Brunner-Schwer wurde. 1983 verkaufte Hans Georg Brunner-Schwer den MPS-Katalog und löste die Musikproduktion auf. Die Studioetage im Gebäude hat sich seither nicht verändert. In dem Kulturdenkmal ist auch nach vielen Jahrzehnten noch der Hauch der Geschichte und des internationalen Flairs zu spüren, ganz so wie 1968. Hier werden auch heute noch Tonaufnahmen gemacht. Zum Jubiläumswochenende vom 7. bis 9. September präsentiert sich das Haus teilweise renoviert. Der Rechtekatalog von MPS ist von der Edel AG gekauft worden, wo immer wieder alte MPS-Aufnahmen neu veröffentlicht werden.

Das Jubiläumswochenende im Internet: http://www.mps-villingen.de