Kontaktbeschränkungen, Quarantäne und soziale Isolation: Die Corona-Maßnahmen sind in unser aller Leben spürbar. Auch der Lockdown verändert den Alltag – um die Gesellschaft vor dem Virus zu schützen. Dadurch spielt sich das Leben mehr zu Hause ab, es fehlt Normalität im Alltag und ein Druck- und Stressausgleich – wie etwa durch Sport – ist gerade schwerer möglich. Doch inwiefern verschärfen die Corona-Reglungen die Thematik der sexuellen Gewalt?

Sexuelle Gewalt ist ein Machtspiel

Marion Hirt von der Grauzone Donaueschingen, eine Beratungsstelle für Opfer sexueller Gewalt, erklärt: „Sexuelle Gewalt ist eine Frage der Macht.“ In Corona-Zeiten nähmen Gewaltbereitschaft und Aggression zu, vermutet Hirt. Es sei logisch, dass sexuelle Gewalt somit auch zunehme. Denn diese Form der Gewalt passiere meistens im engen Umfeld, erklärt sie.

In Zeiten des Lockdowns fehle den Betroffenen ein Ansprechpartner, wie etwa in Verein und Schule. Deswegen würden aktuell weniger Fälle gemeldet, denn es fehle wegen der Corona-Maßnahmen die soziale Kontrolle: „Die Kinder können sich nirgends anvertrauen.“ Die Beratungsstelle habe deswegen auch weniger Meldungen von Fachpersonal in Kindergärten und Schulen, so Hirt.

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Die Rolle des Mundschutzes

„Sexuelle Gewalt wirbelt die Seele und die Psyche auf. Gerade in der Corona-Zeit kommen alte Geschehnisse wieder hoch.“ Deswegen würden in der Donaueschinger Beratungsstelle momentan mehr vergangene Fälle gemeldet, sagt Hirt. Zudem sorge der Mund-Nasen-Schutz im öffentlichen Raum für gegensätzliche Reaktionen und Haltungen: Ein Teil der Bevölkerung lehne diese Maßnahme strikt ab, weil das Tragen der Schutzmasken beispielsweise Panikattacken hervorgerufen habe. Ein anderer Teil begrüße den Mund-Nasen-Schutz mit der Begründung, dass er Sicherheit vermittele.

Die Corona-Situation verstärke auch Ängste wie innere Krisen und Konflikte der Opfer. „Es ist gut, wenn die Opfer sich jemandem anvertrauen können. Opfer müssen aus der sexuellen Gewalt rauskommen können“, erklärt Hirt. Denn sexuelle Gewalt habe viel mit Machtmissbrauch und Abhängigkeit zu tun. Beratungen der Grauzone würden aufgrund der Corona-Situation momentan nur telefonisch durchgeführt.

Gewalt in geschlossenem Raum

„Das Leben in der geschlossenen Familie macht sexuelle Gewalt einfacher“, sagt Daniel Mielenz, Amtsleiter der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEKJ). Denn Opfer könnten weniger Abstand von den Familien nehmen und seien gezwungen, in der Zeit des Lockdowns zu Hause Zeit zu verbringen, erklärt er. „In Zeiten von Arbeit oder Unterricht von zu Hause kann sich die Situation von Familien, die zu sexueller und häuslicher Gewalt neigen, verschlimmern“, vermutet Mielenz. Doch das sei nicht die Regel, denn in manchen Familien verstärke der Lockdown den Zusammenhalt und die Beziehungen zueinander.

Daniel Mielenz, Amtsleiter Beratungsstelle der BEKJ
Daniel Mielenz, Amtsleiter Beratungsstelle der BEKJ | Bild: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis
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Eine erhöhte Anzahl an Anfragen erfahre die BEKJ gerade nicht. Das habe auch viel mit einem Schamgefühl der Opfer zu tun, welche sich nicht trauten, Beratungen oder Hilfsangebote zu nutzen. „Es ist wichtig zu wissen, dass jemand für sie da ist“, sagt Mielenz. Es sei zudem auch wichtig, dass man aus der Vereinzelung ausbreche und sich jemanden anvertraut. „Denn das ist der erste Schritt, damit sich die Situation verbessern kann“, sagt der Amtsleiter. Die Donaueschinger Beratungsstelle biete eine Telefonberatung an und auch beim Jugendamt finde man als Betroffener Hilfe. „Man ist mit der Problematik nicht alleine und auch keinesfalls schuldig, es gibt auch in der Corona-Zeit viele Hilfsangebote„, betont Mielenz.

Anstieg an sexueller Gewalt

„Wir verzeichnen seit ein paar Jahren einen leichten Anstieg bei sexuellen Übergriffen, insbesondere bei Kindern im Grundschulalter“, erklärt Michael Stöffelmeier, Vorstand des Caritasverbands Schwarzwald-Baar. Bei den älteren Kindern mit Blick auf die Jugendlichen habe man immer wieder Fälle in unterschiedlichsten Konstellationen, sagt er. Dies bestätige auch die Beratungsstelle in Donaueschingen. Ob es dies nun vermehrt in Corona-Zeiten gibt, könne er aber nur hypothetisch beantworten. Er erlebe zumal oft, dass es längere Zeit benötige, bis sich die Personen dazu äußern könnten.

Michael Stöffelmeier, Vorstand des Caritasverbands Schwarzwald-Baar
Michael Stöffelmeier, Vorstand des Caritasverbands Schwarzwald-Baar | Bild: Heuser, Christoph

Welche Wege kann ein Betroffener nun gehen? „Es ist wichtig, dass man sich Hilfe sucht. Es gibt viele Anlaufstellen wie die Beratung der Caritas oder auch die Grauzone in Donaueschingen„, rät Stöffelmeier. Doch wie erschwert das Coronavirus die Beratungsarbeit der Caritas? „Viele gewohnte Abläufe müssen in dieser Zeit neu gedacht und umgesetzt werden“, sagt er. Auch das Jugendamt sei für Personenverkehr geschlossen gewesen. Einige Mitarbeiter seien auch im Homeoffice gewesen, nur im äußersten Notfall habe es Hausbesuche und Hilfegespräche gegeben, so Stöffelmeier.

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