Unterschiedliche Argumentationen: Wenn es um die Windparks Bräunlingen und auf der Länge geht, führen die Gegner oft die unterschiedlichsten Argumente an. Während in Bräunlingen vor allem auf die Optik, den Tourismus und die Keltengräber gesetzt wird, ist die Argumentationsliste des Vereins Arten- und Landschaftsschutz Länge-Ettenberg, der gegen die beiden Windparks des Singener Unternehmens Solarcomplex und des Münchner Unternehmens Green City kämpft, wesentlich umfangreicher und setzt unter anderem auch auf den Natur- und Artenschutz.

Insbesondere will der Verein, so gab er bei seiner Gründung im Juni an, „die herausragende Natur- und Kulturlandschaft der Länge und des Ettenbergs in ihrer Eigenart und Schönheit“ erhalten, den Artenschutz der dort heimischen Flora und Fauna zu fördern, die besondere Bedeutung des Vogelschutzes im dort verlaufenden Flugkorridor aufzeigen und bewahren, sowie den Erholungswert der Landschaft bewahren. Dazu soll der Verein „alle rechtlich zulässigen Maßnahmen zur Erhaltung dieses Gebietes“ ergreifen.

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Aktuell ist auf der Länge wieder einmal Stillstand angesagt, denn eine bundesweite Naturschutzinitiative hat am Verwaltungsgericht Freiburg einen Eilantrag gestellt. Es um die Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz (BiMSchG), die das Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis als zuständige Behörde dem Singener Unternehmen Solarcomplex erteilt hat. Eine Entscheidung ist noch nicht getroffen und es wird voraussichtlich auch noch einige Wochen dauern, bis damit gerechnet werden kann.

Neue Pflanzenarten nach Rodung

Derweil hat jedoch der BUND sein Monitoring für den Windpark Verenafohren bei Tengen, der ebenfalls von Solarcomplex errichtet worden ist, vorgelegt. Die Waldrodungen beim Bau des Windparks Verenafohren habe keineswegs eine Verminderung des Artenreichtums zur Folge. Nach Untersuchungen in Form eines Monitorings durch den BUND-Kreisverband sei die Vielfalt sogar gestiegen, wie Eberhard Koch, Vorsitzender des BUND-Kreisverbands Konstanz, erläutert.

Bei drei Begehungen im Mai 2017 sowie Mitte Mai und Ende Juni 2018 hatten die Experten vom BUND das Gelände begangen und erstaunlich viele Arten entdeckt. „Nach der Rodung der Waldflächen hat sich eine typische Schlagflora entwickelt“, so Eberhard Koch. Dies seien Pflanzenarten, die im Boden eine Samenbank bilden und bei genügend Licht auskeimen. Auf den Lichtungen um die Windräder haben sich zahlreiche Arten großflächig angesiedelt. Dazu gehören Johanniskrautarten, drei Distelarten, die kleinblütige Königskerze, aber auch Karden, Nachtviole oder Barbarakraut. Disteln können an diesen Standorten bleiben, da keine Äcker in der Nähe sind, sagen die Experten des BUND.

An den Zufahrtswegen zu den Windrädern findet man eine große Zahl von Waldsaumarten, die am Übergang von sonnigen und schattigen Stellen gut gedeihen. Durch den Kalkboden, der hier flachgründig und nährstoffarm ist, und weil es auch Abstufungen von trockenen bis zu staunassen Abschnitten gibt, kommen besonders viele Arten vor, erläutert Eberhard Koch. Dazu gehören in den Bereichen mit ausgeglichener Feuchtigkeit Reitgras, Wasserdost, Waldziest und Teufelskralle.

Der Feurige Perlmuttfalter ist vom Aussterben bedroht.
Der Feurige Perlmuttfalter ist vom Aussterben bedroht.

Da der Standort auf 750 Metern Höhe liegt, kommen auch alpine Arten wie Waldstorchschnabel, Alpenziest, Alpen-Heckenkirsche oder Schwarze Akelei vor. Eine Besonderheit sei das Auftreten des kleinblütigen Fingerkrauts. Diese submediterrane Art komme in Baden-Württemberg nur an wenigen Stellen im südwestlichen Hegau vor. Eine lange Liste an Arten findet sich auch an den trockenen Abschnitten, darunter rundblättrige Glockenblume, Wolfsmilcharten oder Seggenarten.

Besonders froh ist der BUND, dass der unmittelbar am Weg zum Windpark wachsende Frauenschuh, der als FFH-Art hochgradig geschützt ist, von den Bauarbeiten überhaupt nicht beeinträchtigt wurde. „Die Pflanzen sind vital und haben mit 30 Blütenständen reichlich geblüht“, sagt Eberhard Koch. Die Pflanzen waren während der Bauzeit mit Folien geschützt worden. Ein weiterer Frauenschuh-Standort habe dagegen gar nicht geblüht, möglicherweise wegen Lichtmangels.

Hummeln mögen den Nektar von Glockenblumen gern.
Hummeln mögen den Nektar von Glockenblumen gern.

Die neu entstandenen Waldsäume sind für Tiere ein interessanter Lebensraum. Ohne gezielt zu suchen, fanden die Experten vom BUND Schmetterlingsarten wie Aurorafalter, Zitronenfalter, Landkärtchen, Schachbrett, Schornsteinfeger, Kaisermantel und die vom Aussterben bedrohten Feurigen Perlmuttfalter. Am Übergang zum Wald fühlen sich offensichtlich Waldameisen wohl. Auch Rehe nutzen die neuen Bereiche übrigens als Äsungsflächen.

Für die nächsten etwa drei bis vier Jahre werde diese Schlagflora noch bleiben, doch in fünf bis zehn Jahren setzen sich die Bäume, die dort keimen, wieder durch. Wenn man die Flächen jährlich im Herbst abmähen würde, könne man die Arten des Waldsaums aber etablieren, riet Eberhard Koch.

Der Frauenschuh blüht am Rande der Wege, die zum Windpark Verenafohren führen.
Der Frauenschuh blüht am Rande der Wege, die zum Windpark Verenafohren führen.

Auf mögliche Verluste von Vögeln durch die Windräder angesprochen, entgegnete Marian Schreier, Bürgermeister von Tengen, dass es bislang keine Meldungen von Förstern gab. Der BUND habe sich – trotz Skepsis bei Waldrodungen – von Anfang an für Verenafohren ausgesprochen, sagt Koch. „Wir stehen regenerativer Energie wie Windkraft positiv gegenüber, wenn sie möglichst wenig Natur zerstört“. Im Bereich von Verenafohren sei die Entwicklung zahlreicher Arten erstaunlich und nur aufgrund der Böden so möglich, resümierte Eberhard Koch.

Die Windparks in der Region

  • Der Windpark Verenafohren ist über vier Jahre projektiert worden. Im Juni 2017 gingen drei Anlagen Nordex N-131 mit je 3,3 Megawatt (MW) Nennleistung, 134 Meter Nabenhöhe und 131 Meter Rotordurchmesser in Betrieb. Diese sind seit Anfang 2018 im Regelbetrieb und sollen pro Jahr rund 20 Millionen Kilowattstunden sauberen Windstrom liefern.
  • Der Windpark Länge: Auf der Länge plant Solarcomplex die Errichtung von sieben Windenergieanlagen. Aktuell ruhen die Arbeiten jedoch, denn beim Verwaltungsgericht in Freiburg liegt ein Eilantrag im Bezug auf die Genehmigung, die das Landratsamt des Schwarzwald-Baar-Kreises erteilt hat, vor. „Wir werden die Entscheidung abwarten“, sagt Solarcomplex-Vorstand Bene Müller. In unmittelbarer Nähe plant das Münchner Unternehmen Green City vier weitere Windkraftanlagen.
  • Der Windpark Bräunlingen: Zwischen Döggingen und Waldhausen soll ein weiterer Windpark entstehen. Hier plant das Konsortium DGE Wind bis zu sieben Windkraftanlagen. Noch laufen bis September die Windmessungen. Bestätigen diese eine Wirtschaftlichkeit des Windparks, soll das Genehmigungsverfahren in Angriff genommen werden. Allerdings werden vorher auch noch die Bräunlinger Bürger abstimmen, ob die Stadt überhaupt ihre Flächen für den Windpark verpachten soll. Der Bräunlinger Gemeinderat hatte sich zwar dafür ausgesprochen, jedoch hatten die Gegner mit einer Unterschriftenaktion einen Bürgerentscheid erwirkt. DGE Wind betont allerdings: Selbst wenn sich die Bräunlinger Bürger gegen die Verpachtung der Flächen aussprechen, sollen die Windpark-Planungen fortgeführt werden. Dann sollen nach Angaben von DGE Wind drei Windkraftanlagen auf Flächen des Fürstenhauses gebaut werden. Die Stadt Bräunlingen hätte dann keinen Verhandlungsspielraum mehr, was die Höhe sowie den Abstand der Anlagen zur Wohnbebauung betrifft.