Die Baar verfügt über ein reiches und weitverzweigtes Kulturerbe – und das beleuchtet der SÜDKURIER in einer Serie anhand von fünf Beispielen. Als Viertes rückt das Kartenspielen in den Blick: Vom Skat sowie vom badischen Nationalspiel Cego geht hierzulande eine ganz eigene Faszination aus.

Warum spielt der Mensch?

Wer auf diese grundsätzliche Frage eine einfache und doch richtige Antwort geben möchte, kann sagen: Der Mensch spielt, weil es seinem Wesen entspricht. Diese Einsicht hat bereits der griechische Philosoph Platon um 350 vor Christus gewonnen, Hirnforscher wie der Göttinger Gerald Hüther sind aus völlig anderer Warte zu einem vergleichbaren Ergebnis gekommen. Wer spielt, weilt vorübergehend auf einer „Insel der Lebendigkeit“. Spielen kann einen Menschen seine Sorgen vergessen machen, lässt ihn Emotionen zeigen oder macht ihm einfach nur Freude, ob er nun gewinnt oder nicht.

Franz Trenkle aus Mundelfingen ist einer der bekanntesten Cego-Spieler der Baar. Gleich zwei Mal errang er den Titel eines Schwarzwald-Meisters.
Franz Trenkle aus Mundelfingen ist einer der bekanntesten Cego-Spieler der Baar. Gleich zwei Mal errang er den Titel eines Schwarzwald-Meisters.

Seit wann gibt es Spielkarten?

Spielkarten sind um das Jahr 1200 in China erfunden worden und dann über Indien in den Nahen Osten gekommen. Kreuzfahrer müssen sie nach Europa mitgebracht haben. Seit etwa 1400 gibt es hier überall Spielkarten und den Beruf des Kartenmachers. Zunächst ein Hobby der Landsknechte, wurde das Kartenspielen bald auch in weiten Kreisen der Gesellschaft beliebt. Was die Gestaltung der Spielkarten angeht, kamen gegen 1800 jene Blätter auf, die grafisch in der Mitte geteilt und damit auf der Hand drehbar sind. Wenig später wurden auch die Rückseiten der Karten bedruckt, und zwar mit neutralen Mustern.

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Der Reiz des Kartenspielens

Die meisten Kartenspiele sind keine reinen Glücksspiele – auch Skat und Cego nicht. Sie erfordern vielmehr ein beachtliches Maß an Wissen und Können, also an genauer Kenntnis der oft vielschichtigen Spielregeln und an strategischem Geschick. In der Mischung aus anfänglichem Zufall und aus der überlegten Anwendung der Regeln, der klugen Berechnung oder auch einer planvollen List liegt ein starker Reiz. Wenn am Spielbeginn die Karten gemischt und verteilt werden, haben die Spielenden je nachdem eher Glück oder Pech. Spannend wird es, was der Einzelne daraus macht.

Die Kartennamen des Einsers sind verschieden: In Mundelfingen heißt er Kleiner Mann, in anderen Orten Geiß, Trock, Baberle oder auch Fantel.
Die Kartennamen des Einsers sind verschieden: In Mundelfingen heißt er Kleiner Mann, in anderen Orten Geiß, Trock, Baberle oder auch Fantel.

Karten in Redensarten

Es ist erstaunlich, wie viele sprachliche Wendungen aus dem Kartenspiel zu selbstverständlichen deutschen Redensarten geworden sind. Ohne entsprechenden sozialen Stellenwert dieses Spiels wäre das nicht geschehen. Wer gute Karten hat, befindet sich in einer günstigen Situation. Wer seine Karten aufdeckt, gibt seine Absichten zu erkennen. Im Gegensatz dazu hält jemand seine Bestrebungen geheim, wenn er sich nicht in die Karten gucken lässt. Wer das kühne Risiko liebt, setzt alles auf eine Karte. Und wer einen entscheidenden Entschluss erst ganz spät fassen möchte, behält erst einmal alle Trümpfe in der Hand.

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Skat als Kulturerbe

Die Deutsche Unesco-Kommission hat Skat spielen in ihr Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe aufgenommen. Die Begründung dafür lautet sinngemäß so: Skat zu spielen zählt zu den kulturellen Traditionen und Ausdrucksformen in Deutschland. Beim Skat handelt es sich um ein Spiel, das mathematisches und logisches Denken genauso voraussetzt wie kreatives Denken. Es wird sowohl im Wettkampf als auch zur Entspannung in der Freizeit gespielt. Es führt Menschen verschiedener Altersgruppen und sozialer Schichten zusammen und fördert dabei das gemeinschaftliche Leben. Mit anderen Worten: Skat hat eine verbindende Kraft.

Der Bräunlinger Skatklub Herz As spielt an Tischen zu viert. Hier kämpfen Wolfgang Hickl (vorne von links), Erwin Neubert, Simon Gawlick und Helmut Neininger um die Punkte.
Der Bräunlinger Skatklub Herz As spielt an Tischen zu viert. Hier kämpfen Wolfgang Hickl (vorne von links), Erwin Neubert, Simon Gawlick und Helmut Neininger um die Punkte.

Cego als badische Besonderheit

Die Volkskunde fördert ab und zu Kurioses zutage. Frage: Kennen Sie ein Spiel, das fast nur im Erzbistum Freiburg gespielt wird? Die Antwort: Cego. Damit ist dieses Kartenspiel, was seine Verbreitung betrifft, historisch etwas Besonderes. Wo es herkommt, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Eine der gut nachvollziehbaren Vermutungen lautet, dass Soldaten aus Baden, die ab 1808 an Napoleons Feldzug auf der Iberischen Halbinsel beteiligt waren, das Spiel aus Spanien mitgebracht haben. Nach ihrer Heimkehr wurde das Spiel im ganzen Großherzogtum bekannt. Und zudem in den Hohenzollernschen Landen, die kirchlich zum Erzbistum gehören und wo ehemalige Freiburger Studenten später zum Beispiel als Pfarrer oder Beamte wirkten.

Der Vereinsvorstand des Skatklubs Herz As sorgt für die regelmäßige Pflege des traditionellen Skatspiels: der Vorsitzende Wolfgang Busse (von links), Kassierer Otmar Egle, Spielleiter Wolfgang Hickl und die Vize- Vorsitzende Roswitha Staller. <em>Bild: Gunter Faigle</em>
Der Vereinsvorstand des Skatklubs Herz As sorgt für die regelmäßige Pflege des traditionellen Skatspiels: der Vorsitzende Wolfgang Busse (von links), Kassierer Otmar Egle, Spielleiter Wolfgang Hickl und die Vize- Vorsitzende Roswitha Staller. Bild: Gunter Faigle

Hochburgen des Kartenspiels auf der Baar

Skat und Cego werden nach wie vor auf der ganzen Baar gespielt, und das in verschiedenen Vereinen, in Gasthäusern oder in privaten Runden. Um der offensichtlichen Faszination, die von diesen beiden Kartenspielen ausgeht, besser auf den Grund zu kommen, rücken Spielerinnen und Spieler aus zwei Orten exemplarisch in den Mittelpunkt: Menschen aus Bräunlingen und aus Mundelfingen.

  • Skat in Bräunlingen: Gut 25 Jahre alt ist der einheimische Skatklub Herz As, seit zwölf Jahren fungiert Wolfgang Busse als sein Vorsitzender. Das Kartenspiel Skat, das sich um 1815 in der Kartenmacherstadt Altenburg in Thüringen aus dem Schafkopf, dem Tarock und dem L'Hombre entwickelt hat, begleitet ihn seit rund vier Jahrzehnten. Der Vater hatte es ihm im jugendlichen Alter beigebracht, in der Familie wurde es regelmäßig gespielt. Pausen nutzte er in der Kantine seiner Arbeitsstätte zuweilen für eine kleine Runde mit Kollegen. Auf die Frage, worin für ihn der besondere Reiz des Skatspiels liege, antwortet Wolfgang Busse ohne zu zögern etwa so: "Im Skat hat man es mit immer neuen und unerwarteten Situationen zu tun und das Tempo eines Spiels, das jeweils nur rund zwei Minuten dauert, ist einfach toll."
  • Unvorstellbar viele Möglichkeiten: In der Tat hat es ein Skatspieler ständig mit unbekannten Kartenkombinationen zu tun. Das liegt daran, dass es rein rechnerisch für die Verteilung der 32 Karten auf drei Spieler und zwei auf den Tisch unvorstellbare 2,8 Billiarden Möglichkeiten gibt – eine Zahl mit 16 Stellen. Was macht nun einen guten Skatspieler aus? Busse sagt: "Könner merken sich trotz des Spieltempos alles – die Trümpfe und all die anderen Karten, die bereits gefallen sind, dazu die eigene aktuell erworbene Punktezahl und dann noch die der Gegner." Wer wie die aktiven Mitglieder des Skatklubs Herz As über 40 Trainingstermine im Jahr wahrnimmt, erreicht einen internen Ranglistenplatz, der kaum vom Glück abhängt. Um den begehrten Platz eins zum Jahresende spielen in Bräunlingen 18 Herren und drei Damen.
  • Cego in Mundelfingen: Auf dem Gebiet des Cego ist Franz Trenkle aus Mundelfingen eine Autorität. Eine "rätselhafte Kunst" hat man dieses Kartenspiel aus gutem Grund genannt. Wer es erlernen möchte, bekommt es mit 22 Trümpfen, 16 Bildern und 16 leeren Karten zu tun. Nach nicht leicht zu durchschauenden Regeln wird gereizt, gesteigert, addiert und abgezogen, abgestuft bewertet und auch noch entgegen dem Uhrzeigersinn gespielt. Für Franz Trenkle ist das alles kein Problem. Zweimal schon ist er nach jeweils 13 Turnieren Schwarzwald-Meister geworden. Sein Mundelfinger Großvater hat Trenkle das Spiel schon beigebracht, noch bevor er in die Schule kam, und das auf eine kindgerechte Weise. "Mein Opa war im Ersten Weltkrieg. Von dort hatte er Cegokarten mitgebracht und zu jedem Bild hat er ein Gschichtle gewusst."
  • Lokale Besonderheiten: Interessant ist, wie Trenkle lokale Regelabweichungen im Cego schildert. Zu früheren Zeiten der Abgeschiedenheit von Ortschaften in den Wintermonaten haben sich örtliche Eigenheiten herausgebildet. So wurde im Simonswälder Tal und im Glottertal teilweise nach anderen Regeln gespielt als auf der Baar. Und Trenkle kennt auch noch alte Bräunlinger, die ihr Cego etwas anders spielen als er und seine Mundelfinger Partner.
  • Kontrollierte Emotionen: "Nicht nur die Karten angucken, sondern auch die Mitspieler", lautete bereits ein Rat des Großvaters. Ungeübte Spieler kontrollieren ihre Emotionen nicht, zeigen nach dem Geben der Karten Freude oder runzeln die Stirn und verraten so die Qualität ihrer Karten. "Bei den alten Füchsen sieht man nichts im Gesicht", sagt Trenkle, "und sie beobachten genau, wo die anderen ihre Karten stecken haben." Langjährige Spielerfahrung bringt ohne Zweifel viele Vorteile.
  • Wissen, können, weitergeben: Für den Erhalt des Kulturerbes Karten spielen ist es unerlässlich, dass das entsprechende Wissen und Können weitergegeben wird. Das gilt in gleichem Maße für den interessanten Skat wie für das variantenreiche Cego. 15 Kinder der Grundschule Bachheim-Unadingen wurden in einem Sommerferienprogramm von Thomas Fluck und Michael Hasenfratz in das Cegospiel eingeführt. Und Franz Trenkle leitet aktuell an der Volkshochschule Baar einen entsprechenden Kurs. Er ist mit 16 Teilnehmenden ausgebucht und die Damen sind eindeutig in der Mehrheit.