Eine Flussfahrt ist schön. Gemütlich schaut man sich die Landschaft an, genießt einen guten Wein und entspannt sich – so zumindest die gängige Vorstellung. Anders sieht das allerdings für Albert Frey und Bernhard Hauser aus Bräunlingen aus. Sie haben eine gänzlich andere Vorstellung davon, wie man einen Fluss erleben sollte, nämlich hautnah. Nur ein paar handbreit über dem Wasser, Paddel in der Hand – mit dem Trekking-Schlauchboot.

  • Unter freiem Himmel: Nachdem die Freunde bereits dem Verlauf der Donau bis ins Schwarze Meer folgten, haben sie jetzt auch den Rhein auf ihrer Liste stehen. In einer letzten, zehn Tage langen Etappe fuhren sie von Emmerich am Rhein vorbei am niederländischen Arnheim bis nach Rotterdam und schließlich Hoek van Holland an der Nordsee. Ein Abenteuer jenseits aller üblichen Vorstellungen eines Urlaubs. Übernachtet wird im Schlafsack unter freiem Himmel, das Essen wird jeweils bei einem Uferhalt neu eingekauft, jeden Tag werden etliche Kilometer Wasserweg zurückgelegt.
Achtung Gegenverkehr: Auf dem Fluss ist immer Vorsicht geboten, es herrscht reger Schifffahrts-Verkehr. Darunter auch richtig große Kähne, die einem kleinen Schlauchboot nicht ausweichen können.
Achtung Gegenverkehr: Auf dem Fluss ist immer Vorsicht geboten, es herrscht reger Schifffahrts-Verkehr. Darunter auch richtig große Kähne, die einem kleinen Schlauchboot nicht ausweichen können. | Bild: Simon, Guy
  • Wenn der Regen kommt: Mittlerweile beherrschen Albert und Frey ihr aufblasbares Kanu ganz gut. Das Manövrieren funktioniert, Wendemanöver sind kein Problem mehr. "Als wir 1999 das erste Mal auf der Donau gefahren sind, da war das noch anders. Nach 200 Metern sind wir schon im Wasser gelandet und waren nass", sagt Bernhard frei und muss schmunzeln. Passiert auf einer Tour irgendwas, wird es sportlich genommen. Die Aufregung und der Ärger gehören dazu – aber ändern lässt ich daran ja nichts. Wie, wenn es plötzlich anfängt zu regnen, obwohl bereits nach einem Schlafplatz Ausschau gehalten wird: "Du bist auf dem Fluss und plötzlich regnet es. Da stellt man sich schon die Frage: Was machen wir jetzt?", sagt Albert Frey. Er ergänzt: "Dann heißt es allerdings: Zusammenkauern und weitermachen." Bis ein Unterstand gefunden ist.
Wildnis in den Niederlanden: Wildpferde kommen in einem Naturreservat nah an den Fkuss und bestaunen die beiden Bräunlinger in ihrem Kanu.
Wildnis in den Niederlanden: Wildpferde kommen in einem Naturreservat nah an den Fkuss und bestaunen die beiden Bräunlinger in ihrem Kanu. | Bild: Simon, Guy
  • Strapaziös aber schön: Regnet es mehrere Tage, dann dauert es eben auch mehrere Tage, bis alles mal wieder trocken ist. "Die Klamotten trocknen am Körper", erklärt Hauser. Dann jeden Tag weiter zu machen, das koste schon Überwindung. Aber es gehöre eben dazu. Es quält, strapaziert, belohnt dann aber unglaublich nach der Bewältigung. Das Schöne überwiegt: Die lustigen gemeinsamen Stunden, das Erkunden der fremden Städte, Sonnenuntergänge über dem Rhein, das nächtliche Vesper am Flussufer.
Bunte Flussmenschen: Entlang der Strecke sehen Hauser und Frey allerlei, so auch dieses kunterbunte Hausboot in der Nähe der Stadt Arnheim.
Bunte Flussmenschen: Entlang der Strecke sehen Hauser und Frey allerlei, so auch dieses kunterbunte Hausboot in der Nähe der Stadt Arnheim. | Bild: Simon, Guy
  • Nachts: Geschlafen wird in dem Trekking-Boot, das für beide Platz bietet. Man müsse lediglich die Füße etwas anziehen. Ansonsten schützt nur der Schlafsack vor den äußeren Einflüssen. In der Nacht binden die beiden ihr Hab und gut, verstaut in großen Kunststoffgefäßen, immer an das Boot. Aus der Erfahrung lernt man. Tiere könnten kommen und etwas verschleppen, oder – der schlimmste Fall: Die Flut umspült das Boot. Da wäre alles weg", sagt Hauser. Auf dem Weg zur Nordsee wechselt der Rhein vielfach seinen Namen, verzweigt sich, und irgendwann greifen auch Ebbe und Flut. Das müssen die Flussfahrer berücksichtigen. Strömt das Wasser zurück, kämpfen sie gegen einen unbesiegbaren Gegner.
  • Andächtige Größe: Was sie auf der Strecke zu sehen bekommen, sorgt oftmals auch für sprachloses Staunen. Die beiden überqueren den Maas-Amsterdam-Kanal, eine gigantische Flusskreuzung. Je näher sie Rotterdam kommen, desto größer werden auch die Schiffe, die ihnen begegnen. Der Roterdamer Hafen ist der größte in Europa. Da kann es schon mal passieren, das ein Boot einen überdiomensionalen Schwimmkran im Schlepptau hat.
Der kann nicht bremsen: Beim Rotterdamer Hafen kommen die ganz großen Schiffe entgegen, hier etwa ein Schwimmkran. Vorne der kleinere Schlepper.
Der kann nicht bremsen: Beim Rotterdamer Hafen kommen die ganz großen Schiffe entgegen, hier etwa ein Schwimmkran. Vorne der kleinere Schlepper. | Bild: Simon, Guy
  • "Wenn wir da im Weg sind, wird auch mal gehupt oder mit dem Lautsprecher gerufen", sagt Hauser, "die können ja nicht halten oder ausweichen." Vorsicht ist auf der Strecke immer geboten: "Wir mussten immer auf der Hut sein." Besonders im Hafengebiet wird es anstrengend: "Dort waren überall senkrechte Flusseinfassungen. Die Wellen konnten nicht auslaufen, sondern wurden zurückgeworfen und kreuzten", so Hauser. Das kleine Schlauchboot wird zur Nussschale im Meer.
  • Verkalkuliert: Bevor sie schließlich das Ende ihrer Rheinfahrt erreichen, gibt es für die Bräunlinger noch eine harte Probe: In einem der Flussführer, die sie dabei hatten, steht eine falsche Kilometer-Angabe. In ihrer Rechnung müsste das Ende bald erreicht sein. Es sollte noch neun weitere Kilometer gehen. "Wir dachten, dass jetzt jeden Moment Schluss sein müsste. Da wurde mir schon etwas anders", sagt Frey. Schließlich erreichen sie das gigantische Maeslant-Sperrwerk. Damit wird die Stadt Rotterdam vor möglichen Sturmfluten geschützt. 680 Tonnen wiegen die beiden Sperrtore, jedes über 20 Meter hoch und 210 Meter breit. "Da wird man schon andächtig", sagt Frey. Körperlich erreichen die Bräunlinger ihre Grenzen: "Kurz vor dem Ende wird es richtig anstrengend", erklärt Hauser.
  • Das Ende der Reise: Bevor mit dem kleinen Boot schließlich das Meer erreicht wird, nimmt die Tour jedoch ein jähes Ende. Die Polizei befiehlt Hauser und Frey kurz vor dem Landeplatz der Fähre nach England, ab hier nicht weiter zu fahren. Die beiden sollen umkehren. Die letzten Meter zur Nordsee erreichen sie schließlich mit dem Auto. "Ich bin gut befreundet mit Michael Kasprowicz, dem ehemaligen Leiter des Löffinger Verkehrsamtes. Seine Tochter lebt in Amsterdam. Die beiden haben uns abgeholt und sind mit uns zur Nordsee gefahren", freut sich Hauser.
Endlich am Ziel: Bernhard Hauser (links) und Albert Frey sind stolz. Sie haben den Rhein bezwungen und schließlich die Nordsee erreicht.
Endlich am Ziel: Bernhard Hauser (links) und Albert Frey sind stolz. Sie haben den Rhein bezwungen und schließlich die Nordsee erreicht. | Bild: Simon, Guy

Zuhause bleibt dann einige Tage noch ein kleines Souvenir: Das Schwanken. "Ich hatte das auch nach der Rükkehr hin und wieder mal", sagt Hauser. Pläne für eine weitere Tour reifen bereits. Im Urlaub will Bernhard Hauser mit seinem Auto die Moldau entlang fahren, um zu schauen, wie die Strecke auf dem Wasser so aussieht.