Ronni Keller lehnt sich weit in seinem kippbaren Stuhl zurück. Bequem sieht diese Sitzhaltung aber trotzdem nicht aus. Wie auch? Schließlich ist der Mann in der blauen Arbeitsschürze damit beschäftigt, eine Tuba auszubeulen. Dazu hält er das acht Kilo schwere Blechblasinstrument – das optisch an einen Grammophon-Trichter erinnert – mit der rechten Hand über dem Kopf. Die andere Hand umgreift einen Hammerstiel. Vorsichtig bearbeitet Keller die Dellen des offensichtlich schon etwas älteren Instruments. Ganz schön anstrengend. "In diesem Fall geht es noch ganz gut", sagt der Metallblas-Instrumentenmacher. Das Instrument über ihm sei ja nur eine Kindertuba – ein ausgewachsenes Exemplar nochmal deutlich schwerer.

Für Ausbeulen und Innenreinigung sowie den Einbau neuer Ventile braucht Ronni Keller ungefähr zwei Stunden. Er ist einer von vier Mitarbeitern, die in der sonnendurchfluteten Werkstatt in der Mühlhauser Straße am Werkeln sind. Auch der Chef, Firmengründer Fritz Lüttke, legt selbst Hand an. Eben noch hat sich der drahtige Mann mit den weißen Haaren um eine Posaune gekümmert, jetzt streift er sich die Arbeitshandschuhe ab. "Bei uns wird alles von Hand gemacht", sagt der 64-Jährige mit ruhiger Stimme. "Von der kleinsten Flöte bis zur größten Tuba."

Statt Maschinen und Computern kommen bei den Reparaturen zum größten Teil konventionelle Werkzeuge zum Einsatz.
Statt Maschinen und Computern kommen bei den Reparaturen zum größten Teil konventionelle Werkzeuge zum Einsatz. | Bild: Schottmüller, Daniel

Wer repariert, muss spielen können

Etwa ein Drittel der Arbeitszeit verwenden er und seine Mitarbeiter auf den Neubau von Instrumenten. Den Rest verbringen sie mit Reparaturen. "Von Dellen und Beulen einmal abgesehen, besteht bei Blasinstrumenten oft das Problem, dass sie undicht werden oder die Töne nicht mehr ansprechen." Solche Reparaturen sind für Lüttke Routine. "Der Neubau ist die größere Herausforderung", sagt er. Dieser läuft aber nur noch individuell und auf Bestellung ab. "20 bis 50 Stunden brauchen wir dann, um ein kleineres Blechblas-Instrument herzustellen."

Wichtig ist dabei, dass der Handwerker das jeweilige Instrument zumindest rudimentär beherrscht. Fritz Lüttke selbst spielt Waldhorn: "Ich habe als Achtjähriger im Musikverein in Volkertshausen angefangen – und spiele dort bis heute." Zusammen mit seinen Mitarbeitern könnte er ein firmeneigenes Quintett gründen. Trompete, Schlagzeug, Horn, Posaune und Klarinette: Man ergänzt sich.

Von Volkertshausen nach Singapur

Eröffnet hat der Volkertshausener seine Werkstatt allerdings noch ganz alleine. Damals, 1981, arbeitete Lüttke ausschließlich für Kunden aus der Umgebung. "Das war noch bis in die 90er Jahre so", erinnert er sich. "Heute können wir von der Region nicht mehr leben." Einen Grund dafür sieht Lüttke darin, dass die Blasmusikvereine stetig an Mitgliedern verlieren. Um am Markt zu überleben, orientiert sich der Instrumentenhersteller seit zwei Jahrzehnten deutschlandweit. "Heute haben wir Stammkunden im Ruhrgebiet und in Franken", erzählt der 64-Jährige. Seit einigen Jahren verschickt er seine Blasinstrumente sogar über die Landesgrenzen hinaus. Finnland und Russland nennt er als Beispiel für Abnehmerländer. "Im Herbst sind wir mit einem Stand auf einer Musikmesse in Österreich vertreten und versuchen dort, in den Markt einzusteigen."

Der internationale Kundenstamm sorgt immer wieder für Überraschungen in der Werkstatt im 3000-Einwohner-Ort Volkertshausen. "Ich weiß noch, wie ich ein Flügelhorn für einen Kunden in Singapur angefertigt habe", blickt Lüttke zurück. Dreimal hätte er das Instrument nach Asien geschickt, dreimal habe der Kunde kleinere Korrekturen angemeldet, bis das 4600 Euro teure Horn schließlich exakt seinen Wünschen entsprach. "Zwei Jahre später bekam ich eine Anfrage aus den USA", berichtet der Instrumentenbauer. "Ein amerikanischer Kunde fragte an, ob wir ein Horn reparieren könnten, dass er gerade gekauft hätte", erzählt Lüttke. "Als ich sein Paket hier in Vokertshausen auspackte, wusste ich sofort: Das ist das Flügelhorn, das ich damals gebaut und nach Singapur geschickt habe."

Unikate gegen Billigware

Der Kontakt über das Internet und das Hin-und-Herversenden von Ware sind für Lüttke nichts Ungewöhnliches. "Ich war der erste in der Branche, der standardisierte Reparatur-Pakete in einem Online-Shop angeboten hat", berichtet der Geschäftsinhaber, "Ein Modell, das von vielen Konkurrenten kopiert wurde." Wie auf Kommando kommt in diesem Moment die Postbotin zur Tür herein. "Heute ist es nicht so viel", sagt sie gutgelaunt. Sie hätte vier Pakete dabei. "Gestern waren es zwölf", erklärt Lüttke, während einer der Lehrlinge zum Postauto eilt, um die Pakete auszuladen. Egal, ob im Falle von Neuanfertigungen oder Reparaturen: Der Versandhandel bestimmt bei Lüttke Blasinstrumente das Tagesgeschäft.

Jedes Instrument ein Unikat: Vom ersten Konzept bis zur endgültigen Fertigstellung können teilweise sogar Jahre vergehen. Lüttke ist stolz auf die Qualitätsprodukte, die er und seine Mitarbeiter in Volkertshausen anfertigen.
Jedes Instrument ein Unikat: Vom ersten Konzept bis zur endgültigen Fertigstellung können teilweise sogar Jahre vergehen. Lüttke ist stolz auf die Qualitätsprodukte, die er und seine Mitarbeiter in Volkertshausen anfertigen. | Bild: Schottmüller, Daniel

Obwohl man sich in Volkertshausen den Herausforderungen der Zeit stellt: Einfach ist die Situation für den Instrumentenhersteller nicht. Das hat vor allem mit der Konkurrenz zu tun, die aus Fernost auf den europäischen Markt drängt. "Bei uns kostet eine handgefertigte Trompete um die 3000 Euro – ein in China hergestelltes Modell ist schon für unter 100 Euro zu haben", verdeutlicht Lüttke. Umgekehrt würden chinesische Arbeiter an einem Tag aber weniger verdienen als in Volkertshausen auf die Stunde bezahlt wird. "Die Chinesen haben den Markt gehörig durcheinandergewirbelt", sagt der Instrumentenbauer. Seine Antwort: In Zusammenarbeit mit Profi-Musikern entwickelte liebevoll gefertigte Unikate, die mit ausgefallener Optik überzeugen. "Das läuft recht gut", freut sich Lüttke. Mit Nischen- statt Massenprodukten will der Betrieb auch in Zukunft erfolgreich sein. Wie langlebig dieses Konzept sein wird, wird sich zeigen. Fritz Lüttke will aber gerade seinen jungen Mitarbeitern Mut machen: "Für gute Leute wird es weiter Chancen geben!"