Was wünschen sich Bürger von ihrer Stadt? Das soll künftig bei der Stadtplanung intensiv beleuchtet und berücksichtigt werden. Dafür haben drei Ausschüsse des Gemeinderats einem Konzept für Quartiersarbeit zugestimmt, das Professor Martin Albert vom Heidelberger Institut für Sozial- und Verhaltenswissenschaften erarbeitet hat. „Quartiersarbeit ist nichts Neues in Singen“, sagte dieser, doch bislang fehle ein Gesamtkonzept. Ein Anfang dafür liegt nun vor und hat neben einem laut Oberbürgermeister Bernd Häusler „ambitionierten Zeitplan“ auch bald konkrete Folgen: Eine Koordinierungsstelle soll noch diese Woche ausgeschrieben werden, auch ein Quartiersbüro in der Innenstadt soll bald umgesetzt werden.

Das sind zwei Bausteine des Konzepts, das Singen in den nächsten Jahren deutlich verändern könnte.

Acht Bausteine für ein besseres Zusammenleben

Was Professor Martin Albert präsentierte, klingt nach einem Zaubermittel für besseres Wohnen. Deutlich mehr Lebensqualität in den einzelnen Quartieren und Stadtteilen, mehr soziales Engagement von Bewohnern und mehr sozialer Zusammenhalt. Damit das gelingt, empfiehlt der Experte acht Bausteine: Eine Koordinierungsstelle, einen Gemeinderats-Ausschuss samt Fachbeirat nur für die Quartiersentwicklung, Stadtteil- und Bürgervereine, Stadtteilkonferenzen und Bürgerversammlungen sowie Quartiersarbeit in den Stadtteilen, ein Quartiersbüro, nötige Personalstellen und eine Prozessbegleitung.

Der Herz-Jesu-Platz ist ein Beispiel dafür, wie Zusammenleben sich entwickelt – auch städtebaulich.
Der Herz-Jesu-Platz ist ein Beispiel dafür, wie Zusammenleben sich entwickelt – auch städtebaulich. | Bild: Tesche, Sabine

Wie fachübergreifend das Thema ist, zeigte sich schon am Kreis der Zuhörer: Im Ausschuss für Kultur, Schule und Sport zusammen mit dem Ausschuss für Familien, Soziales und Ordnung war der Professor per Video zugeschaltet. Eine Woche später erklärte Martin Albert sein Konzept im Ausschuss für Stadtplanung, Bauen und Umwelt live vor Ort. Sein Credo blieb: „Bewohner sind die Experten in ihrem Lebensumfeld“, daher sollten sie einbezogen werden.

Auch die schweigende Mehrheit soll mitreden können

Nach und nach soll in den nächsten Monaten entwickelt werden, was Bürger sich von ihrer Stadt wünschen. Eine Maßnahme dafür sind sogenannte aktivierende Bürgerbefragungen, bei denen mindestens 100, besser 150 oder 200, Menschen sich zu ihrem Lebensraum äußern können. Dabei sollen Menschen nicht nur per Post oder Mail kontaktiert werden, sondern auch persönlich bei ihrem Einkauf im Supermarkt, wie Bürgermeisterin Ute Seifried auf Nachfrage von Isabelle Büren-Brauch (Grüne) sagte. So soll auch die schweigende Mehrheit erreicht werden.

Stadtteilkonferenzen sollen dann gerade zu Beginn die Akteure, Einrichtungen und Vereine zusammen bringen. Ein weiterer Baustein sind regelmäßige Bürgerversammlungen, die etwa über Planungen informieren sollen. Dabei sollen Betroffene auch ihre Bedürfnisse schildern und Schlüsselthemen definieren können. Bürgerbeteiligung mache aber nur dann Sinn, wenn sie bereits vor den Planungen einsetzt, betonte Albert.

Es geht nicht nur um soziale Themen

Die Stadt will sich entsprechend des Vorschlags aus Heidelberg Zeit lassen für einen Entwicklungsprozess, der nachhaltige Lösungen bringen soll. Dabei geht es laut Albert nicht nur um soziale Themen, sondern ein Gesamtkonzept: Ein Stadtentwicklungsplan soll ökonomische, soziale, ökologische und bauliche Aspekte verbinden. Diesen Ansatz hatte auch der fraktionsübergreifende Antrag von SPD, Grüne, Freie Wähler und SÖS im Herbst 2019.

Die Idee kam 2019 auf, jetzt ist sie politisch auf den Weg gebracht

Nach einem Klausurtag des Vereins Kinderchancen hätten sich die Fraktionen zusammengetan, um Quartiersarbeit auf einen politischen Weg zu bringen, erinnert sich Martin Burmeister von der städtischen Stabsstelle für Sozial- und Bildungsplanung. Die Fraktionen sahen die kleinräumige Stadtentwicklung als wichtige Querschnittsaufgabe aller Fachbereiche und forderten, dass dem veränderten Zusammenleben auch städtebaulich Rechnung getragen werden müsse. Dafür könne man auch bestehende Strukturen nutzen und ausbauen. In den Sitzungen wurden unter anderem der Verein Kinderchancen, die Initiative „Stark im Süden“ und die Siedlergemeinschaft als Beispiele genannt.

Anfänge für Quartiersarbeit gibt es beispielsweise mit dem Siedlerheim in der Südstadt und dem Verein Kinderchancen, im Bild links Christian Siebold von der Siedlergemeinschaft und Udo Engelhardt vom Verein Kinderchancen.
Anfänge für Quartiersarbeit gibt es beispielsweise mit dem Siedlerheim in der Südstadt und dem Verein Kinderchancen, im Bild links Christian Siebold von der Siedlergemeinschaft und Udo Engelhardt vom Verein Kinderchancen. | Bild: Tesche, Sabine

In den nächsten fünf bis zehn Jahren sollen dauerhafte Strukturen geschaffen werden

Erst mit einer konkreten Vision soll es an die Umsetzung gehen. „Da haben wir eine Menge vor uns“, sagt Burmeister auf Nachfrage. Es sollen dauerhafte Strukturen geschaffen werden, die auch nach dem geplanten Projektzeitraum von fünf bis zehn Jahren greifen. Dabei könne die Stadt trotz Einschränkungen weitreichend eine abgestimmte Stadtplanung ermöglichen, ist sich der beratende Professor Martin Albert sicher.

106.250 Euro stehen schon bereit. Doch was ist mit den Folgekosten?

Eine der Einschränkungen könnten die Finanzmittel sein. Die Kosten für das Konzept belaufen sich bislang auf 8320 Euro, 4000 Euro davon werden gefördert. Auch für die Quartiersarbeit gibt es Zuschüsse: Das Landesprogramm „Quartiersimpulse“ habe bereits 85.000 Euro bewilligt. Die Stadt muss einen Eigenanteil von 20 Prozent beisteuern, insgesamt stehen dann 106.250 Euro zur Verfügung. Ein Problem sah unter anderem Angelika Berner-Assfalg (CDU) in den langfristigen Kosten: Die Anschubfinanzierung laufe nur bis 2023. Sie fragte, ob nicht jemand aus der Verwaltung diese Aufgabe übernehmen könnte. Nein, antwortete Bürgermeisterin Ute Seifried: „Ohne Koordinierungsstelle ist dieses Projekt für uns nicht machbar.“

Die neu zu schaffende Stelle soll nicht nur Ansprechpartner sein, sondern auch das nun vorgestellte Konzept in einen konkreteren Stadtentwicklungsplan überführen.

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Erstmal geht es besonders um Innenstadt und Südstadt

Von Singens drei großen Stadtteilen stehen dabei erstmal zwei im Vordergrund: Innenstadt und Südstadt. „Wir wollen die Nordstadt nicht vernachlässigen, haben aber sehr begrenzte Mittel“, erklärte Martin Burmeister. Die Innenstadt bietet laut Konzept mit vielen Neubauten aktuell eine große Chance zur Quartiersgestaltung: „Kein Bereich der Stadt Singen wird in den nächsten Jahren sein öffentliches Bild und seine Bevölkerungsstruktur so stark verändern wie die Innenstadt“, schreibt Professor Albert mit Verweis etwa aufs Cano, Bahnhofsvorplatz und Herz-Jesu-Platz.

Bild: Tesche, Sabine

In der Südstadt sollen besonders bestehende Ansätze weiterentwickelt werden. Dort kann sich der Experte auch ein Stadtteil- und Familienzentrum Südstadt vorstellen. Familienfreundliches Wohnen werde die Zukunft von Stadtteilen maßgeblich mitbestimmen und sollte ein zentraler Schwerpunkt von Quartiersarbeit sein.

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Wie es weiter gehen soll: Der Zeitplan

  • 1. Quartal 2021: Vorstellung in politischen Gremien und Einrichtung des städtischen Ausschusses Quartiersentwicklung.
  • 2. Quartal 2021: Einrichtung der Koordinierungsstelle, Stadtteilkonferenzen in der Innenstadt sowie Südstadt und Klärung einer Machbarkeitsstudie für ein Stadtteil- und Familienzentrum Südstadt. Laut Martin Burmeister von der Stabstelle für Sozial- und Bildungsplanung sind demnächst Gespräche mit dem Verein Kinderchancen geplant, um konkrete Pläne für die Entwicklung der Quartiersarbeit in der Südstadt zu besprechen.
  • 3. Quartal 2021: Aktivierende Befragung in der Singener Innenstadt und Bewohnerversammlungen in der Innenstadt sowie Südstadt.
  • 4. Quartal 2021: Gründung von Stadtteilvereinen in der Innenstadt sowie Südstadt und Einrichtung eines Quartierbüros in der Innenstadt.
  • 1. Quartal 2022: Stadtteilkonferenz in der Nordstadt, wo auch eine Bewohnerversammlung stattfinden soll.
  • 2. Quartal 2022: Gründung eines Stadtteilvereins für die Nordstadt und Einrichtung eines Bewohnertreffs Singen-Nordstadt.
  • 3. Quartal 2022: Einrichtung eines Stadtteil- und Familienzentrums Südstadt sowie Vorstellung des Integrierten Stadtentwicklungsplans.
  • 4. Quartal 2022: Gemeinsame Tagung „Quartiersentwicklung und Quartiersarbeit“