Nicola Maria Reimer

Frau Hinterberger, in der Vergangenheit haben Sie viele Theaterprojekte in der Bodenseeregion realisiert. Wie kam es denn zu den Stücken in Zusammenarbeit mit dem Hospizverein Konstanz sowie dem Hospiz- und Palliativzentrum Horizont in Singen?

Ich stand mit einem Seniorenzentrum in Kontakt und darüber entwickelte sich der Kontakt zu den Hospizen. Im Prinzip kam das, so wie alles in meinem Leben, über die Offenheit, die zufälligen Begegnungen und den Austausch mit Menschen.

„Himmelwärts – Meine letzte Reise“ ist in Kooperation mit dem Hospiz- und Palliativzentrum Horizont entstanden. Wie der Titel verrät, geht es um den Tod. Auch wenn es jeden irgendwann trifft, ist es für viele Menschen ein unbehagliches Thema.

In unserem Kulturkreis schon – meistens jedenfalls. Für mich selbst war der Tod nie ein Tabu. Vielleicht deshalb, weil ich mich ihm auf eine kindliche, unbedarfte Weise nähern durfte. Meine Oma hatte einen Kolonialwarenladen, und ich durfte nie an das große Glas mit Himbeerbonbons.

Als sie dann starb, wurde sie – wie es früher üblich war – in dem Laden aufgebahrt. Ich habe meine Oma betrachtet und von den Himbeerbonbons genommen, weil sie nun nicht mehr schimpfen konnte. (lacht)

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Als Kinder haben wir auch unseren Kanarienvogel oder Hund begraben und das mit einer Grabrede und Blumen zelebriert. Ich habe wohl deshalb den Tod nie als Bedrohung gesehen, sondern als Teil des Lebens.

Das heißt, dass es in Ihrem Theaterstück darum geht, sich dem Tod auf andere Weise zu nähern?

Ja. Das Wunderbare am Theater ist ja, dass es auch Bewältigungsarbeit ist. Ich kann ein Thema aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und den Zuschauern aus dem eindimensionalen Denken helfen, indem ich neue Sichtweisen eröffne. Wir können beispielsweise zeigen, wie andere Kulturen mit etwas umgehen.

Der Darstellung einer Szene können wir mithilfe von Dramaturgie, Humor, der Erzählweise, Stimmlagen oder der Lautstärke Nachdruck verleihen. Wie können Ungelebtes visualisieren und lebendig werden lassen. Und wir können – speziell auf unser Stück bezogen – dem Tod mit alledem neue Facetten verleihen.

Dass der Tod viele Facetten hat, zeigen die Schauspieler Helmut Thau (links) und Sava Vinokic bei ihren Proben zum Stück ...
Dass der Tod viele Facetten hat, zeigen die Schauspieler Helmut Thau (links) und Sava Vinokic bei ihren Proben zum Stück „Himmelwärts – Meine letzte Reise“. | Bild: Gems-Theater

Wie ist das Theaterstück entstanden?

Zunächst habe ich mit dem bewährten Schauspiel-Ensemble einen Wochenend-Workshop veranstaltet, bei dem ich Impulse gab, die die Grundlage für einen Ideenaustausch waren. Ich habe das große Glück, mit Menschen zu spielen, die sich vertraut sind, daher agieren wir im Team sehr konstruktiv. Die Vorschläge, die wir sammeln, probieren wir aus und entscheiden dann: Was ist spielbar, was setzten wir um?

Und was kam heraus?

Eine wunderbare Szenencollage, die lustige und traurige Momente beinhaltet, nachdenkliche und impulsive. Dabei nehmen wir das Publikum mit auf eine Reise – und zwar wörtlich gesehen. Wir beginnen in den Innenräumen des Hospizes Horizont, gehen dann vor das Haus, wo die nächste Szene stattfindet. Eine weitere spielt in der Fußgängerzone, und der Abend endet in dem wunderbaren Trauergarten der Stadt Singen.

Dass wir mit dem Publikum in Kontakt kommen, ist wahrscheinlich auch besonders. Am Premierentag kann man im Café des Hospizes bereits ab 18 Uhr zusammenkommen und eine Kleinigkeit essen und trinken. Und nach der Veranstaltung ist das Publikum eingeladen, mit uns die Premierenfeier zu genießen. Dann ergeben sich sicherlich noch Gespräche miteinander.

Während man im Horizont Tag für Tag mit der letzten Reise konfrontiert wird, gibt es bei Menschen, die mitten im Leben stehen, vielleicht Berührungsängste. Wie haben sie das Stück inszeniert, dass es nicht zu schwer ist, nicht erdrückt?

Singen ist eine wahnsinnig bunte Stadt – nicht nur von den Menschen her, sondern ebenso im kulturellen Bereich. Wir zeigen mit unseren Collagen, wie andere Kulturen mit dem Tod umgehen, dass sie ihn beispielsweise feiern und Verstorbene in das Leben integrieren.

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Dazu beleuchten wir szenisch Gespräche, die ich selbst im Trauergarten gehört und erfahren habe, und machen damit Mut. Es geht darum, die Facettenhaftigkeit des Todes zu zeigen und wie wir damit umgehen können.

Was würden Sie sich für den Umgang mit dem Tod wünschen?

Dass der Tod kein Tabu-Thema ist, sondern mehr in das Leben integriert wird. Vielleicht sogar auf kreative Weise, etwa im Malunterricht, im Schauspiel, im Schreiben. Durch diese Inspiration können neue Perspektiven eröffnet und Berührungsängste gegenüber dem Thema Tod abgebaut werden.

Als letzte Frage: Was würden Sie sich für Ihren eigenen Tod wünschen?

Wahrscheinlich nur, dass ich nicht alleine sterbe, sondern in den Armen meines Liebsten. Oder in einem Hospiz.