Besucher müssen schon eine blühende Fantasie haben, wenn sie durch die Festungsruine auf dem Singener Hausberg Hohentwiel wandern. Jedenfalls dann, wenn sie sich vorstellen wollen, wie es hier früher wohl einmal ausgesehen hat. „Früher“, das ist die Zeit, bevor die französischen Truppen unter Napoleon die Festung 1800 einnahmen, sprengten und anschließend schleiften. Eine 3D-App der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg hilft hier ab sofort allen auf die Sprünge, die tief eintauchen möchten in längst vergangene Zeiten. In mühevoller Detailarbeit hat ein Team rund um den Kunsthistoriker Dr. Frithjof Schwartz in den vergangenen zwei Jahren die Festungsruine virtuell rekonstruiert und die 3D-Modelle für Besucher erlebbar gemacht.

Hohentwiel als Pilotprojekt

„Die Digitalisierung des Hohentwiel ist das Pilotprojekt innerhalb des Leuchtturmprojekts ‚Virtuelle Rekonstruktion von Kulturliegenschaften‘. An ihm testen wir, was alles möglich ist“, erklärt der Projektmanager. Parallel dazu laufen drei weitere Teilprojekte. So werden auch Bereiche des Mannheimer Schlosses, die Gartenanlagen Wilhelma in Stuttgart und Schloss Weikersheim derzeit digitalisiert. „Der Hohentwiel ist eine der interessantesten Festungsanlagen in ganz Deutschland. Er bot sich aus mehreren Gründen als Pilotprojekt an“, sagt Schwartz. „Es gibt eine Vielzahl von Plänen und Zeichnungen, anhand derer sich hervorragend rekonstruieren lässt, wie es hier vor der Zerstörung aussah. Außerdem haben wir die Vermessungsdaten des Landes, die uns ebenfalls sehr weitergeholfen haben.“ Und nicht zuletzt handele es sich um ein Gelände, das die Besucher ersteigen und erwandern können – das macht es für sie am Ende besonders spannend.

Frithjof Schwartz ist als Projektleiter der Staatlichen Schlösser und Gärten dafür zuständig, den Hohentwiel per App für Besucher wieder erlebbar zu machen.
Frithjof Schwartz ist als Projektleiter der Staatlichen Schlösser und Gärten dafür zuständig, den Hohentwiel per App für Besucher wieder erlebbar zu machen. | Bild: Heike Thissen

Um die Pläne für die digitalisierte 3D-Version der Festung umzusetzen, mussten die Initiatoren das gesamte Gelände mit Drohnen noch einmal neu photogrammetrisch vermessen. Mit diesen Daten, jahrhundertealten Planunterlagen und einer großen Menge an Schrift- und Bilddokumenten aus verschiedenen Archiven begannen ein Bauhistoriker und ein Modellierer, die früheren Zustände auf dem Hohentwiel zu rekonstruieren. Auf dem Computer ergänzte er die Dinge, die heute nicht mehr sichtbar sind. So entstanden zum Beispiel dreidimensionale Gebäude, wo heute nur noch einzelne Mauern zu sehen sind. „Das Ganze haben wir nicht nur für die Zeit unmittelbar vor der Schleifung der Burg gemacht, sondern für verschiedene Zeitabschnitte. So decken wir die Entstehungsgeschichte der Festung seit dem 16. Jahrhundert ab“, erklärt Schwartz das Außergewöhnliche der Hohentwiel-App. Über die früheren Bauphasen haben sich keine Nachrichten erhalten.

Besucher können also anhand ihres Smartphones oder mit einem der Tablets, die sie im Besucherzentrum ausleihen, die Festung so erleben, wie sie einmal war. Ein interaktives virtuelles Modell der Anlage leitet sie. Alle Stationen der Festung und Funktionen der App sind mit dem Model verbunden und abrufbar. So können sie zum Beispiel am Ort der ehemaligen Rossmühle oder der Windmühle die Mühlen mit ihren sich drehenden Räderwerken in Echtzeit betrachten. Längst verschwundene Funktionsräume, wie die Kelter, aber auch repräsentative Bauten wie das Herzogsschloss und die Kirche tauchen auf dem Smart-
phone als lebendige Gebäude auf.

Dank Digitalisierung funktionieren in der App auch die Mühlen in der Burganlage wieder.
Dank Digitalisierung funktionieren in der App auch die Mühlen in der Burganlage wieder. | Bild: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg. 

Der Besucher entscheidet

Dem Projektleiter und seinem Team war wichtig, dass die Besucher selbst entscheiden können, welche Themen sie interessieren und wie tief sie in die Geschichte eintauchen wollen. Deshalb können sie auf dem Bildschirm wählen zwischen dem photogrammetrischen Modell der Ruine und dem rekonstruierten Zustand der Festung. An markierten Stellen erhalten sie gezielt Informationen. Dabei haben sie die Wahl: Wollen sie in einer klassischen Guided Tour über das Gelände wandern und sich an verschiedenen Stationen Informationen anhören? Oder möchten sie im Explorer-Modus auf eigene Faust den Hohentwiel erkunden? Hier erfahren Festungsbegeisterte zum Beispiel alles über die Menschen, die hier lebten, aber auch über die Pflanzen und Tiere.

Anhand der App können Nutzer nachvollziehen, wie die Festung auf dem Hohentwiel aussah, bevor sie zerstört wurde.
Anhand der App können Nutzer nachvollziehen, wie die Festung auf dem Hohentwiel aussah, bevor sie zerstört wurde. | Bild: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg. 

Etwas ganz Besonderes bietet die App Besuchern mit der Möglichkeit, das gesamte Gelände über die so genannte Ego-View-Perspektive zu erfahren. „Wie bei einem Videospiel können Gäste über Smartphone oder Tablet die rekonstruierte Festung um sich herumgehend erleben. Dort, wo heute nur noch Mauerreste stehen, sieht man auf dem Bildschirm intakte Gebäude um sich und kann so die Atmosphäre des historischen Raumes nachempfinden“, erklärt Schwartz.

Völlig neu in der Museumswelt

Die sich dem jeweiligen Besucherstandpunkt stets angleichenden Modelle werden allein über GPS gesteuert. Eine solche Besuchererfahrung ist etwas völlig Neues in der Museumswelt.

Verzögerung durch Corona

Eigentlich sollte die App den Besuchern in Singen schon seit Frühling 2020 zur Verfügung stehen. Doch die lange Sperrung der Anlage wegen Steinschlags und die anschließende Corona-Pandemie verzögerten das Projekt. Jetzt konnten Frithjof Schwartz und Experten aus ganz Deutschland das Projekt beenden. Und Besucher brauchen anstelle von blühender Fantasie nur noch ihr Smartphone, um per Zeitreise die Burganlage zu entdecken.

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